Venenthrombose
Gegen Thrombosen und Embolien braucht es eine viel bessere Prophylaxe.
Prof. Nils Kucher, Leitender Arzt, Kliniken für Angiologie und Kardiologie, Schweizer Herz-und Gefässzentrum, Inselspital Bern, im Interview.
Wo lauern die grössten Gefahren für Thrombosen und Lungenembolien?
Die Hälfte aller diagnostizierten venösen Thrombosen und Lungenembolien ereignen sich im Spital. Die andere Hälfte ausserhalb einer Klinik, also zu Hause oder in Alters- oder Pflegeheimen. Nach dem 60. Lebensjahr steigt das Thrombose-Risiko stark an, besonders, wenn jemand zunehmend immobil wird, sich einer Operation unterziehen muss oder an einer Allgemeinerkrankung wie Herzschwäche, Infektionen oder Krebs leidet. In einer älter werdenden Gesellschaft wird dieses Thema deshalb immer wichtiger.
Was ist mit der Pille?
Die Pille geht mit einem leicht erhöhten Thromboserisiko einher. Rauchen übrigens auch. Beides zusammen potenziert dieses Risiko. Deshalb sollte eine Frau, welche die Pille nimmt, auf keinen Fall rauchen.
Und langen Flugreisen?
Es kommt immer wieder mal vor, dass jemand auf einem langen Flug eine Thrombose oder Lungenembolie erleidet. Zum Glück sind das Einzelfälle. Dennoch sollten sich Personen mit einem erhöhten Thromboserisiko auf langen Reisen schützen, das heisst alle eineinhalb bis zwei Stunden aufstehen und herumlaufen. Wenn das nicht möglich ist, jede halbe Stunde die Beine bewegen. Stützstrümpfe tragen, viel Trinken und auf Alkohol verzichten. Eine medikamentöse Thromboseprophylaxe macht man, wenn zusätzliche Risikofaktoren für eine Thrombose vorhanden sind.
Drei Viertel aller Venenthrombosen bemerkt man offenbar gar nicht.
Das ist genau das Problem. Venenthrombosen werden viel zu selten diagnostiziert. Dabei führt jede zweite bis dritte Beinvenenthrombose zu einer Lungenembolie. Und jede dritte bis vierte Lungenembolie verläuft tödlich, wenn man sie nicht behandelt. Und wer sie übersteht, hat eine hohe Rezidivgefahr. Deshalb muss das Thema Thromboseprophylaxe in der Praxis des Hausarztes ein viel grösseres Gewicht erhalten. Die Patienten werden heute immer früher aus dem Spital entlassen. Andere werden ambulant betreut oder sind bettlägerig. Das sind alles Umstände, bei denen der niedergelassene Arzt an die Gefahr von Thrombosen und Embolien denken muss. Aber auch in den Spitälern muss die Thromboseprophylaxe dringend verbessert werden. Erschreckenderweise bekommt in der Schweiz nämlich nur rund die Hälfte der Patienten eine solche Prophylaxe, die eine bräuchten. Wieso das so ist, weiss man nicht. Ich vermute, dass der ständig wachsende administrative Aufwand der Ärzte dazu führt, dass medizinische Dinge schlicht und einfach vergessen werden, die auf den ersten Blick nicht die höchste Priorität haben.
Eine Thromboseprophylaxe war bisher alles andere als einfach. Was bringen die neuen Tabletten?
Bisher mussten zur Thromboseprophylaxe täglich Spritzen unter die Haut des Oberschenkels oder Bauches gegeben werden. Die bisher verfügbaren Tabletten zur Thromboseprophylaxe sind sehr schlecht steuerbar, sodass rund die Hälfte der Patienten gar nicht im therapeutisch wirksamen Bereich liegt. Das führt zu Thrombosen, wenn das Blut zu wenig stark verdünnt ist, oder zu Blutungen, wenn ein zu starker Blutverdünnungseffekt vorliegt. Mit den neuen Tabletten haben wir endlich Medikamente, die eine vorhersehbare Wirkung haben und keine Überwachung brauchen. Wir stehen an einem Wendepunkt, vor einer neuen Ära.








