KrankheitenAngst, Depression

Eine Depression ist heilbar

Nicht Defizite und Konflikte suchen, sondern Ressourcen aufbauen.

Chefarzt und Privatdozent Dr. Martin Keck über die moderne Therapie von Stress, Burn-Out und Depressionen:

Depressionen gehören zu den schwerwiegendsten Krankheiten und versetzen die Menschen in Angst und Schrecken. Sie betreffen in ihren unterschiedlichen Ausprägungsformen bis zu 20 Prozent der Bevölkerung. Das Denken, die Gefühle, der Körper, die sozialen Beziehungen, ja das ganze Leben sind beeinträchtigt. Trotz ihrer enormen Bedeutung wird die Depression häufig nicht erkannt oder aber nur unzureichend behandelt, was grosses Leid verursacht. In den vergangenen Jahren ist klar geworden, dass die Depression eine chronische Stress-Folgeerkrankung ist, daher auch die Bezeichnung Stress-Depression. Sie ist ein Risikofaktor für andere schwerwiegende Volkskrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Osteoporose und Diabetes. Eine unbehandelte Depression kann die Lebenserwartung massiv verkürzen. Eine Depression ist keine normale Traurigkeit, kein Versagen, keine Willensschwäche. Die Fortschritte der vergangenen Jahre ergeben ein neues Bild der Behandlungsmöglichkeiten. Auch wenn es sich um eine schwere Erkrankung handelt, ist die quälende Schwermut heilbar und kein Gespenst, dem man hilflos ausgeliefert ist.

Die Erkrankung kann in jedem Alter auftreten. Eine grosse Gefahr ist die Selbsttötung. Suizidgefährdete gehören so rasch wie möglich in ärztliche Behandlung. Die Beschwerden zeigen eine grosse individuelle Bandbreite. Hauptkennzeichen sind eine traurige Verstimmung oder das Gefühl innerer Leere, Erschöpfung, Überforderung, Angstzustände, Unruhe und Denkstörungen. Depressive können sich nicht mehr freuen und haben grosse Mühe, selbst einfache Entscheidungen zu treffen. Oft versteckt sich die Depression hinter unklaren körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, Rücken- und Muskelschmerzen, Magen-/Darm- und Unterleibsbeschwerden oder Gedächtnisproblemen. Sehr häufig kommen schwere Schlafstörungen vor. Die Betroffenen fühlen sich gestresst und ausgebrannt. Das Burn-Out-Syndrom ist eine Sonderform der stressbedingten Depression und bezeichnet eine Erschöpfungsdepression, die aus beruflicher Dauerbelastung entsteht. In den vergangenen Jahren ist klar geworden, dass eine Depression ein wichtiger Risikofaktor für Gefässerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall ist, ähnlich wie Rauchen oder Bewegungsmangel. Gleichzeitig begünstigt eine depressive Erkrankung Osteoporose und Diabetes.

Stress ist überall und gehört zum normalen Leben. Er ermöglicht die Anpassung an die sich ständig ändernden Anforderungen. Normalerweise wird die Stressreaktion rasch beendet. Bei chronischem Stress kommt die Stressreaktion nicht mehr zur Ruhe. Die Konzentration der Stresshormone im Gehirn ist erhöht, was eine Depression begünstigt. Daher die Bezeichnung Stress-Depression. Die Veranlagung dazu kann sowohl genetisch festgelegt sein als auch durch frühkindliche Erfahrungen wie Missbrauch oder Vernachlässigung entstehen. In der Regel ist nicht der Stress an sich, sondern dessen negative individuelle Bewertung und Verarbeitung krankheitsfördernd. Psychotherapie und medikamentöse antidepressive Therapieverfahren setzen hier an und führen zu einer Normalisierung der krankheitsbedingten Überaktivität des Stresshormonsystems.

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Eine Depression hat selten eine einzige Ursache. Meist führt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Erkrankung. Akute Belastungen wie der Verlust einer wichtigen Bezugsperson oder chronische Überlastungssituationen können Auslöser sein. Auch soziale Faktoren, die eine Anpassung an neue Umstände erfordern – zum Beispiel Heirat, Arbeitslosigkeit, Pensionierung –, treten vermehrt vor Beginn einer Depression auf. Viele Depressionen treffen den Erkrankten wie aus heiterem Himmel. Man sollte daher vorsichtig sein, Depressionen nur als nachvollziehbare Reaktion auf schwierige Lebensumstände aufzufassen. Oft besteht jahrelanger Stress, ohne dass er krank macht. Meist genügt dann ein kleines Ereignis, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Das Gehirn hat die Kontrolle über das Stresshormonsystem verloren.

Erst seit Kurzem ist klar, dass unser Gehirn bis ins hohe Erwachsenenalter neue und funktionstüchtige Nervenzellen bilden kann. Die Nervenzellneubildung spielt vermutlich eine grosse Rolle bei der Entstehung der Depression, wenn sie nicht mehr funktioniert. Chronischer Stress trägt wesentlich dazu bei, dass die Nervenzellneubildung in wichtigen Hirnregionen zurückgeht bzw. eingestellt wird. Das führt wiederum zu den typischen Symptomen wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Leeregefühl und niedergedrückte Stimmung – die Stress-Depression entsteht. Wie wir heute wissen, kann die Nervenzellneubildung auf verschiedene Art und Weise bis ins hohe Lebensalter angeregt werden, durch moderaten Ausdauersport, Psychotherapie und Antidepressiva.

Richtig behandelt ist die Depression heilbar. Wirksame und gut verträgliche Behandlungen werden jedoch sehr häufig nicht eingesetzt, weil die Depression übersehen und in ihrer Schwere unterschätzt wird. Grundlegende Bedeutung hat die Psychotherapie. Dabei werden unterschiedliche Methoden wie kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische und Gesprächstherapie den Bedürfnissen des Patienten entsprechend ausgewählt oder individuell kombiniert. Zusätzlich sind körperorientierte und kreativtherapeutische Verfahren wie Musiktherapie, Entspannungsverfahren und Stressbewältigungstraining sinnvoll. Das bewirkt einen veränderten Umgang mit Stress, eine Korrektur der negativen Bewertung und Verarbeitung der persönlichen stressreichen Lebensereignisse und eine Normalisierung der Stresshormonausschüttung.

Bei modernen Therapieverfahren liegt der Behandlungsschwerpunkt auf Ressourcen, nicht auf alleiniger Suche nach alten Konflikten und Defiziten. Individuelles Stressmanagement ist wichtiger Baustein der Psychotherapie. Persönlicher Stress und Belastungen müssen erkannt und beeinflusst werden. Während bei leichten Erkrankungsformen mit alleiniger Psychotherapie sehr gute Erfolge erzielt werden, erfolgt die Behandlung der mittelgradigen bis schweren Depression häufig zusätzlich medikamentös mit heutzutage gut verträglichen Antidepressiva. Zur Unterstützung können pflanzliche Heilmittel eingesetzt werden.

Drucken07.10.2009