KrankheitenEisenmangel

Die stille Epidemie

Bis ein Drittel aller Frauen und Kinder und die meisten Betagten in der Schweiz leiden an Eisenmangel.

Noch vor ein paar Jahren sprach in der Medizin niemand vom Eisen. Jetzt ist es das grosse Thema an Tagungen und in wissenschaftlichen Publikationen. «Eisenmangel wurde lange unterschätzt», lautete ein Fazit an der dritten Iron Academy, einem grossen Eisensymposium mit führenden nationalen und internationalen Experten am Inselspital Bern.

Selbst in den Industrienationen bleibt keine Bevölkerungsgruppe von Eisenmangel
verschont. Das Ausmass ist so gross, dass der Begriff Endemie verwendet wird. Mit 20 bis 30 Prozent besonders stark betroffen sind Frauen und Kinder. Noch schlechter sieht es bei betagten Menschen aus. Hier ist Eisenmangel die Regel.

Die wesentlichsten Gründe für die endemischen Eisendefizite sind einseitige, fleischlose Ernährung, schlechte Resorbierbarkeit des Eisens im Darm, erhöhter Bedarf bei Kindern, Jugendlichen, Sportlern und Schwangeren, chronische Blutverluste – sei es durch die Mens, regelmässige Blutspenden oder über den Darm – sowie chronische Entzündungen und Infektionen.

Noch schlimmer sieht es im Rest der Welt aus. Die Zahl von zwei Milliarden Menschen, die an Eisenmangel leiden, muss nach oben korrigiert werden. Nach Schätzungen der WHO leiden fast die Hälfte aller Kinder im Vorschulalter und vier von zehn Schwangeren an den Folgen von Eisenmangel.

Eisenmangel in der Schwangerschaft sowie im Wachstum wirkt sich besonders katastrophal aus, weil ohne Eisen die Nervenzellen weder richtig ausreifen noch funktionieren können. Leere Eisenspeicher beeinträchtigen die Funktion sämtlicher wichtiger Botenstoffe im Gehirn. Ohne Eisen läuft gar nichts. Kein Denken, keine Bewegung, nichts. Eisenmangel wird auch als Teilursache des Aufmerksamkeits/ Hyperaktivitäts-Syndroms bei Kindern angesehen, das mit mangelnder Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität und Schlafstörungen einhergeht. Ebenfalls ein direkter Zusammenhang besteht zwischen dem Restless-Legs-Syndrom, dem Krankheitsbild der unruhigen Beine, und Eisenmangel.

Bei älteren Menschen führt Eisenmangel zu verminderter Muskelkraft, mangelnder Koordination, Verlust der Selbstständigkeit, Gebrechlichkeit, eingeschränkter Mobilität, Sturzanfälligkeit und reduzierter geistiger Leistungsfähigkeit. Ungenügend gefüllte Eisenspeicher bedeuten tiefere Ferritin-Werte, und damit ist sowohl die Kraft jedes einzelnen Muskels als auch die Koordination massiv eingeschränkt. Je älter eine Person ist, desto häufiger ist sie davon betroffen. Verantwortlich sind hauptsächlich unzureichende Ernährung, chronische Entzündungen und Blutverlust über den Darm.

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Wichtig: Eisenmangel gibt es auch ohne Blutarmut, der sogenannten Anämie. Eisendefizite beeinträchtigen die Gesundheit, lange bevor es zur Anämie kommt. Das heisst, auch bei völlig unauffälligen Hämoglobin- Werten verschlechtern sich intellektuelle Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit. Diese Funktionen normalisierten sich wieder, sobald man den Betroffenen Eisen gab.

Ein bisher vernachlässigtes Thema ist Eisenmangel infolge einer planbaren Operation. Bei Wahleingriffen wie Knie- oder Hüftoperationen sind bis zu einem Drittel der Patienten anämisch. Bei Magen-Darm-Eingriffen bis zu 70 Prozent. Entsprechend
höher ist die Komplikationsrate. Für eine Behandlung mit oralen Präparaten reicht die Zeit vor einer Operation meistens nicht mehr. Daher kommt meistens nur die intravenöse Verabreichung infrage. Auch Frauen mit einem geplanten Kaiserschnitt sollten auf das Vorliegen von Eisenmangel untersucht werden. Wenn nötig erfolgt eine intravenöse Eisentherapie.

Neue Erkenntnisse auch in der Psychiatrie. Der Zusammenhang zwischen Depression und Eisenmangel konnte bei jüngeren als auch bei postmenopausalen Frauen in kontrollierten Studien gezeigt werden. Depressionen zählen zu den häufigsten Erkrankungen und sind weltweit die häufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit. Sie verursachen mehr Krankheitstage als Rheuma und Diabetes. Ebenfalls gibt es Studien, die auf einen direkten Zusammenhang mit schizophrenen Erkrankungen hinweisen.

Am besten intravenös

Die intravenöse Eisentherapie ist der oralen hoch überlegen. Das zeigt eine Studie der Universitätskliniken Basel und Zürich. Während mit der i.v.-Behandlung das Eisendefizit bei 95 Prozent der Patienten innerhalb von nur drei bis vier Wochen korrigiert werden konnte, dauerte eine Behandlung mit Tabletten zehn Wochen und war nur in der Hälfte der Fälle wirksam und mit Nebenwirkungen wie Bauchschmerzen und Verstopfung belastet.

Machen Sie den Check!

Leiden Sie über längere Zeit an einem oder mehreren der folgenden Symptome? Dann sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Er kann anhand von Blutuntersuchungen feststellen, ob ein Eisenmangel der Grund sein könnte. Rot gekennzeichnet sind Symptome, die hochverdächtig auf Eisenmangel sind. Die orange markierten Beschwerden können, müssen aber nicht mit Eisenmangel einhergehen. Gelb sind gesundheitliche Veränderungen, die mit einem Eisendefizit in Verbindung stehen, aber auch viele andere Ursachen haben können.

  • Müdigkeit
  • Abgeschlagenheit
  • Schwächegefühl
  • Antriebslosigkeit
  • Geringe körperliche Ausdauer
  • Gedächtnisprobleme
  • Störungen der Konzentration
  • Reizbarkeit
  • Lustlosigkeit
  • Depressive Verstimmung
  • Haarausfall
  • Unruhige Beine
  • Kurzatmigkeit
  • Kälteempfindlichkeit
  • Schwindel
  • Kopfschmerzen
  • Ein- und Durchschlafstörungen
  • Herzklopfen
  • Brüchige Nägel
Drucken21.04.2010