KrankheitenEisenmangel

Eisen ist zum Denken da

Wenn der Körper zu wenig Eisen zur Verfügung hat, leidet auch das Gehirn.

Eisen ist ein Zentralatom des Lebens. Durch seine leichte Oxidierbarkeit ermöglicht es die Bindung und den Transport von Sauerstoff am Muskeleiweiss Myoglobin und roten Blutfarbstoff Hämoglobin sowie den Transport von Protonen in den Enzymen der Atmungskette und die Energiegewinnung in den Zellen. Zudem ist Eisen Zentralatom von verschiedenen Schlüsselenzymen und Botenstoffen des menschlichen Körpers und spielt damit eine entscheidende Rolle bei allen rasch wachsenden Geweben und der Funktion des Gehirns.

Diese Botenstoffe sind nicht nur zuständig für die Bewegung, sondern auch für das Lernen und die Intelligenz. Das erklärt auch die grosse Vielfalt von Symptomen eines Eisenmangels wie geringe körperliche Ausdauer, erschwerte Thermoregulation des Körpers – sprich geringe Kältetoleranz – , verminderte geistige Leistungsfähigkeit wie Konzentrations- und Lernstörungen, Antriebslosigkeit und Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Reizbarkeit, Ein- und Durchschlafstörungen und reduziertes Allgemeinbefinden.

Ungeachtet gewisser Fortschritte bei der Bekämpfung der Unterernährung bleibt Eisenmangel der am stärksten verbreitete Mangelzustand weltweit. Und zwar sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern. Schätzungen zufolge leiden rund zwei Milliarden Menschen an Eisenmangel bedingter Blutarmut, einer Anämie, und doppelt so viele an einer Entleerung der Eisenspeicher. Am meisten gefährdet sind Kinder, Jugendliche und vor allem Frauen, weil sie einen hohen Eisenbedarf haben, ihn aber nur teilweise durch die Nahrung decken können.

Zuerst leeren sich die Eisenspeicher im Gehirn, bevor die Blutbildung beeinträchtigt wird. Die leeren Eisenspeicher schränken die eisenabhängige zerebrale Enzymsynthese ein, zum Beispiel bei der Bildung des wichtigen Botenstoffes Dopamin. Eisen ist zudem essentiell für die Reifung von Nervenzellen. Folgen sind nicht nur reduzierte Lebensqualität, Müdigkeit, Abgeschlagenheit und allgemeines Schwächegefühl, sondern auch kognitive Defizite wie reduzierte Aufmerksamkeit, verminderte geistige Flexibilität sowie Verwirrtheitszustände.

Ein klarer Beweis, dass Defizite in der Eisenversorgung Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit im Alltag in Mitleidenschaft ziehen, und das bei völlig unauffälligen Hämoglobin-Werten im Blut, liefert ein wissenschaftlicher Artikel in der angesehen Fachzeitschrift The Lancet.

Bei der doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie wurde der Effekt einer Eisensupplementierung während acht Wochen auf die kognitiven Funktionen bei heranwachsenden Mädchen mit Eisenmangel ohne Anämie untersucht. Die orale Eisentherapie verbessert Gedächtnis und Lernfähigkeit. Die Schlussfolgerung der Autoren: Die intellektuellen Funktionen sind unabhängig davon betroffen, ob eine Anämie vorliegt oder nicht. Leere Eisenspeicher im Gehirn beeinträchtigen die Funktion der Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin.

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Auch wenn Eisenanreicherung in Nahrungsmitteln – allen voran in Frühstückflocken – in den letzten Jahren zu einer Reduktion der Zahl anämischer Kinder und Jugendlicher führte, bleiben Heranwachsende und Frauen eine Hochrisikogruppe für Eisenmangel und seine negativen Auswirkungen auf das tägliche Leben. Bis 40 Prozent der jungen Mädchen sind von Eisenmangel betroffen. Wichtigster Grund sind der erhöhte Eisenbedarf während der Pubertät, die meist geringe Eisenaufnahme wegen kalorienreduzierter oder vegetarischer Ernährung sowie Eisenverluste durch die Mens.

Die Konzentration des Eisenspeicherproteins Ferritin widerspiegelt sehr zuverlässig das Gesamtkörpereisen. Ein tiefer Ferritin-Spiegel ist immer beweisend für Eisenmangel. Umgekehrt schliesst ein scheinbar normales Ferritin einen Eisenmangel nicht in jedem Fall aus, weil Infektionen und bestimmte Erkrankungen der Leber mit einer erhöhten Ferritin- Konzentration einhergehen und somit einen Eisenmangel verschleiern können. Deshalb sollten bei der Abklärung von Eisenmangel neben dem Ferritin immer auch die relevanten Entzündungs- und Leberwerte im Blut bestimmt werden.

Ist der Ferritin-Wert tiefer als 10 Mikrogramm pro Liter, besteht ganz sicher ein Eisenmangel. Liegt die Ferritin-Konzentration zwischen 10 und 30, ist ein Eisenmangel wahrscheinlich. Beträgt das Ferritin zwischen 30 und 100, ist ein Eisenmangel möglich, sofern die Symptome eines Patienten dies vermuten lassen. Erst ab einem Ferritin von 100 ist ein Eisenmangel ausgeschlossen. Absolute Werte erlauben oft keine schlüssigen Aussagen über ein bestimmtes Individuum. Viel besser ist eine Gegenüberstellung von Laborwerten und klinischen Symptomen. Liegen konkrete, auf Eisenmangel verdächtige Symptome vor, ist eine Eisenbehandlung durchaus gerechtfertigt. Ratsam ist auch eine Verlaufsbeobachtung. Bessern sich die Symptome mit ansteigendem Ferritinspiegel, ist die Diagnose klar. Umgekehrt auch.

Besteht ein Eisenmangel, muss in jedem Fall nach einer möglichen Ursache gefahndet werden. Wie häufig und stark ist die Mens? Ernährt sich die betreffende Person fleischarm? Liegt eine Erkrankung vor, die zu starken Eisenverlusten oder einer Beeinträchtigung der Eisenaufnahme führt? Wenn immer möglich behandelt man ursächlich. In jedem Fall sollte die Ernährung angepasst werden.

Die mit Abstand besten Eisenlieferanten sind Leber und rotes Fleisch. Je roter das Fleisch, desto mehr Eisen hat es. Eine tägliche Portion Fleisch zwischen 100 und 200 Gramm bewirkt einen mindest so starken Ferritinanstieg wie ein orales Eisenpräparat. Aber auch Getreideprodukte sind ein wertvoller Eisenlieferant. Viele Frühstücksflocken sind mit Eisen angereichert. Vollkornbrot enthält fast doppelt so viel Eisen wie Weissbrot. Ein Glas Orangenoder Apfelsaft dazu verbessert die Eisenaufnahme im Darm. Trockenfrüchte, Mais und grünes Gemüse liefern ebenfalls Eisen. Kalzium in Milchprodukten hemmt die Eisenaufnahme, besonders diejenige aus Fleisch. Deshalb zu einem Fleischgericht keine Milch trinken oder Milchprodukte essen.

Wenn das Eisendefizit zu gross ist, reichen Ernährungsanpassungen nicht. Jetzt kommen orale Eisenpräparate zum Zug. Allerdings sind auch sie nur beschränkt wirksam und verursachen oft Nebenwirkungen, die zum Therapieabbruch führen. Ein Monat nach Beginn einer Therapie muss das Ferritin überprüft werden. Steigt der Wert nicht an, muss nach Gründen gesucht und diese eliminiert werden. Ist auch dies nicht von Erfolg gekrönt oder besteht ein schwerer Eisenmangel, wird eine intravenöse Eisenbehandlung unumgänglich. Moderne hoch dosierte intravenöse Eisenpräparate sind schnell und zuverlässig wirksam und sehr sicher. Schwere allergische Reaktionen sind heute praktisch ausgeschlossen.

Drucken03.07.2009