KrankheitenEisenmangel

Leere Speicher

Viele Krankheiten gehen mit Eisenmangel einher

Bis vor wenigen Jahren war Eisenmangel kaum ein Thema. Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Eisenmangel bei Sportlern, Jugendlichen, Frauen und älteren Menschen ist ein Dauerbrenner. Kaum beachtet wird hingegen, dass verbreitete chronische Erkrankungen sehr häufig mit Eisendefiziten einhergehen und nicht nur zu Symptomen führen, sondern die bestehende Krankheit verschlimmern oder sogar komplizieren können. Das macht eine Zusammenfassung über das vierte Iron Academy Symposium in Zürich im Schweizerischen Medizinforum deutlich.

Besonders schwerwiegend wirkt sich Eisenmangel bei chronischer Herzschwäche aus. Eisenmangelanämie ist eine unterschätzte Begleiterscheinung bei Patienten mit Herzinsuffizienz. Die Folgen sind fatal. Eisenabhängige Enzyme können die Muskulatur nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen und die Belastbarkeit sinkt. Umgekehrt gilt: Menschen mit Herzschwäche profitieren ausgesprochen von einer Eisenbehandlung. Eine grosse Studie zeigt, dass sich die Betroffenen nach intravenöser Eisentherapie rasch leistungsfähiger und belastbarer fühlen.

Gefährdet sind auch Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen. Bis 60 Prozent der Patienten mit rheumatoider Arthritis haben eine mittelschwere Anämie. Das Eisen wird nur noch sehr beschränkt aus der Nahrung aufgenommen. Auch eine verminderte Eisenmobilisierung aus den Speichern ist die Folge. Wird die Entzündung behandelt, bessert sich auch die Eisenversorgung. Bis das der Fall ist, muss der Eisenmangel konsequent behandelt werden.

Ein weiteres grosses Thema ist Eisenmangel bei Nierenschwäche. Bedingt durch die stetige Zunahme von Diabetes und Bluthochdruck in der Bevölkerung wird die chronische Niereninsuffizienz immer häufiger. Die Korrektur muss grosszügig erfolgen. Zielwert für die Eisenbehandlung ist ein Ferritinwert über 100. Für die Korrektur hat sich die intravenöse Eisengabe am besten bewährt.

Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa sind ebenfalls regelmässige Kandidaten für ein Eisendefizit, weil die Eisenaufnahme im Darm wegen der Entzündung gestört ist und wegen den ständigen Blutverlusten im Darm.

Auch wenn Schwangerschaft keine Krankheit ist, muss bei jeder Schwangeren sorgfältig auf das Eisen im Blut geachtet werden. Eisenmangel in der Schwangerschaft führt zu einem erhöhten Risiko für Frühgeburten und niedrigem Geburtsgewicht.

Wer an den genannten Krankheiten leidet, sollte unbedingt auf Symptome von Eisenmangel achten. Dazu zählen nicht nur Müdigkeit, sondern auch Konzentrationsschwäche, Nervosität, Vergesslichkeit, depressive Stimmung, Appetitschwäche, morgendliche Kopfschmerzen, Anfälligkeit für Infektionen, erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Kälte und ruhelose Beine. Bereits bei schlecht gefüllten Eisenspeichern mit Ferritinwerten zwischen 20 und 50 können sich die Symptome bemerkbar machen.

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Interview:

Prof. Dr. Dr. med. Walter A. Wuillemin, Chefarzt Abteilung Hämatologie und Hämatologisches Zentrallabor am Luzerner Kantonsspital, über die Kontroverse zum Thema Eisenmangel.

Langezeit wurde Eisenmangel nur behandelt, wenn auch eine Blutarmut vorlag. Jetzt spricht man von Eisenmangel ohne Anämie, Macht dieser Eisenmangel tatsächlich Symptome wie Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Leistungsabfall?

Ja, ein Eisenmangel kann auch Symptome machen, ohne dass eine Anämie vorliegt. Zwar nicht bei allen Patienten, aber es gibt ganz klar Menschen, die solche Symptome als Folge eines Eisenmangels haben, auch ohne Anämie. Und die sollte man behandeln.

Um den Wert des Eisenspeicherproteins Ferritin ist eine Kontroverse entbrannt. Welcher Ferritin-Wert ist normal und welcher nicht?

Beim Ferritin ist für mich nicht die Frage wichtig, welcher Wert ist normal und welcher nicht, sondern bei welchem Ferritinwert muss man eine Behandlung machen. Vorausgesetzt, dass der Ferritinwert nicht durch eine Entzündung oder eine Leberkrankheit beeinflusst wird, kann man sagen, dass bei einem Wert über 50 keine Therapie erforderlich ist, bei einem Wert zwischen 30 und 50 eine Therapie selten einmal in Betracht gezogen werden muss, bei einem Wert zwischen 15 und 30 eine Therapie oft angezeigt ist und bei einem Wert unter 15 sicher nötig ist. Nochmals: Eine Notwendigkeit zur Therapie besteht aber nur bei Patienten, die auch Symptome haben.

Was kann man mit einer Ernährungsumstellung bewirken?

Mit gezielter Ernährungsberatung kann man durchaus einen Eisenmangel korrigieren. Das hat aber oft eine eingreifende Umstellung der Ernährung zur Folge, die von den wenigsten Menschen akzeptiert wird. Eine Behandlung mit Tabletten oder Infusionen ist in aller Regel deutliche einfacher.

Wann braucht es Tabletten und wann eine intravenöse Eisen-Behandlung?

Zunächst soll versucht werden, den Eisenmangel mit Tabletten zu korrigieren. Oft werden sie aber wegen Magendarmbeschwerden nicht gut vertragen. Dann ist eine intravenöse Eisenbehandlung erforderlich. Sie ist auch dann angezeigt, wenn rasch ein Behandlungseffekt erzielt werden soll.

Welche Patientengruppen sind besonders von Eisenmangel betroffen?

Die Erfahrung zeigt, dass in erster Linie jüngere menstruierende Frauen von Eisenmangel betroffen sind. Aber auch Menschen, die sich vegetarisch ernähren sowie solche, die einen erhöhten Verbrauch haben, insbesondere Sportler. Sehr häufig anzutreffen ist Eisenmangel zudem bei älteren Menschen und bei Chronischkranken, unter anderem bei Menschen mit Herzinsuffizienz.

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Drucken28.12.2011