Die Blase im Netz
Keine Geburten, gut trainiert und trotzdem eine Gebärmuttersenkung?
Prof. Volker Viereck, Leiter des Blasenzentrums am Kantonsspital Frauenfeld, über ein typisches Frauenleiden und was man dagegen tun kann.
«Warum gerade ich?», fragt sich die 40-jährige Anita S. seit ihrem Gebärmuttervorfall. «Ich habe keine Kinder geboren, bin schlank, gut trainiert und erleide trotzdem einen Vorfall.» Nicht ganz aus heiterem Himmel, denn seit einem Jahr habe sie gelegentlich ein Druckgefühl in der Scheide gespürt. Manchmal auch ein Ziehen tief im Unterbauch oder im Rücken, besonders nach Gartenarbeit. «Und gestern, beim Heben einer schweren Spritzkanne, passierte es: ein Vorfall. Bisher war ich fest der Meinung, dass dies nur bei Frauen vorkommt, wenn sie mehrere Kinder geboren haben und nicht durchtrainiert sind.»
Weit gefehlt. Prof. Volker Viereck, Leiter des grössten Blasenzentrums der Schweiz am Kantonsspital Frauenfeld: «Senkungs- und Vorfallbeschwerden sind nach mehreren Geburten zwar häufiger. Sie kommen aber auch bei Frauen vor, die keine Kinder geboren haben.» Der Experte spricht das Thema «Bindegewebeschwäche» an. Sie ist angeboren. «Natürlich haben auch Schwangerschaften, Geburten oder ein tiefer Hormonspiegel mit Gewebeabbau nach den Wechseljahren einen Einfluss», sagt Prof. Viereck. Die Bindegewebeschwäche sei aber das zentrale Moment. Wenn eine mehrmonatige, individuell angepasste, konservative Therapie mit Beckenbodentraining und Vibrationstherapie, Hormoncrème zum Gewebeaufbau und vorübergehend auch Pessareinlagen nicht zur Heilung führen, muss eine Operation ins Auge gefasst werden. Alle Organe, die sich gesenkt haben – entweder die vordere Scheidenwand mit Blase oder die hintere Scheidenwand mit darunterliegendem Darm –, werden wieder an ihre ursprüngliche Stelle zurückversetzt. «Entgegen einer weitverbreiteten Meinung hilft eine Gewichtsreduktion nicht gegen Senkungsbeschwerden», sagt Viereck.
Heutige Senkungsoperationen sind mit den Eingriffen von früher nicht zu vergleichen. Prof. Volker Viereck: «Sie werden viel individueller den einzelnen Befunden angepasst. Gutes Eigengewebe wird zur Unterpolsterung der Schwachstellen verwendet. Bei schwachen Gewebestrukturen werden zur Verstärkung feine Netze eingesetzt. Die Netztechnik ist vergleichbar mit der Hernienchirugie bei Leistenbrüchen. Nur sind die Netze bei Senkungsoperationen viel feiner und weicher.»
Wo liegen die Vorteile einer Netzoperation? «Mit Hilfe der feinen Netze sind die Eingriffe kleiner, weil das Eigengewebe geschont wird. Auch halten die Netze ein Leben lang und geben nicht mit den Jahren wieder nach, wie dies mit gerafftem Eigengewebe der Fall ist. Netzoperationen bedürfen aber sehr grosser Erfahrung. Die Indikationsstellung zur Netzeinlage, die Auswahl des bestgeeigneten Netzes, dessen Anpassung während der Operation und auch die Vor- und Nachbehandlung entscheiden über Erfolg, Misserfolg und Komplikationen.» Anders ist die Ausgangslage, wenn die Frau erst nach den Wechseljahren von einem Gebärmuttervorfall betroffen ist. Prof. Viereck: «Dann raten wir eher dazu, die Gebärmutter zu entfernen als sie zurückzudrängen, da dies später wieder Spannungsschmerzen verursachen kann. Die Operation wird in jedem Fall sorgfältig mit der Frau abgesprochen und bestehende Wünsche im operativen Konzept berücksichtigt.»








