Neue Richtlinien
Eine Stunde Bewegung, vollständige Blutzucker-Profile und Medikamente.
Diabetes grassiert. Diabetes tötet. Und Diabetes kostet. Die „Epidemie des 21. Jahrhunderts“, die Quittung für Völlerei und Bewegungsverweigerung, verursacht immer mehr Menschenleben und Milliardenkosten. Um so mehr erstaunt es, wie nachlässig und konzeptlos die Blutzucker-Krankheit in der Schweiz behandelt wird. Das beginnt bei fehlenden Programmen für Änderungen des Lebensstils und geht über ineffiziente medikamentöse Behandlung bis hin zur Unterlassung der Diabetes-Beratung.
Akutelle Studien und die Einführung neuer Medikamente bringen die Diabetes-Therapie endlich in Bewegung. Die führenden Fachgesellschaften der Welt, allen voran die Amerikanische und die Europäische Diabetesgesellschaft, haben ihre Leitlinien zur Behandlung von Diabetes deshalb überarbeitet. Da nur der Patient selber seinen Diabetes besiegen kann, ist es wichtig, dass alle die wichtigsten Änderungen kennen.
Basis jeder Behandlung ist tägliche körperliche Bewegung von mindestens einer Stunde Dauer, Ernährungsumstellung und Schulung, am besten bei einer Diabetes-Beratung. Je nach Höhe der Zuckerwerte bei der Diagnose wird die Behandlung mit dem Wirkstoff Metformin oder, bei sehr hohen Werten, gleich mit Insulin begonnen. Metformin senkt die Rate an Gefässkomplikationen und unterstützt die Gewichtsreduktion. Liegt der Langzeitblutzucker HbA1c nach 6 Monaten noch immer über dem Ziel von 6.5 %, wird die frühe Kombination mit einem zweiten antidiabetischen Wirkstoff empfohlen. Am besten geeignet für solche Kombi-Therapien sind moderne Diabetes-Medikamente, die je nach Höhe des Blutzuckers die Wirkung der körpereigenen Darmhormone verstärken und so die Insulin-Ausschüttung anregen. Sie führen weder zu Unterzuckerungen noch zu Gewichtsanstieg. Fixe Kombinationen haben den Vorteil, dass die Tablettenzahl reduziert und die Einnahmesicherheit erhöht wird. Auch Insulin sollte viel früher zum Zug kommen, wenn die Therapieziele mit einem oder mit zwei Wirkstoffen nicht innert nützlicher Frist erreicht werden können.
Die neuen Therapieleitlinien lassen aber auch mehr individuellen Spielraum zu. Als Therapieziel gilt aufgrund der Daten grosser Studien zwar weiterhin eine Senkung des HbA1c unter 6,5, aber nicht um jeden Preis und nicht bei jedem Patienten. Insbesondere darf eine rigorose Blutzuckersenkung nicht mit wiederholten schweren Hypoglykämien, das heisst Unterzuckerungen, erkauft werden. Auch eine wesentliche Gewichtszunahme sollte vermieden werden. Gerade bei älteren Patienten mit langer Diabetesdauer sind Nutzen und Risiko der Therapie sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Entsprechend muss auch der HbA1c-Zielwert individuell festgelegt werden. Während er bei jüngeren Patienten strikte unter 6,5 % gesenkt werden soll, darf dieser Wert bei älteren, multimorbiden Patienten zwischen 7 und 8 % liegen.
Kritisiert wird in den neuen Empfehlungen der geringe Stellenwert, welcher der Bewegung eingeräumt wird. Tägliche körperliche Aktivität sind zusammen mit den Ernährungsumstellungen und der Blutzucker-Selbstkontrolle die mit Abstand wichtigsten Basismassnahmen. Sie nützen dem Stoffwechsel, vermindern die Insulinresistenz, das Grundübel der Zuckerkrankheit, und schützen das Herzkreislaufsystem. Am effektivsten im Bezug ist eine einstündige Ausdauerleistung pro Tag, sei es zügiges Gehen, Walken, Velofahren, Schwimmen etc. Neuerdings wird auch Krafttraining als wirksames Mittel angesehen.
Die wichtigsten Elemente der Ernährungsberatung sind das Wissen um die Zusammensetzung der Nahrungsmittel, das Schätzen der Kohlenhydratmengen, das Erkennen von versteckten Fetten und das richtige Einteilen des Essens über den Tag. Vieles in der Ernährung geschieht unbewusst oder auf Grund von alten Gewohnheiten. Daher kann eine Ernährungsberatung entscheidend zum besseren Umgang mit dem Essen beitragen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn körperliche Aktivität auf Grund von Bewegungseinschränkungen oder vorbestehenden Krankheiten schwierig geworden ist. In solchen Fällen ist Ernährungsumstellung zusammen mit der medikamentösen Therapie die einzige Möglichkeit, den Zucker im Normbereich zu halten.








