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Nicht nur den lahmen Gaul peitschen

Insulin – für viele Diabetiker ein Reizwort.

Prof. Beat Müller erklärt mit einem treffenden Vergleich, weshalb die «Spritze» in der modernen Diabetes-Therapie immer wichtiger wird.

Diabetes gilt als die kommende Epidemie. Viele wissen gar nicht, dass sie Diabetiker sind. Welcher Gefahr setzen sich diese Menschen aus?

Die grosse Gefahr eines unbehandelten Diabetes sind die kardiovaskulären Komplikationen, vor allem die Atherosklerose, die sich in jedem Organ im Körper zeigen kann. Im Gehirn mit einem Hirnschlag, am Herzen mit einem Herzinfarkt und an den Beinen mit der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Auch die diabetische Nerven-, Augen- und Nierenschädigung schreitet fort.

Was soll ein Patient machen, wenn er erfährt, dass er Diabetes hat?

Er soll sich informieren, was bei ihm alles falsch läuft. Der Patient hat meist nicht nur den Diabetes allein, sondern auch ein metabolisches Syndrom. Er muss neben dem Blutzucker auch seinen Blutdruck und die Cholesterinwerte im Auge behalten. Und als günstigste und natürliche Therapie mit dem Rauchen aufhören.

Welche Ansprüche muss eine moderne Diabetes- Therapie erfüllen? Was ist mit den drei Stufen der Behandlung gemeint?

Übermässiges Gewicht und mangelnde Bewegung sind die Hauptverursacher des metabolischen Syndroms und des Diabetes Typ 2. Am Anfang jeder Therapie steht deshalb als natürlichste Therapie die Lifestyle-Änderung, also mehr bewegen und vernünftiger essen. Das geht nicht, ohne die innere Faulheit und den Essdrang zu überwinden. Leider schaffen das nicht viele Menschen. Genügen diese Massnahmen nicht, folgt die medikamentöse Therapie mit Tabletten. In der dritten Stufe dann Insulin, entweder alleine oder in Kombination mit den Tabletten.

Kommt jeder Diabetiker irgendwann in die dritte Stufe?

Wenn er lange genug lebt, schon. Wenn die Menschen 300 Jahre alt würden, kämen sie ausnahmslos alle in die dritte Stufe. Bei einer leistungsfähigen Bauchspeicheldrüse, die viel Insulin produzieren kann, dauert es länger, bis sie erschöpft ist. Gehört diese Bauchspeicheldrüse einem Menschen, der einen grösseren Hunger hat und viel isst, geht es schneller, bis die Insulinproduktion ausgereizt ist.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um von der reinen Behandlung mit Tabletten zur Insulintherapie überzugehen?

Eigentlich ist es nie zu früh, eine Insulintherapie zu beginnen, wenn eine medikamentöse Blutzuckertherapie nötig wird.

Warum?

Solange die eigene Bauchspeicheldrüse noch Insulin produziert, ist es erfahrungsgemäss einfacher, die Therapie einzustellen, weil der Körper das Manko noch teilweise selber korrigieren kann. Zudem kann man sich mit einer Basistherapie besser an die tägliche Insulingabe gewöhnen.

Welchen Vorteil hat die Kombination von Tabletten und Insulin?

Die Vorteile liegen nur in der Handhabung der Medikamente. Tabletten sind bei der Bevölkerung besser akzeptiert. Man meint dann, weniger krank zu sein, wenn man noch nicht spritzen muss.

Warum erhöht man die Tablettendosis nicht so stark, dass man auf Insulin verzichten kann?

Stellen Sie sich vor, der Typ-2-Diabetiker hat mit seiner Bauchspeicheldrüse eine Art lahmen Gaul in seinem Bauch. Die Tabletten funktionieren wie eine Peitsche und quetschen alles Insulin aus den geschädigten Inseln. Sie können den lahmen Gaul so viel peitschen, wie Sie wollen, er wird nie mehr zum Rennpferd.

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Weshalb satteln die Betroffenen nicht früher auf ein leistungsfähiges Pferd, sprich Insulin, um?

Gute Frage. Das Wissen über Insulin ist ungenügend und zum Teil auch falsch. Ein Patient erinnert sich zum Beispiel daran, dass seine Grossmutter zwei Monate nach der Gabe von Insulin gestorben ist. Und nun hat er das Gefühl, dass er auch in wenigen Monaten stirbt, wenn er Insulin spritzt. Dabei weiss der Enkel nicht, dass die Grossmutter nicht wegen des Insulins, sondern an den Spätkomplikationen gestorben ist, weil sie ihren Diabetes ein Leben lang nicht behandelt hat.

Welche Anforderungen muss ein modernes Insulin erfüllen?

Es gibt Unterschiede in der Wirkdauer, in der Geschwindigkeit, mit der die Wirkung eintritt, und in der Verträglichkeit des Medikamentes. Die neuen Insulin-Analoga wirken schneller und sind weniger dosisabhängig. Und bei den Depot-Insulinen dasselbe: Sie wirken länger, haben geringere Schwankungen in den Wirkspiegeln und dadurch Vorteile in der Basisversorgung.

Für die Basisversorgung wird nur noch ein Mal pro Tag gespritzt. Wo bleibt das Insulin, bis der Körper es tatsächlich braucht?

Im Fettgewebe direkt unter der Haut. Es sind Kristalle, die sich langsam aufl ösen. Zum Teil werden sie auch an Blutbestandteile gebunden und so verzögert an die Körperzellen abgegeben.

Was muss man machen, wenn der Körper bei den Mahlzeiten punktuell mehr oder beim Sport punktuell weniger Insulin braucht?

Wenn jemand weiss, dass er am Abend Sport treibt, muss er vorher eine kleinere Dosis spritzen. Hat er das nicht gemacht, weil er erst am späten Nachmittag Lust auf Sport verspürte, muss er einfach die Kohlenhydrat-Zufuhr in Form eines Snacks erhöhen und nachher bei den Mahlzeiten weniger Essens-Insulin spritzen als üblich.

Tut eine Insulin-Injektion weh?

Nein!

Ist die Angst vor Unterzuckerung während einer Insulin-Therapie gerechtfertigt?

Angst nicht, aber Respekt. Bei guter Blutzuckereinstellung sind Unterzuckerungen selten. Man sagt, dass insulinbehandelte Typ-1-Diabetiker im Durchschnitt ein Hypo pro Jahr machen, bei dem sie fremde Hilfe benötigen. Bei gut eingestellten Typ-2-Diabetikern ist das deutlich seltener. Da gibts ab und zu milde Hypoglykämien, die aber harmlos und problemlos selber zu korrigieren sind.

Was muss man tun, wenn man in eine Unterzuckerung hineingerät?

Dazu muss man schnell wirksamen Zucker stets bei sich haben, entweder in Form von Zuckerbriefchen, als Fruchtsaft oder zuckerhaltige Limonade. Wenn man merkt, dass eine Unterzuckerung kommt, zuerst Blutzucker messen und entsprechend reagieren. Ist man hingegen schon beduselt, soll man sofort Zucker einnehmen und anschliessend messen.

Was ist wichtiger: die optimale Einstellung der Blutzuckerkonzentration nach dem Essen oder der Nüchternblutzucker während des restlichen Tages?

Darüber wird eine engagierte Debatte geführt, zum Teil beeinfl usst durch die Präferenz für verschiedene pharmakologische Präparate. Ich glaube, am Schluss ist die
mittlere Blutzuckereinstellung am relevantesten, die sich aus beiden Werten zusammensetzt und im HbA1c dargestellt wird.

Heutige Spritzen – Pens genannt – sind funktionell, sehen gut aus und erinnern eher an Kugelschreiber. Spielt der Pen eine Rolle für die Therapiewahl?

Ja, ganz sicher. Einige wollen einen bestimmten Pen, weil sie mit diesem Modell zufrieden sind. Einige ein stabileres, andere ein feineres Modell, wieder andere wollen einen Pen, der beim Drehen gut hörbar klickt, andere einen, den man gut ablesen kann. Aber es kann durchaus für die Wahl der Therapie und damit des Medikamentes und vor allem für langfristige Therapietreue mitentscheidend sein.

Drucken21.12.2009