KrankheitenHaut und Wunden

Jeder Sonnenbrand ist zuviel

Prof. Stephan Lautenschlager erklärt, wie man sich vor Hautkrebs schützt.

«An der Sonne zu liegen, ist eine amerikanische und vor allem westeuropäische Unart. Einem Thailänder käme das nie in den Sinn, weil er weiss, dass er die Sonne nicht erträgt. Je weisser, desto schöner, lautet in Asien das Motto, das die Werbung und das öffentliche Leben durchzieht.» Prof. Stephan Lautenschlager, Chefarzt Dermatologisches Ambulatorium, Stadtspital Triemli, ist täglich mit den Folgen einer europäischen Outdoor- und Freizeitgesellschaft konfrontiert, welche die Bräune zum Schönheitsund Gesundheitsideal hochstilisiert hat. «Mit Gesundheit hat Bräune schon gar nichts zu tun. Im Gegenteil. Die Sonne macht alt. Neben Rauchen ist Sonnenbräune der schlimmste Feind für unsere Haut. Das langwellige UVALicht dringt bis tief in die Lederhaut und schädigt dort die elastischen Fasern, welche der Haut ihre Straffheit verleihen. Ein Prozess, der weitgehend irreparabel ist und sich durch vermehrte Faltenbildung und gelblich zitronenartige Oberflächenveränderungen bemerkbar macht.»

Der Dermatologe hofft, dass solche Argumente die Menschen zur Vernunft bringen. «Was nützt es, wenn Frauen und neuerdings auch Männer sich immer teurere Cremen ins Gesicht streichen, um möglichst lange möglichst jung auszusehen und gleichzeitig ihre Haut an der Sonne verbraten?» Er selber liege nie an der Sonne. Das sei langweilig und unangenehm. Wenn er sich in den Ferien am Strand aufhalte, dann nie über Mittag. Und auch sonst trage er immer ein T-Shirt. Das tue der Erholung überhaupt keinen Abbruch. Auch die sportliche Bräune sei ein Märchen. «Die Bräune ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch der Haut, sich gegen die Sonne zu wehren. Wer seine Haut liebt, tut ihr das nicht an, zumal jede Bräunung mit einer Schädigung der Erbsubstanz einhergeht. Körpereigene Reparaturmechanismen, die auch einmal versagen können, müssen das dann wieder korrigieren.»

Eine vorzeitig gealterte Haut ist zwar nicht schön, tötet jedoch nicht. Im Gegensatz zum schwarzen Hautkrebs, einer weiteren Folge des kollektiven Bräunungswahnsinns. «Es ist jedes Mal tragisch, wenn eine junge Mutter wegen eines Melanoms stirbt», sagt Prof. Lautenschlager. «Dieser Krebs ist unser grösstes Sorgenkind, weil er der Tumor mit der grössten jährlichen Zuwachsrate ist und auch jüngere Leute trifft. Wenn das Melanom metastasiert, sind wir fast immer machtlos. Ein Fünftel aller Melanom-Patienten stirbt an diesem Krebs.» Nach Norwegen hat die Schweiz die höchste Melanom-Rate in Europa. Und sie steigt weiter an. Ein im Jahr 2000 geborener Schweizer hat eine Chance von 1:50, an einem Melanom zu erkranken. Beim weniger gefährlichen weissen Hautkrebs beträgt die Wahrscheinlichkeit schon fast 1:3. Je mehr Sonnenbrände ein junger Mensch in seinem Leben hat, desto grösser die Krebsgefahr. «Deshalb ist jeder Sonnenbrand einer zu viel.»

Es sei an der Zeit, sich einmal klar vor Augen zu halten, wie stark die UV-Strahlung zum Beispiel am Strand und in der Höhe sei und wie schutzlos die nackte Haut diesen gigantischen Energien ausgeliefert ist. Prof. Lautenschlager veranschaulicht das gleich an einem einleuchtenden Beispiel. «Haben Sie eine Ahnung, welchem Sonnenschutzfaktor ein heller Sonnenschirm am Sandstrand entspricht? Nur Faktor 2. Im Klartext: Auch wenn man sich am Strand unter einen Sonnenschirm legt, führt das lediglich zu einer Verdoppelung der Zeit, während der sich die Haut selber schützen kann. Ein hellhäutiger Mensch – und dazu zählen die meisten Schweizer – fasst also bereits nach zehn Minuten einen Sonnenbrand trotz Sonnenschirm, so stark ist die Reflexion vom Sand und vom Wasser.» Man merke: Ein Sonnenschirm ist nicht gleich Sonnenschirm. Und ein Schatten ist nicht gleich Schatten. Einen besseren Schatten liefern ein Baum oder ein Bungalow. Wer zwischen 12 und 15 Uhr im Schatten bleibt, dem bleibt schon die Hälfte der täglichen UV-Dosis erspart.

  • 11

Am einfachsten ist wirksamer Sonnenschutz mit der richtigen Kleidung. Aber auch hier heisst es aufgepasst. Ein weisses Baumwoll-T-Shirt hat nur Sonnenschutzfaktor 10. Auch das ist viel zu wenig, wenn man sich länger als eine Stunde im Freien aufhalten will. Man merke: T-Shirt ist nicht gleich T-Shirt. «Trockene, dicht gewobene, weite und vor allem dunkle Kleidung schützt am besten», sagt Prof. Lautenschlager. «Schauen Sie im Tessin, wie die alteingesessenen Frauen im Sommer ihre Gartenarbeit verrichten, in schwarzen Kleidern, nicht weil sie altmodisch, sondern erfahren sind.» Auch ein breitrandiger Hut gehört zu einem wirksamen Sonnenschutz, um Nase, Wange und Kinn zu schützen. Mit einem Hütchen ohne Rand sind diese Körperpartien der gleissenden Sonne schutzlos ausgeliefert.

Zu guter Letzt kommt die Sonnencreme. Und das ganz bewusst. «Auch die beste Creme ist kein Freipass für unbegrenztes Sonnenbaden, vor allem nicht über Mittag zwischen 12 und 15 Uhr. In dieser Zeit sollte man in den Schatten.», hält Prof. Lautenschlager klipp und klar fest. «Auch schützende Kleidung wird durch Sonnencreme nicht hinfällig. Schatten und die richtige Kleidung sind die wirksamsten Mittel, um sich vor Hautkrebs und Hautalterung zu schützen. Kommt dazu, dass wir noch keine Studien haben, welche die präventive Wirkung von Sonnencreme gegen Melanome beweisen. Das liegt auch an den vielen Fehlern, die im Umgang mit Sonnencremen gemacht werden.»

Was für Fehler? «Noch immer verwenden viele Menschen einen viel zu niedrigen Schutzfaktor oder eine Creme mit ungenügendem UVA-Schutz. Der hellhäutige Durchschnittsschweizer braucht um 15 Uhr am Strand mindestens Faktor 30 oder noch besser 50. Damit das Sonnenschutzmittel auch sicher gegen die UVA-Strahlen schützt, sollte man nur Produkte mit dem UVA-Label in einem Kreis verwenden.»

Ein weiterer, sehr verbreiteter Fehler sind die viel zu geringen Mengen an Sonnencreme, die gewöhnlich auf der Haut aufgetragen werden. «Die Menge des verwendeten Präparates hat sich als wichtigster Faktor für seine Wirksamkeit erwiesen. Deshalb ist Sparen fehl am Platz. 30 Gramm am Tag braucht ein Erwachsener. Für eine Familie wird richtiger Sonnenschutz deshalb rasch zu einer Budgetfrage. Schon allein deshalb lohnen sich Schatten und entsprechende Kleidung.»

Fehler Nummer 3: Die Creme wird nicht gleichmässig am ganzen Körper aufgetragen. Heikle Partien sind der Rücken, der Bund der Badehose, die Rückseiten der Oberschenkel und der sehr empfindliche Fussrücken. Sich gegenseitig eincremen löst das Problem.

Fehler Nummer 4: Man cremt sich erst am Strand ein statt 15 Minuten bis eine halbe Stunde vor dem Aufenthalt an der Sonne.

Fehler Nummer 5: Nach dem Bad im Meer oder im See oder nach dem Schwitzen wird die Creme nicht erneut aufgetragen.

Für diesen Sommer wünscht sich Prof. Lautenschlager weder verbrannte Rücken noch Bäuche, sondern einen verantwortungsvollen Umgang mit der Sonne. «Wir müssen ja nicht gleich in schwarzen Tüchern herumlaufen. Aber etwas mehr vornehme Blässe täte uns allen gut. Hier war Madonna ein grosses Vorbild. Die Latino- Idole der Gegenwart mit ihrem dunkleren Teint sind für uns kein Massstab.»

Drucken01.07.2010