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Atemwegsinfektionen

Sie sind eines der grössten gesundheitlichen Probleme von Kindern.

Welche Rolle spielen Atemwegsinfektionen in der Kinderarztpraxis und im Spital?

Atemwegsinfektionen bei Kindern sind ein grosses Problem, und zwar weltweit. In der Schweiz leidet über die Hälfte der Kinder, die in die Notfallstation eines Kinderspitals oder in eine Kinderarztpraxis gebracht wird, an einer akuten Infektionskrankheit, wobei diejenigen der oberen und unteren Atemwege mit Abstand am häufigsten sind. In Entwicklungsländern verlaufen diese Infektionen oft sehr schwer oder sogar tödlich, weil die medizinische Versorgung unvergleichlich schlechter ist, was Diagnose und Therapie und was die Prävention anbelangt.

Wie verlaufen solche Atemwegsinfektionen bei uns?

Am häufigsten sind Schnupfen, Halsweh, grippeähnliche Bilder, Husten und Bronchitis. Erwachsene und Jugendliche erkranken durchschnittlich 2- bis 5-mal im Jahr, Kleinkinder und Kinder 5- bis 10-mal. Meistens haben diese Patienten auch Fieber. Bei uns sind die gefürchteten Komplikationen Lungenentzündung, Asthmaanfall und Mittelohrenentzündung. Die wichtigsten Symptome sind:

  • für Lungenentzündung: hohes Fieber, rasche Atmung und Husten
  • für Asthmaanfall: Atemnot mit «Giemen und Pfeifen», besonders bei erschwertem Ausatmen
  • für Mittelohrentzündung: Fieber, Ohrenweh und allgemeines Kranksein

Welche Erreger sind für diese Atemwegsinfektionen verantwortlich?

Mit Abstand am häufigsten Viren, die sogenannten respiratorischen Viren, zum Beispiel Rhino-, Adeno-, Respiratory-Syncytial-, Parainfluenza- und eigentliche Influenza- Viren und viele andere. Die bakteriell bedingten Atemwegsinfektionen wie Lungenentzündung, Mittelohrenentzündung und Nasennebenhöhlen-Entzündung sind in den meisten Fällen Komplikationen von ursprünglich viralen Infektionen der Atemwege, sogenannte Superinfektionen. Die häufigsten Bakterien sind Pneumo-, Strepto- und Staphylokokken und Mykoplasmen.

Gibt es Kinder, die gehäuft an solchen Atemwegsinfektionen leiden?

Säuglinge und Kinder erkranken deutlich häufiger an Atemwegsinfektionen als ältere Kinder beziehungsweise Erwachsene. Erhöhte Exposition, verminderte Immunantwort und die Einwirkung von Schadstoffen sind die drei wichtigsten Erklärungen. Unter erhöhter Exposition versteht man, dass sich Kinder bei vielen Gelegenheiten anstecken können, zum Beispiel in der Familie, in der Kinderkrippe und im Kindergarten. Entscheidend ist die körperliche Nähe der Kleinkinder zu ihren Kontaktpersonen. Bei Kindern spielt auch eine gewisse Unreife beziehungsweise das noch fehlende Gedächtnis des Immunsystems eine Rolle; oft stellen die Infektionen mit diesen Krankheitserregern Erstkontakte dar, und oft wurden auch noch keine Impfungen gemacht. Gehäufte Atemwegsinfektionen sind leider oft auch die Folge von Passivrauchen und Feinstaub-Exposition.

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Was macht man bei einer Atemwegsinfektion? In welchen Fällen sollte man zum Kinderarzt? Wann ins Spital? Wann braucht es Antibiotika?

Im Vordergrund steht zunächst die symptomatische Behandlung, das heisst genügend Flüssigkeit, bei Bedarf Fieberbekämpfung sowie Verzicht auf körperliche Anstrengungen und natürlich eine vernünftige Isolation, um Ansteckungen zu reduzieren, das heisst Verzicht auf Kinderkrippe, Kindergarten oder Schule. Wenn hohes Fieber, schlechter Allgemeinzustand, erschwerte und besonders auch beschleunigte Atmung, beim Ein- und oder Ausatmen deutlich hörbare Atemgeräusche, Atemnot sowie Blauverfärbung oder sogar Bewusstseinsveränderungen auftreten, muss das Kind sofort zum Kinderarzt oder ins Kinderspital. Je nach Krankheitsbild und den Resultaten seiner Untersuchungen wird der Kinderarzt dann entscheiden, ob eine antibiotische Behandlung nötig ist. In der Schweiz ist der Anteil von zu häufigen beziehungsweise zu raschen Antibiotika Therapien stark rückläufig. Die junge Ärztegeneration hat gelernt, die Frage «Antibiotika ja oder nein» besser zu beurteilen, und gibt deutlich weniger Antibiotika als früher.

Welche therapeutischen Optionen gibt es bei wiederholten Atemwegsinfektionen?

Im Vordergrund stehen Hygiene wie Händewaschen und die Reduktion von Kontakten mit erkrankten oder infizierten Personen. Dazu kommt wenn immer möglich die Vermeidung von Schadstoffen wie Passivrauchen und Feinstaub. Zur Stärkung der Immunabwehr bewähren sich gesunde Ernährung, im Säuglingsalter vor allem Muttermilch, und die Schutzimpfungen gegen Grippe und Pneumokokken. Eine weitere Möglichkeit ist die unspezifische Immunstimulation.

Wie funktioniert die unspezifische Immuntherapie?

Die unspezifischen Immunstimulation wird mit Bestandteilen von respiratorischen Infektionserregern, sogenannnte Antigenen gemacht. Die entsprechenden Medikamente stehen als Kapseln oder Flüssigkeit zur Verfügung. Die Antigene werden über spezielle Zellen im Darm aufgenommen, gelangen in die Blutbahn und vermögen im sogenannten lympha-tischen Gewebe, besonders in den Lymphknoten, die verschiedenen Achsen der Immunabwehr zu stimulieren. Dadurch kommt es zur Bereitstellung von Abwehrstoffen und Abwehrzellen, die in die Schleimhäute der Atemwege gelangen, wo sie die Infektionserreger abwehren. Verschiedene Studien bei Kindern und Erwachsenen konnten zeigen, dass sich die vorbeugende Behandlung mit einem dieser Präparate – namentlich Broncho-Vaxom – in den drei Monaten unmittelbar vor der Erkältungszeit bewährt. Sowohl Anzahl als auch Schwere und Dauer der Luftwegsinfektionen werden im Vergleich zum Vorjahr reduziert. Im Mai 2010 konnte ich an einem internationalen Kongress in Nizza eine kürzlich in acht europäischen Ländern durchgeführte, von mir geleitete Studie mit Broncho-Vaxom bei 400 Kindern vorstellen. Die Therapie wurde ausgezeichnet vertragen. Der Effekt – Reduktion von Anzahl sowie Schwere und Dauer der Atemwegsinfektionen im Vergleich zum Vorjahr – wurde bestätigt.

In welchen Fällen ist eine Immuntherapie bei Kindern und Erwachsenen anzeigt?

Wenn die Atemwegsinfektionen zu einer grossen Belastung werden, was die Anzahl als auch die Schwere anbelangt. Dies aus Sicht der Patienten und ihrer Eltern. Sowohl Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene profitieren von der vorsorglichen, unspezifischen Immuntherapie, die kaum je Nebenwirkungen hat und sehr kosteneffizient ist.

Drucken29.10.2010