Durchbruch bei Leberkrebs
Hepatologe PD Dr. Beat Müllhaupt über einen neuen Wirkstoff und Ultraschall.
Weshalb war bisher die Diagnose «Leberkrebs» meist gleichbedeutend mit Tod?
Eine Behandlung mit dem Ziel, den Krebs auch zu heilen, sei es mit einer Operation, einer Lebertransplantation oder einer Radiofrequenz-Therapie, ist nur bei circa einem Viertel der Patienten möglich. In den anderen Fällen kann man es nur mit einer rein palliativen Therapie versuchen, die darauf abzielt, möglichst lange eine gute Lebensqualität zu erhalten. Leider ist bei ungefähr 15 bis 25 Prozent der Patienten der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose so weit fortgeschritten, dass eine Behandlung nicht mehr in Frage kommt.
Was macht es sonst noch schwierig, diesen Krebs zu behandeln?
Die Behandlung des Leberkrebses ist so schwierig, da nicht nur der Tumor behandelt werden muss, sondern in vier von fünf Fällen auch eine Leberzirrhose und eine entsprechende Funktionseinbusse dieses lebenswichtigen Stoffwechselorgans.
Welche Rolle spielt in Zukunft das Übergewicht bei der Entstehung von Leberkrebs?
Wichtigster Risikofaktor ist die Leberzirrhose im Rahmen einer chronischen Hepatitis B- und C-Infektion. Übermässiger Alkoholkonsum oder eine Hämochromatose gehen auch mit einem deutlich erhöhten Risiko einher. Neuere Untersuchungen lassen vermuten, dass Patienten mit starkem Übergewicht ebenfalls ein höheres Erkrankungsrisiko haben als Normalgewichtige.
Macht sich Leberkrebs in einem frühen Krankheitsstadium bemerkbar?
In frühen Krankheitsstadien verursacht Leberkrebs nur ganz selten Symptome. Meistens wird er aus purem Zufall entdeckt, sei es bei einer Ultraschall-Untersuchung oder anlässlich einer Computertomografie.
Was müssen Risikopatienten tun, um Leberkrebs möglichst früh zu erkennen?
Risikopatienten mit einer Leberzirrhose sollten sich alle 6 Monate mittels Ultraschall und eines Bluttests untersuchen lassen.
Was bedeutet die Zulassung des neuen Medikamentes Nexavar für die Behandlung von Leberkrebs?
Die Behandlung des fortgeschrittenen Hepatozellulären Karzinoms war bisher sehr undankbar. Man befand sich als Arzt in einem unlösbaren Dilemma: Die verwendeten Medikamente waren für die kranke Leber entweder zu giftig oder dann eben unwirksam. Nexavar mit dem Wirkstoff Sorafenib ist die erste Substanz, bei der in einer grossen, standardisierten internationalen Studie gezeigt werden konnte, dass sie im Vergleich zu Placebo das Gesamtüberleben entscheidend verlängert. Damit steht uns in der Klinik endlich ein wirksames Medikament zur Behandlung von fortgeschrittenem Leberkrebs zur Verfügung.
Wie wirkt dieses Medikament?
Das Medikament hat einen doppelten Wirkmechanismus. Einerseits hemmt es, wie viele andere Krebsmittel auch, die Vermehrung der Tumorzellen. Auf der anderen Seite blockiert es im Tumor aber auch die Bildung von neuen Blutgefässen.
Das Hepatozelluläre Karzinom
Weltweit der fünfthäufigste Krebs und die dritthäufigste krebsbedingte Todesursache. In der Schweiz gibt es jedes Jahr rund 600 Neuerkrankungen. Männer sind dreimal häufiger betroffen als Frauen. Die Zahlen sind weltweit weiter steigend. Wichtigste Ursache in unserem Land ist die Leberzirrhose infolge einer chronischen Hepatitis B- oder -C-Infektion sowie übermässiger Alkoholkonsum.
Zwei Dinge geben dennoch zu Hoffnung Anlass: In den allermeisten Fällen entwickelt sich Leberkrebs nicht aus heiterem Himmel, sondern auf einer jahrelang vorbestehenden Leberzirrhose – einer bindegewebigen Vernarbung der Leber. Das heisst, man hat oder hätte Zeit, bösartige Lebertumore früh zu erkennen. Einzige Voraussetzung: Patienten mit Leberzirrhose müssen regelmässig untersucht werden, am besten alle sechs Monate, wobei die Leber unter anderem mit einem Ultraschallgerät systematisch abgesucht werden muss. Leider ist das heute die Ausnahme, sodass die meisten Fälle von Leberkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt werden.
Zweiter Hoffnungsschimmer: Nach jahrzehntelangen Misserfolgen haben die Forscher mit Nexavar zum ersten Mal ein Medikament entdeckt, das endlich gegen Leberzellkrebs wirkt und das Leben verlängert. In der Schweiz wurde es soeben zugelassen.
Die Experten sind sich einig: Das Medikament bedeutet einen Durchbruch in der Therapie und wird eine neue Ära einleiten. Die Hoffnung ist gross, dass Leberkrebs über Jahre mit diesem Medikament in Schach gehalten werden kann. Die Substanz wird oral verabreicht und gut vertragen. Die Behandlung erfolgt in einem hepatologischen oder onkologischen Zentrum, wo alle Fachleute zusammenarbeiten.








