Prostatakrebs
Lohnt sich eine Vorsorgeuntersuchung? Macht man im Alter noch eine Chemotherapie?
Die Prostata ist eine Drüse, welche wichtige Sekrete für den männlichen Samen bildet. Sie liegt unterhalb der Blase vor dem Enddarm. Die Harnröhre führt durch die Prostata. Das erklärt, weshalb viele Männer Mühe beim Wasserlassen bekommen, wenn die Prostata durch eine Wucherung vergrössert ist. Häufig ist diese Wucherung altersbedingt. Wenn sie sich aber nicht mehr stoppen lässt und Ableger in anderen Organen bildet, nennen wir das Prostatakarzinom oder Prostatakrebs. In der Schweiz werden jedes Jahr etwa 5 000 neue Prostatakarzinome entdeckt, etwa ein Drittel dieser Männer werden daran sterben. Das ist der Fall, wenn sich die Krankheit ausbreitet und Ableger bildet. Deshalb muss man versuchen, den Krebs früh zu beseitigen.
In letzter Zeit wurde viel darüber diskutiert, ob man bei Männern Vorsorgeuntersuchungen empfehlen soll, mit dem Ziel, das Karzinom in einem heilbaren Stadium zu entdecken. Mehr als 40 Prozent der 65-jährigen Männer haben Krebszellen in der Prostata. Viele davon werden sich aber nie zu einer lebensgefährlichen Krankheit auswachsen. Die grösste Herausforderung besteht also darin, jene Männer zu identifizieren, bei denen sich die Krebszellen ausbreiten.
Eine gute Vorsorgeuntersuchung ist die Messung des prostataspezifischen Antigens PSA, ein Eiweiss, das in der Prostata gebildet wird und auch im Blut mit einer einfachen Untersuchung gemessen werden kann. Bei den meisten Prostatakarzinomen ist das PSA im Blut erhöht. Aber Achtung: Ein erhöhtes PSA heisst noch lange nicht ein gefährliches Prostatakarzinom. Auch gutartige Prostataerkrankungen wie Entzündungen können das PSA im Blut erhöhen, sogar längere Velofahrten oder Sex. Das PSA hilft uns auch nicht bei der Entscheidung, ob es sich um schlafende Krebszellen oder einen lebensgefährlichen Krebs handelt. Diese Frage lässt sich nur anhand einer Gewebeprobe beantworten. Weil die Untersuchung nicht sehr angenehm ist, sollte man sie nur machen, wenn eine Aussicht besteht, die Heilungschancen zu verbessern. Bei einem 88-jährigen Patienten, der ein schwaches Herz, Zucker und böse Beine hat und wegen Atemnot ins Spital kommt, wird man keine Prostatabiopsie machen, auch wenn das PSA beim Eintrittslabor erhöht ist. Seine Lebenserwartung ist von ganz anderen Faktoren abhängig. Anders ist die Situation bei einem 49 Jahre alten Mann, der beim Routinecheck auf eine PSA-Bestimmung drängt. Er hat noch das halbe Leben vor sich. In dieser Zeit könnten selbst wenig aggressive Krebszellen zu einem Problem werden.
Alle Massnahmen haben Vor- und Nachteile, die mit allen beteiligten Spezialisten ausführlich erörtert werden müssen. Zum Behandlungsteam gehören Urologen, Radioonkologen und die Krebsspezialisten oder Onkologen, die neben dem Hausarzt die Koordination übernehmen. In Einzelfällen kann man einfach abwarten und sich auf Kontrollen beschränken. Will man das Übel aber an der Wurzel packen, muss man die Prostata chirurgisch entfernen oder bestrahlen. Mögliche Probleme sind allerdings Harnverlust, Impotenz und Darmreizungen.
Zum Glück gibt es auch lokale Therapien, die weniger belastend sind. Am Inselspital Bern stehen dazu die neusten Apparaturen für die Brachytherapie zur Verfügung, die wir uns von Prof. Daniel Aebersold, Chefarzt der Radioonkologie, erklären lassen. Dabei werden unter örtlicher Betäubung radioaktive Körnchen, sogenannte Seeds, in die Prostata eingeführt. Die Patienten bleiben 48 Stunden im Spital.
Noch moderner ist die ambulant durchführbare stereotaktische Bestrahlung. Welche Methode am besten ist, wird zurzeit intensiv erforscht. Eingesetzt werden sollten sie vorerst nur bei lokal begrenzten Tumoren. Auch das PSA sollte nicht zu hoch sein.
Jetzt lässt sich besser verstehen, weshalb regelmässige PSA-Bestimmungen nur sinnvoll sind, wenn man sich aller Vor- und Nachteile und der Konsequenzen bewusst ist. Dazu sind ausführliche Gespräche mit dem Hausarzt, dem Urologen oder Onkologen notwendig. Der Betroffene muss wissen, dass er durch das Resultat verunsichert und vor unangenehme Entscheidungen gestellt werden kann. Soll ich eine Gewebeprobe machen lassen? Die nächste Frage ist: Braucht es eine Behandlung oder soll zugewartet werden? Je jünger ein Patient und je aggressiver das Prostatagewebe unter dem Mikroskop aussieht, desto eher profitiert er von einer Operation oder Bestrahlung. Wichtig ist, dass er von allen beteiligten Spezialisten beraten wird. Trotz der Gefahr, dass einzelne Männer durch die Früherkennung überbehandelt werden, zeigen die Statistiken, dass dank Früherkennung und besseren Therapien weniger Männer am Prostatakarzinom sterben.
In vielen Fällen liegt trotz aller Fortschritte bei der Diagnose ein fortgeschrittenes Stadium mit Ablegern in anderen Organen – am häufigsten den Knochen – vor. Auch diese Patienten sind keineswegs verloren. Ihr Leben kann mit Medikamenten verbessert und verlängert werden, die sich im ganzen Körper verteilen müssen. Der Begriff Chemotherapie ist immer noch mit Angst und Schrecken verbunden. Schwere Nebenwirkungen werden heute zum Glück immer seltener. Es gibt nicht die eine «Chemotherapie». Unter diesem unglücklichen Begriff werden Hunderte von Medikamenten zusammengefasst, welche die Erbsubstanz der Krebszellen so schädigen, dass sie absterben. Unter «Chemotherapie» stellt man sich etwas künstliches, «chemisches» vor. Dabei wird das beste Medikament gegen Prostatakrebs aus der Natur gewonnen, genauer, aus der pazifischen Eibe. Mit diesem Medikament können die Patienten oft für Jahre gut leben. Wichtig ist, dass sich mit diesem Mittel nicht nur die Lebensdauer, sondern auch die Lebensqualität verbessern lässt.
Weil das Prostatakarzinom häufig Ableger in den Knochen macht, werden auch sogenannte Biphosphonate mit Erfolg verwendet. Diese Medikamente werden sonst gegen Osteoporose eingesetzt. Sie verhindern, dass die Knochen brüchig werden und Schmerzen auftreten. Viele andere Medikamente sind zurzeit in Erprobung. Immer häufiger sind das molekularbiologische Medikamente, welche einen Unterschied zwischen normalem Gewebe und Tumorzellen machen. Es ist deshalb wichtig, dass Patienten mit Prostatakrebs immer auch von einem Krebsspezialisten betreut werden. Er weiss, welches Spital welche Medikamente und welche kontrollierten klinischen Studien anbietet. Bestehen Sie also ruhig auf einer Überweisung an einen Onkologen.
Chemotherapie bei Prostatakrebs
Schreitet der Prostatakrebs fort und entwickeln sich Metastasen, ist eine Chemotherapie die Therapie der Wahl. Ziel ist in erster Linie die Erhaltung und oder sogar Verbesserung der Lebensqualität. Spricht der Patient auf die Chemotherapie an, zeigt sich das in einer Stabilisierung oder einem Rückgang des PSA-Wertes. Es besteht dann eine gute Aussicht auf eine Lebensverlängerung. Trotz dieser Fortschritte erhalten nur rund 50 Prozent der Patienten eine Chemotherapie. Mögliche Gründe sind eine ablehnende Haltung der Patienten oder die falsche Annahme, im Alter lohne sich eine Chemotherapie ohnehin nicht mehr. Tatsache ist: Bei gutem Allgemeinzustand können auch ältere Patienten von einer Chemotherapie profitieren. Diese Feststellung ist wichtig, weil rund zwei Drittel der Patienten mit Prostatakrebs über 70 Jahre alt sind. Tauchen Ängste vor Nebenwirkungen auf, sollten diese ausführlich mit dem Arzt besprochen werden. Heute gibt es gute Möglichkeiten, unerwünschten Begleiterscheinungen vorzubeugen.








