Durchbruch bei Frueherkennung
Nur gerade 15 Prozent beträgt die Überlebensrate bei Lungenkrebs.
PD Dr. Rolf Inderbitzin vom Thoraxzentrum Zürich über eine bahnbrechende Studie.
Die Früherkennung von Lungenkrebs ist im Umbruch. Eine neue US-Studie hat gezeigt, dass sich mit einer gezielten Computertomogramm- Untersuchung 20 Prozent der Lungenkrebs-Todesfälle bei Rauchern vermeiden lassen. Was heisst das für die Schweiz?
Jährlich sterben in der Schweiz 2700 Menschen an Lungenkrebs, die meisten davon sind langjährige starke Raucher. Werden diese durch eine kluge Risikoauswahl einem CT-Screening zugeführt, können 20 Prozent vor dem Tod bewahrt werden – das sind allein bei uns 540 Menschenleben jedes Jahr!
Haben die Forscher im letzten halben Jahrhundert denn nichts erreicht?
Doch, natürlich – sogar sehr viel. Chirurgie, Anästhesie und Intensivmedizin haben die Krebsentfernung viel sicherer gemacht. Die Strahlentherapie ist inzwischen zum präzisen «virtuellen Skalpell» geworden, und auch die Chemotherapie erlaubt ein individuelles Vorgehen. Die wichtigste Voraussetzung für eine Heilung ist aber die möglichst frühe Diagnosestellung. Und die ist nun möglich.
Was ist das Heimtückische an Lungenkrebs?
Lungenkrebs bleibt sehr lange Zeit stumm, asymptomatisch. Die Lunge besitzt keine Schmerzempfindung; unsere Lungenkapazität reicht zum normalen Atmen aus, selbst wenn fast die Hälfte nicht mehr funktioniert. Blutspucken, Lungenentzündung, Atemnot usw. treten nur auf, wenn der Tumor nah bei der Luftröhre wächst. Deshalb ist das Computertomogramm so hilfreich. Es vermag stumme Veränderungen im Lungengewebe von nur zwei Millimetern Durchmesser zu zeigen.
Warum setzen gerade Sie als Chirurg sich seit mehr als zehn Jahren für diese Vorsorgeuntersuchung ein?
Heilung ist auch heute noch nur durch die chirurgische Entfernung des Lungenkrebses möglich. Dazu muss der Krebs noch im Frühstadium sein. Wir wussten, dass diese Frühstadien mit Hilfe der hochmodernen Computertomographie-Geräte entdeckt werden können. Aber erst die «Schlüsselloch-Chirurgie» ermöglicht minimalinvasive Operationen, wodurch sich kleinste Krebsgeschwülste mit vertretbarem Aufwand und Risiko entfernen lassen. Da ich diese Art der Chirurgie von Anfang an international mitgestaltet und mitgeprägt habe, fesselte mich der Gedanke, die trostlose Prognose von Lungenkrebs zu verbessern.
Wer soll sich der neuen Vorsorgeuntersuchung unterziehen?
Eine bindende Richtlinie fehlt noch. Der beigefügte Selbstcheck gibt aber gültige Hinweise: Je höher die Punktezahl, desto sinnvoller ist trendmässig eine Vorsorgeuntersuchung.
Was kommt auf den Patienten zu, wenn er einen verdächtigen Befund hat?
Bei eindeutigem Verdacht wird ambulant etwas Gewebe entnommen oder eine kurzstationäre minimalinvasive Lungenbiopsie gemacht, je nach Lage des Tumors. Im Falle von Lungenkrebs im Frühstadium wird der erkrankte Lungenabschnitt entfernt.
Bedeutet jede Diagnose Operation?
Grundsätzlich soll jeder Lungenkrebs chirurgisch entfernt werden, wenn die Chance auf Heilung besteht.
Was kostet das Screening, und wer soll es bezahlen?
Eine CT-Untersuchung kostet etwa 300 Franken; drei Untersuchungen in zwei Jahren und die ärztlichen Folgekosten bei Patienten ohne Kontrollbefund werden vielleicht 1500 Franken ausmachen. Dieser Aufwand lässt sich vom Patienten problemlos selbst erbringen. Wenn Sie sich vorstellen, dass der tägliche Konsum von 20 Zigaretten bei einem Paketpreis von 7 Franken jährlich 2500 Franken kostet, ist dies eine segensreiche Investition! Im Krebsfall sind Diagnostik und Therapie dann kassenpflichtig, wobei die Behandlung im Frühstadium ungleich günstiger ist als später.
Soll ich als Raucher zur Besprechung eines Lungenkrebs-Screenings zum Facharzt oder zum Hausarzt gehen?
Zum Hausarzt. Auch die Verantwortlichen der US-Studie haben ihre gesunden Studienteilnehmer nach Beendigung der Studie sofort und unmissverständlich an ihre Hausärzte verwiesen, damit diese mit ihren Patienten zusammen das weitere Vorgehen festlegen.








