Krankheiten

Leben mit MS

Diagnose MS und wenige Tage später die Geburt von Zwillingen. Das Leben von Andri Cantieni.

Es ist Ende Oktober. Seraplana im Unterengadin. Der erste Schnee hat die Berge
schon in ein weisses Tuch gehüllt. Im Tal weiden noch die Rinder auf saftigen Wiesen, umgeben vom herbstlichen Gold der Wälder. Andri Cantieni, ein 43-jähriger Landwirt, steht inmitten seiner Herde. 44 Hektaren bewirtschaftet er. Früher hat er noch Kartoffeln angebaut. Jetzt setzt er ganz auf Angusbeef und Mutterkuhhaltung. Sein Biofleisch ist weitherum bekannt, sein Kundenkreis gross. Bis in 100 Kilometer weit entfernte Dörfer und Täler liefert er seine Produkte und kennt die Empfänger persönlich.

Andri Cantieni hat Multiple Sklerose. Er sagt das normalerweise nicht. Deshalb wissen es nur die wenigsten im Tal. Mitleid? Nein, das will er nicht. Er möchte nur einfach leben wie jeder andere auch. Er möchte auf seinem Hof bleiben und für seine junge Familie da sein. Seine Familie bedeutet ihm alles. Seine Frau Renata und seine eineinhalbjährigen Zwillinge Florio und Bignia.

Im Sommer 2008 mussten Andri und Renata Cantieni beide ins Spital. Bei ihm war es ein schwerer MS-Schub, sie wegen vorzeitiger Öffnung des Muttermundes. «Ich konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr laufen und hatte massive Störungen des Gleichgewichts.» Nachdem sich ein Jahr zuvor die Multiple Sklerose bereits mit Gefühlsstörungen im linken Arm ein erstes Mal angekündigt hatte, stand jetzt die Diagnose zweifelsfrei fest. «Irgendwie war dieser Moment eine Erleichterung. Ich wusste, ich hatte im Kopf keinen Tumor, sondern eine entzündliche Erkrankung, die man heute behandeln kann», erinnert sich der Bündner Landwirt. Dank Cortison konnte er bald wieder laufen. Die Ärzte im Kantonsspital St. Gallen stellten ihn auf ein Interferon-Präparat ein, das er einmal pro Woche zu Hause selber spritzt. Und in der Klinik Valens machte er eine Rehabilitation, die ihm wieder Boden unter die Füsse gab.

Und den brauchte er. Nur ein paar Tage später kamen die Zwillinge auf die Welt. «Ich hatte gar keine Zeit, an meiner Krankheit herumzustudieren. Ich habe nur gehofft, dass ich meinen Hof behalten kann.» Seine Eltern sprangen ein, sein Bruder und ein Onkel, ein Lehrer und zwei Mitarbeiter. «Ohne sie hätte ich diesen Betrieb nicht mehr.» Andri Cantieni spielt mit seinen Zwillingen und schaut seine Frau an. «Ich sah in Valens Patienten, wo ich sagen musste, ich gehöre mit meiner Krankheit noch auf die glückliche Seite des Lebens. Natürlich hat sich unser Leben komplett verändert. Meine Frau musste ihr Coiffeurgeschäft aufgeben. Meine Krankheit setzt mir Grenzen, die ich nicht verschieben kann. Früher habe ich von 6 Uhr morgens bis 9 Uhr abends gearbeitet, Tag für Tag. Wenn ich es heute bei mit der Arbeit übertreibe, bezahle ich es am nächsten Tag doppelt und dreifach. Ich hatte viele Ämter im Dorf und in der Feuerwehr. Ich habe sie alle aufgeben müssen. Wir hatten in unser Gehöft investiert, und jetzt kann ich nicht mehr Gas geben. Ich habe einen Begleiter, den ich mir nicht ausgesucht habe und den ich nicht mehr loswerde. Er muss mit mir leben und ich mit ihm.»

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Andri Cantieni macht alles, um seinen Begleiter nicht übermächtig werden zu lassen. Wöchentlich geht er in die Bewegungstherapie. «Ich habe gute Ärzte, in St. Gallen eine ausgezeichnete spezialisierte Klinik und ein Medikament, das ich gut vertrage und dank dem ich seit mehr als einem Jahr schubfrei bin. Anfänglich bereiteten mir die wöchentlichen Interferonspritzen noch Schwierigkeiten. Doch mit einer feineren Nadel und einer entzündungshemmenden Tablette eine Stunde vor der Injektion sind die unangenehmen Nebenwirkungen praktisch verschwunden. Und vielleicht gibt es bald einmal ein Medikament, das man nicht mehr spritzen muss. Für uns MS-Patienten wäre das ein riesiger Fortschritt.»

Gegen die Krankheit ankämpfen mag er nicht und schon gar nicht rebellieren. Das würde nur seine Kräfte verzehren. Und die braucht er für seine Familie und seinen Hof. «Ich musste lernen, die Angst vor einem weiteren Schub zu verlieren. Wenn er dereinst einmal kommt, ist es früh genug, sich mit ihm zu befassen. Aber nicht jetzt. Ich gehe auch nicht mehr ins Internet und lasse mich verrückt machen. Wenn ich etwas wissen muss, kann ich jederzeit Dr. Putzki, meinen MS-Spezialisten in St. Gallen, erreichen, per Telefon und per Mail. Er gibt mir die Informationen, die für mich wichtig sind.»

Die Zwillinge machen inzwischen ihren Mittagsschlaf. Andri und Renata Cantieni sitzen im Wohnzimmer ihres wunderschön renovierten Bauernhauses. Man merkt: das Kürzertreten fällt ihm nicht leicht. Auch wenn er derselbe geblieben ist wie früher, die Belastbarkeit ist nicht mehr wie vorher. «Ich musste lernen loszulassen, mich mit weniger zufriedenzugeben, auch finanziell. Ich kann und muss nicht mehr alles selber lösen. Mein Leben ist durch die MS anders geworden. Aber ich liebe mein Leben, so, wie es ist. Es gibt andere Werte im Leben als noch grösser und schneller zu werden. Was die Zukunft bringt, weiss ich nicht. Aber weiss das jemand, der keine MS hat?»

Vor ein paar Tagen war Andri Cantieni auf der Jagd. Es war fast wie früher, nur viel behutsamer. «Mein Ziel ist es nicht mehr, möglichst früh am Morgen möglichst weit oben auf den Bergen zu sein. Mein Ziel ist es, überhaupt auf die Jagd gehen zu können.»

Drucken06.01.2010