KrankheitenMultiple Sklerose

MS geht auf den Geist

Gedächtniseinbussen, Müdigkeit und Verstimmungen sind Frühzeichen von MS.

Das Bild, das man sich in der Öffentlichkeit von MS macht, muss gründlich revidiert werden. Neue Erkenntnisse vom Europäischen Multiple-Sklerose-Kongress in Düsseldorf zeigen, dass geistige Symptome wie verminderte Aufmerksamkeit, Müdigkeit, Konzentrationsmangel und Gedächtniseinbussen schon sehr früh im Krankheitsverlauf auftreten. Bevor die Betroffenen diese Symptome selber bemerken, werden in der Regel die Angehörigen darauf aufmerksam. Die intellektuellen Einbussen beeinträchtigen die Lebensqualität eines Patienten meistens viel stärker als die körperlichen Symptome. Werden diese Probleme nicht rechtzeitig erkannt, verlieren die Betroffenen den Anschluss an das normale Leben und ziehen sich mehr und mehr zurück. Besonders häufig ist das der Fall, wenn sich zu den geistigen Beeinträchtigungen noch Müdigkeit und Verstimmungen gesellen. Die verminderte intellektuelle und emotionale Leistungsfähigkeit hat einen grossen Einfluss auf die Alltagskompetenz der Menschen mit MS und fällt weit mehr ins Gewicht als allfällige körperliche Symptome.

Zwei von drei MS-Betroffenen berichten über Probleme mit dem Gedächtnis, dem Reaktionsvermögen, dem Planen von Handlungen, der Aufmerksamkeit und der Konzentration. Namen kann man sich nicht mehr so gut merken, Termine werden vergessen. Es fällt zunehmend schwer, in einer bestimmten Situation das richtige Wort zu finden. Das verunsichert. Viele Betroffene ziehen sich zurück, meiden Kontakte und Gespräche.

Das wichtigste psychische Problem bei MS-Patienten ist die Depression. Depressive Episoden können körperlichen Symptomen auch vorausgehen. Sie kommen im Krankheitsverlauf wohl bei den meisten Patienten vor und werden mittlerweile sogar als ein Hauptsymptom der Krankheit angesehen. Auch das Suizidrisiko ist deutlich erhöht. Nach neusten Untersuchungen hat rund ein Drittel der MS-Patienten Suizidgedanken. Besonders häufig treten sie in Kombination mit Depressionen, Alkoholmissbrauch und sozialer Isolation auf.

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Sowohl die geistigen Einbussen wie auch die emotionalen Probleme von MS-Patienten werden in der täglichen Praxis noch viel zu wenig beachtet. Meistens stehen nur die körperlichen Folgen der Krankheit im Vordergrund. In Zukunft geht es darum, die bei rund zwei Dritteln der Betroffenen auftretenden intellektuellen Einbussen abzuwenden und wenn möglich ganz zu verhindern. Das erfordert ein Umdenken in Diagnose und Therapie. Je früher verdächtige Symptome abgeklärt werden, desto rascher kann auch die Behandlung einsetzen. Kürzlich veröffentlichte Daten der über einen Zeitraum von fünf Jahren durchgeführten Benefit- Studie zeigen, dass sich eine Frühtherapie positiv auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit auswirkt. So konnte eine sofort nach dem ersten Schub einsetzende Behandlung mit Interferon Beta die Entwicklung einer klinisch gesicherten MS um mehr als zwei Jahre hinauszögern. Frühzeitige behandelte Teilnehmer hatten über fünf Jahre eine deutlich niedrigere Schubrate als später behandelte Patienten. In der Gruppe der frühzeitig behandelten Menschen bestand eine hohe Therapietreue. Früh behandelte Patienten zeigten nach fünf Jahren bessere kognitive Leistungen als Patienten, bei denen die Therapie erst spät einsetzte.

Hilfreich sind auch bewusste Strategien gegen intellektuelle Schwierigkeiten, bildhafte Vorstellung von Gedächtnisinhalten oder Hilfen wie Memos. Umwegstrategien helfen, Überforderungssituationen zu vermeiden, wenn sie regelmässig eingeübt und eingesetzt werden.

Drucken05.01.2010