Schwerhörigkeit
Der achtjährige Jan hat Hörgeräte und macht den Erwachsenen vor, was man mit ihnen alles hört.
Ein stolzer Zweitklässler ist Jan Blum, keiner mehr von den kleinen «Häfelischülern». Ein Zweitklässler wie jeder andere – auf den ersten Blick zumindest. Aber Jan ist seit seiner Geburt schwerhörig; Geräusche unter dem Lärmniveau eines vorbeifahrenden Lastwagens oder Motorrades kann er nicht hören. Deshalb trägt Jan zwei moderne Hörsysteme, die sonnengelb leuchtend hinter seinen Ohrmuscheln sitzen.
Diese Hörsysteme sorgen dafür, dass Jan auch auf den zweiten Blick ein Bub ist wie jeder andere: aufgeweckt und fröhlich. Das war nicht immer so. Schon als Kleinkind schien sein Gehör nicht normal zu funktionieren. Abklärungen führten zu keinem befriedigenden Ergebnis. Als der Bub aber ins Sprechalter kam und nicht oder nur unverständlich sprach, wurden die Zeichen auch für die Ärzte – unter anderem am Kantonsspital Luzern – klarer: Jan braucht zwei Hörgeräte, um mit seiner Umwelt zu kommunizieren.
Mit vier Jahren wurden ihm die ersten Geräte angepasst. Seine Mutter Simone erinnert sich an jenen Tag: «Für mich war das der eindrücklichste Moment in seinem jungen Leben. Als er das erste Mal die Geräte trug und sich zu mir umdrehte, strahlte er über das ganze Gesicht. Wie wenn die Sonne aufgeht.» Noch war die Lösung nicht ideal, zu oft schmerzte Jan der aggressive Ton seiner ersten Hörgeräte. Erst mit zwei Hörsystemen von Widex, die für ihren angenehmen und harmonischen Klang bekannt sind, bekam man das Problem in den Griff.
Die sonnengelben Gehäuse für seine zwei «HdO» – was «Hinter dem Ohr»-Systeme bedeutet – hat Jan selber auswählen dürfen. Er hat sich für die fröhlich leuchtend gelben entschieden. Sie sind schon von Weitem sichtbar. Das hat auch den Vorteil, dass sich die Leute von sich aus Mühe geben, laut und deutlich zu sprechen, was zusätzlich hilft, denn selbst die besten Hörsysteme können das menschliche Ohr nicht vollumfänglich ersetzen.
Wenn Jan von seinen «neuen Freunden» spricht, meint er die Hörsysteme. Sie eröffnen ihm eine ganz neue Welt. Er hört nicht nur das, was um ihn herum geschieht. Er nimmt auch Dinge wahr, für die er früher schlicht kein Gehör hatte. Die Vögel zum Beispiel, die er jetzt endlich zwitschern hört. Er versucht, sie an ihrem Gesang zu erkennen. Eine CD-ROM von der Vogelwarte Sempach hilft ihm dabei. Aufgrund ihres Federkleids kennt er die Vögel bereits. «Mein Lieblingsvogel ist der Spatz!», strahlt Jan.
Für einen Zweitklässler macht der Achtjährige einen sehr aufgeweckten Eindruck. Früh schon habe er sich selber am Computer Wissen angeeignet, «fast zu viel», lacht die Mutter. Er liest viel. Vor allem aber versteht er in der Schule, was seine Lehrerin sagt. Eine drahtlose Funkanlage macht möglich, dass Jan nichts verpasst. Seine Lehrerin muss nur das unscheinbare Mikrofon umhängen, Jan an seinen Hörsystemen das Programm umschalten, und schon versteht er sie perfekt. Darum bekundet Jan auch keine grosse Mühe im Unterricht. Er ist ein guter Schüler und ein gewissenhafter noch dazu. Denn nach dem Gespräch meint er keck: «Gut sind wir fertig, ich habe noch Hausaufgaben zu machen!» Am Abend besucht er noch die Jugendriege des örtlichen Turnvereins. Selbstverständlich bleiben die Hörsysteme auch das ganze Turnen über «oben». Ob beim Fussballspielen, Reckturnen oder Trampolinspringen: Jan will nichts verpassen, was um ihn herum geschieht.
Jan würde seine beiden Hörsysteme unter keinen Umständen mehr hergeben. «Ohne sie verstehe ich niemanden – das ist nicht schön. Ich will unbedingt wissen, was die anderen Kinder sagen oder die Erwachsenen.» Wer nichts hört, gehört nicht dazu. Das ist für Jan klar. Deshalb trägt er grosse Sorge zu seinen beiden kleinen Helfern. Wenn er sie in Wallisellen beim Hersteller überprüfen lassen muss, verliert er sie keine Sekunde aus den Augen und stellt höchstpersönlich sicher, dass der Widex-Techniker seine Arbeit so schnell wie möglich erledigt.
Jan trägt seine Hörsysteme ununterbrochen, vom Aufwachen bis zum Gutenachtkuss. Oft kommt es sogar vor, dass ihm seine Mutter die Geräte abnehmen muss, wenn er bereits im Bett liegt. Er hat sich längst an sie gewöhnt. Er nimmt sie nur ab zum Schwimmen. «Wasser haben sie gar nicht gern», weiss Jan. Oft studiert er deshalb morgens an seinem Computer den Wetterbericht. Um notfalls seinen breitkrempigen Regenhut bereitzulegen für den Schulweg. Damit seine zwei kleinen Helfer sicher trocken bleiben.
Da gibts aber noch eine Gelegenheit, bei der Jan auf seine Hörsysteme verzichtet: «Manchmal wechsle ich auf ein anderes Programm oder ich schalte sie ganz aus, wenn mich mein kleiner Bruder Nik ärgert.» Mit dem Programmschalter kann er die Mikrofoncharakteristik seiner Hörsysteme ändern, von Rundum-Mikrofon auf Richtmikrofon umschalten oder auf ein spezielles Programm, das den Klang der Musik optimiert. Das schätzt er besonders. Am liebsten hört Jan Hörbücher, lieber noch als selber zu lesen. Die abenteuerlichen Geschichten von Jules Verne haben es ihm besonders angetan.
Faszinierend, mit welcher Selbstverständlichkeit Jan mit seinen Hörsystemen umgeht. Im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen studiert er nicht an den Geräten herum, sondern nutzt sie als umkomplizierte Begleiter im Alltag. Er «muss» sie nicht tragen. Er «will» sie tragen, um dazuzugehören.
Kennt er noch andere mit einem Hörsystem? «Nein», überlegt er einen Moment. «Doch: Bruno. Der trägt seine Geräte aber nicht.» Jan meint seinen Grossvater im aargauischen Muri. «Ist das mühsam, wenn er dauernd fragt: ‹Was hast du gesagt?›» Der achtjährige Knirps wendet sich zu seiner Mutter: «Weisst Du, weshalb Bruno seine Hörgeräte nicht trägt? Ich verstehe das nicht. Das wäre doch viel besser für ihn.»








