Hoffnung inmitten von Schmerzen
Niggi Schubert über das Frühlingserwachen und die Bedeutung von Ostern.
Der Frühling sei die gefährlichste Jahreszeit, scherzten wir als Kinder. Da schlügen die Bäume aus und schössen die Salatköpfe. Im Ernst: Im Frühling ist alles in Bewegung. Wir Knaben spielten mit den Murmeln oder holten die Fussbälle hervor, die Mädchen sprangen mit dem Gummiband, Halbwüchsige gingen mit einem Mitglied des anderen Geschlechts Arm in Arm spazieren, argwöhnisch oder belustigt beäugt von uns «Kleinen».
Die Natur erwacht aus der Winterstarre, die Kultur umrankt das Geschehen mit Bräuchen, und die Religion sieht in diesen einzelnen Äusserungen das zentral Menschliche. Die christliche Kirche hat darum das Fest von Christi Auferstehung in den Frühling gelegt. Auch wer nicht glauben kann, dass hier ein Toter wieder lebendig wird: Die Botschaft des am Kreuz wie ein Verbrecher Getöteten läuft weiter. Ist nun die im Frühling erwachende Winterstarre der Natur ein Bild für die Auferstehung des Toten? Oder umgekehrt?
Wie auch immer man die Frage beantwortet: Der Götze Mammon versucht heute mit aller Kraft und mit Hilfe seines treuen Dieners Konsumius, das menschliche Bedürfnis nach Leben, Hoffnung und Liebe zu begraben unter einem Berg von Schokoladehasen, maschinell gefärbten Eiern und Küken, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen.
Gegen diesen Berg von Konsumgütern kann, wer sich für das Leben einsetzen will, nur das Wort setzen. Ich tat das in einem Gedicht, und weil ich Theologe bin, rede ich von Ostern, nicht vom Frühling:
Ostern
Ostern ist nicht hoppelnde Hasen,
Eier verstecken in Wohnung und Rasen,
Farbiger Zierrat auf süssem Gebäck,
Zuckerperlen zu selbigem Zweck,
Hammelkeulen, saftige Braten,
klirrende Gläser: Bezahlung auf Raten.
Nein. Ostern ist nicht ein Mehrwertbeschaffer,
mit optischen Reizen für fungeile
Gaffer.
Ostern ist Leben, erstanden vom Tod,
Leben trotz allem, trotz würgender Not.
Ostern ist Leben, Lieben und Herzen,
Ostern ist Hoffnung inmitten von
Schmerzen.
Ostern richtet auf, wer am Boden liegt.
Ostern gibt Atem der, die keine Luft
mehr kriegt.
Ostern überwindet den drohenden Tod.
Ostern gibt allen das nötige Brot.
Heute kann ich nicht mehr Fussball spielen, Gummitwist machte ich nie. Für einen ernstzunehmenden Knaben war solcher «Weiberkram» sowieso unter seiner Würde. Meine chronische Krankheit MS ist immer gegenwärtig. Im Bett zu liegen, ist mir näher, als Sport zu treiben. «Frühlingserwachen» führt mich nicht zu körperlicher Aktivität, für mich symbolisiert Ostern das, was für andere den Gang in die blühende Natur bedeutet.
In meinem Gedicht formulierte ich es so: Ostern richtet auf, wer am Boden liegt – oder, wie bei mir, im oder auf dem Bett.
Wie ich zu Beginn schrieb: Der Frühling bringt alles in Bewegung; die Kinder spielen, die Älteren lieben sich, die Halbwüchsigen öffentlich, die Erwachsenen diskreter. Der Frühling bringt auch mich in Bewegung, auch wenn ich im Bett liege oder im Stuhl sitze, lese und sinne. Frühlingserwachen zeigt sich bei mir nicht mehr so sichtbar wie bei Kindern und Jugendlichen, aber in meinem Inneren beginnt etwas aufzubrechen, etwas Gefrorenes zu spriessen. Die Krankheit fördert die Neigung, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen und die anderem und das andere zu vergessen, gleichsam innerlich zu gefrieren, die Totenstarre schon im Leben zu verwirklichen. Der deutsche Reformator Martin Luther bezeichnete das als die grösste Sünde, also die Tat, in der sich der Mensch dem Ruf des Lebens am stärksten verschliesst: der homo incurvatus in se ipse, der in sich selbst verkrümmte Mensch. Im Frühling beginnt dieser innerlich gefrorene Mensch wieder zu tauen und seine Glieder zu strecken. In der christlichen Religion reden wir von Ostern, von der Überwindung des Todes. Der Pfarrer und Dichter Kurt Marti drückte es so aus: «Wir stehen zur Auferstehung auf.» So wünsche ich mir und allen, dass bei uns immer wieder Frühling einkehrt.
Niklaus Schubert wurde 1961 in Riehen bei Basel geboren. Er studierte in Basel und Rom Theologie. 1986 übernahm er zusammen mit seiner Frau eine Pfarrstelle in S-chanf im Engadin. Diese musste er 1994 wegen seiner MS-Erkrankung aufgeben. Die Familie zog 1998 nach Davos. Dort arbeitet er heute als Schriftsteller.








