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Niemand hat einfach so Schmerzen

Schluss mit unnötigen Operationen und unsinnigen Therapien!

Schmerzpatienten sind geplagte Menschen. Gefoltert von ihren Schmerzen, ausgestossen von der Gesellschaft, oft missverstanden von jenen, die ihnen helfen sollten. Durchschnittlich werden sieben Ärzte aufgesucht, vergehen elf Jahre, bis sie endlich angemessen behandelt werden. Weshalb ist die Suche nach der richtigen Therapie für die Betroffenen ein einziger Spiessrutenlauf? Die Betreuung von Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen ist in veralteten ärztlichen Ansichten und Behandlungsmethoden erstarrt. Erst vereinzelt werden die neusten schmerzmedizinischen Erkenntnisse angewandt, findet der Schmerzpatient Zugang zur modernen Schmerzmedizin.

Zwei typische Beispiele aus der täglichen Praxis: Seit fast zehn Jahren leidet Juliane Müller unter ständigen Rückenbeschwerden mit Schmerzausstrahlung in das rechte Bein. Weder die herkömmlichen Abklärungen bei verschiedensten Fachspezialisten noch die wiederholten MRI-Untersuchungen vermochten das Beschwerdebild zu erklären. Diverse Behandlungsversuche – unter anderem auch in einer Rehabilitationsklinik – blieben erfolglos. Zermürbt von den Dauerschmerzen musste sie mit den Diagnosen «unspezifische Rückenschmerzen» und «psychosomatische Störung» vorliebnehmen. Starke Schmerzmittel und ein Mittel gegen Depressionen dämpften zwar die schlimmsten Schmerzen, Nebenwirkung wie Müdigkeit und Verstopfung beeinträchtigten aber zusätzlich die Lebensqualität. Auch nagte die Diagnose «psychosomatische Störung» an ihrem Selbstbewusstsein.

Auf Empfehlung einer Bekannten wandet sie sich an ein Schmerzzentrum. Zum ersten Mal nach langen Jahren fühlte sie sich nicht mehr als Simulantin – man nahm ihr Schmerzproblem ernst. Die nach den Grundsätzen moderner Schmerztherapie durchgeführte Diagnostik und Therapie bewirkte eine Schmerzreduktion um die 80 Prozent. Juliane Müller konnte die tägliche Schmerzmitteldosis drastisch senken, das Mittel gegen Depressionen braucht sie nicht mehr. Dank der neuen Lebensqualität kann sie mit den Restbeschwerden gut umgehen.

Fall Nummer 2: Was Valentin Schmid zunächst als lästiges Stechen über dem rechten Schulterblatt verspürte, entwickelt sich allmählich zu einem belastenden Dauerschmerz über dem gesamten Schulter-Nacken-Bereich. Als Schmerzursache wird eine schmerzhafte Muskelverspannung diagnostiziert. Eine über mehrere Wochen dauernde Behandlung mit verschiedenen Schmerzmitteln und Tabletten zur Muskelentspannung sowie wiederholten Physiotherapiesitzungen und Akupunktur sind wirkungslos. Als zusätzlich auch brennende, elektrisierende Schmerzen und Ameisenlaufen im ganzem rechten Arm auftreten, wird eine MRI-Untersuchung durchgeführt. Diese zeigt einen Bandscheibenvorfall mit Reizung der austretenden Nerven. Der konsultierte Neurochirurge rät dringend zur Operation. In der Hoffnung, die Operation
mit einer gezielten Behandlung doch noch vermeiden zu können, wird Valentin Schmid vom Hausarzt zuerst an ein Schmerzzentrum überwiesen. Bereits eine Woche nach der ersten Behandlung unter Röntgenkontrolle sind die Schmerzen praktisch verschwunden, eine zweite, gezielte Therapie macht ihn dauernd beschwerdefrei.

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Einzelfälle sind das bei Weitem nicht. Die Mehrheit der Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen haben mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die qualitativen Unterschiede beim diagnostischen Vorgehen und bei der Behandlung sind enorm. Obwohl Schmerzen die häufigste Ursache für Arztbesuche sind, gibt es nur wenige Normen und Kontrollen, vielerorts fehlen klare Therapiekonzepte. Unsachgemässe Diagnostik und fehlerhafte Behandlungen verursachen unnötiges Leid sowie enorme Folgekosten. Zu viel Medikamente, zu viele Untersuchungen ohne Konsequenzen, unnötige Hospitalisationen und stationäre Rehabilitationen ohne ersichtliche Besserung, zu rasch und unkritisch der Griff nach dem Skalpell. Ist das ärztliche Wissen am Ende, sind Diagnosen wie «unspezifische Rückenschmerzen» oder «Schmerzverarbeitungsstörung» beliebte, aber billige Erklärungsversuche. Viele dieser «Verlegenheitsdiagnosen» lassen sich aber durch ein strukturiertes schmerzdiagnostisches Vorgehen vermeiden.

Qualifizierte Schmerztherapie steigert die Effizienz der Behandlung und senkt Kosten. Das ist eindeutig belegt. Die Forderungen müssen deshalb sein: Vereinfachter Zugang zu anerkannten Behandlungsverfahren, Verkürzung der Behandlungsdauer durch klar definierte Prozesse, Qualitätsverbesserung diagnostischer und therapeutischer Handlungen und Vermeidung unnötiger Operationen. Es darf einfach nicht sein, dass wir immer wieder mit verzweifelten Patienten konfrontiert werden, deren Schmerzursache vorschnell in der Psyche geortet wird, nur weil ihnen die korrekte Diagnostik und Therapie vorenthalten wurde. Besonders schlimm ist, dass viele Patienten aufgrund unnötiger Operationen und anderer hochtechnischer Eingriffe für den Rest ihres Lebens geschädigt bleiben.

Ich appelliere deshalb an meine Kollegen: Schmerzen sind eine der grössten Herausforderungen der Medizin. Nehmen wir sie an! Hören wir auf mit Vorurteilen, falschen Verdächtigungen oder Bemerkungen wie: «Damit müssen Sie nun halt leben.»

Niemand hat einfach so Schmerzen. Es gibt immer einen Grund. Eine strenge Einteilung in Körper und Psyche ist ohnehin nicht möglich, Körper und Seele gehören untrennbar zusammen. So wie anhaltende Schmerzen sich negativ auf die Psyche auswirken, beeinflussen psychische Verletzungen auch den Körper und ganz besonders den Umgang mit dem Schmerz. Auch wenn die Schmerzursache nicht immer eindeutig lokalisiert werden kann und die Medizin an ihre Grenzen stösst, so haben wir die Pflicht, die Schmerzpatienten ernst zu nehmen und die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sinnvoll einzusetzen beziehungsweise auszuschöpfen. Schmerzpatienten sind genauso normal wie Sie und ich. Also behandeln wir sie dementsprechend.

Drucken10.10.2009