LebenHören

Zuhören heisst, sich öffnen

Alt Bundesrat Samuel Schmid erzählt übers Hören.

Wo wir auch sind, wir setzen uns mit unserem Umfeld auseinander. Wir nutzen unsere Sinne, um unsere Umgebung wahrzunehmen. Die Wahrnehmungen sind dabei so vielfältig und widersprüchlich, dass man sich nicht selten zwingen muss, Distanz zu gewinnen, um sie richtig einzuordnen. Vorweg ist in aller Ruhe zu überlegen, was eigentlich wichtig ist und was nicht. Wir tun dies in unterschiedlicher Weise. Die einen ziehen sich zurück in die Stille, andere gehen joggen oder schwimmen, und wieder andere begeben sich einfach in die Natur. Dort finden sie eine Lehrmeisterin, die täglich zeigt, was das Leben ausmacht und was letztlich nötig und wesentlich ist. Immer wieder sind wir dabei auch auf Menschen angewiesen, mit denen man sich austauschen und unterhalten kann. Nicht alles lässt sich allein bewerkstelligen, und die Ansicht eines Mitmenschen ist immer wertvoll. Man braucht jemanden, der zuhört.

«Hörst Du mir eigentlich zu?» Ist eine Frage, die nicht selten an uns gerichtet wird, wenn man in sich versunken und gedankenabwesend ist. Wir kennen die Situation, man beschäftigt sich mit irgendeiner Frage, klinkt sich aus dem unmittelbaren Umfeld aus und hängt seinen eigenen Gedanken nach. Das ist gelegentlich verständlich und nicht weiter schlimm, ab und zu wird ja auch so viel geredet, dass die Flucht in die eigene Gedankenwelt eine Art Selbstschutz ist. Auf Dauer und besonders gegenüber Nahestehenden und Freunden ist es aber nicht unproblematisch, weil es als Desinteresse ausgelegt wird und unfreundlich wirkt. Soweit das vermeintliche Weghören auf ein eigentliches Ungenügen des Gehörs zurückzuführen ist, lässt sich dies korrigieren, und es empfiehlt sich auch, dies zu tun oder sich mindestens beraten zu lassen. Auch ich musste mir vor zwei Jahren ein Hörgerät anpassen lassen. Über viereinhalb Jahre Militärdienst, meine Freude am Schiessen und wahrscheinlich auch das Alter trugen dazu bei, dass ich in gewissen Situationen, vor allem bei gleichzeitigen Grundgeräuschen, Mühe hatte, Gesprächen zu folgen. Nun, Eitelkeit kann ja kein Grund dafür sein, auf die Auseinandersetzung mit unserem Umfeld
oder auf eine aktive persönliche Teilnahme an Gesprächen zu verzichten. Kommt dazu, dass die Ursachen des Gehörschadens nicht ehrenrührig sind – im Gegenteil – bei aller Sorgfalt, die zum Schützen des Gehörs selbstverständlich anzuwenden ist.

Wenn wir aber schon beim Zuhören sind, komme ich nicht umhin, noch das «Zuhören» im weiteren Sinn anzusprechen. Das «Zuhörenkönnen» und die Disziplin des Zuhörens im Allgemeinen, insbesondere in der politischen Diskussion. Augen und Ohren verbinden uns mit der Welt und den Mitmenschen. Sie vermitteln uns wesentliche Eindrücke zur Bildung unseres Urteils. Sehen und Hören ist damit eigentlich zu wichtig, als dass es nur flüchtig gepflegt würde. Nicht alles, was wir sehen oder hören, ist schliesslich wahr; und um sich ein Urteil zu bilden, muss man das Gesehene oder Gehörte auch begriffen und verstanden haben. Beidem muss man die erforderliche Zeit gewähren. Die Volksweisheit beispielsweise, dass man nicht schneller sprechen sollte, als der eigene Schutzengel zu fliegen vermag, macht durchaus Sinn.

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Sehen und Hören verbindet uns mit der Welt und den Menschen. Wie hoffnungslos ist das Schicksal derjenigen, denen niemand zuhört. Sie vereinsamen und fühlen sich ausgeschlossen, was fatale Folgen haben kann. Überhören wir nie diejenigen, die schweigen. Schon eher kann man es sich leisten, die Vorlauten zu überhören und die Lauten mindestens auf Distanz zu halten. Es ist ja nicht einfach, in einer Gesellschaft, die offenbar vor allem auf Schlagzeilen, Superlative, Lärm und Skandalisierungen reagiert, das Wesentliche zu erkennen; schier unmöglich ist es geworden, Zwischentöne auszumachen, soweit sie überhaupt noch gewollt sind. Zu sehr ist leider in unserer Gesellschaft der Eindruck verhaftet, Wichtiges sei laut, kündige sich in grossen Lettern an oder erscheine in Pomp und Glanz. Hand aufs Herz: Ist nicht in der Regel das Gegenteil zutreffend? Was an Tiefe fehlt, wird kompensiert durch arrogante Besserwisserei, Weitschweifigkeit und Show. Was andererseits zu bescheiden daherkommt, kann noch so klug sein, es wird kaum wahrgenommen.

Diese «Kultur» hat Folgen: Wer die Kraft nicht mehr hat, an Kompromissen zu arbeiten, präsentiert ausschliesslich «Lösungen» und posaunt sie lautstark durchs Land, wer andererseits bereit und offen ist zur Diskussion, zeigt scheinbar Unsicherheit, er ist nicht «in». Wie oft habe ich es erlebt, dass man stundenlang redet – ich schreibe bewusst nicht «diskutiert» –, ja sogar Lösungen verhindert, schlicht und einfach, weil man nicht zuhört. Man will oder vielmehr man darf nicht zuhören, sonst gefährdet man die eigene Position. So gilt es auch, zurückhaltend zu sein mit Fragen bei Leuten, die selbst nur Antworten haben. Denn eine Frage ist für nicht wenige das vermeintliche Zugeständnis der Inkompetenz des Fragestellers. Fragen echt diskutieren andererseits hiesse nämlich auch zuhören, hiesse, sich zu öffnen und sich mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen.

Gelegentlich bedaure ich, dass Denken keinen Lärm macht. Die Überlegten wären Helden und die Lauten stiller als angenommen. Die Ruhe zum Überlegen wird ja in einer Gesellschaft, die geprägt ist von lauten Tönen und grellen Farben, häufig als Fantasielosigkeit, ja sogar Überforderung angesehen. Das Gegenteil ist zutreffend. Keine Angst übrigens, ich bedaure es nur gelegentlich. Zum einen ziehe ich Ruhe grundsätzlich vor, und zum anderen wäre ich möglicherweise beunruhigt von der Stille, die sich bei vielen plötzlich breitmachte.

Zuhören! – Sorgen wir dafür, dass wir physisch die Fähigkeit erhalten, dem Gegenüber zuzuhören, aber fördern wir auch unsere Bereitschaft, unser Umfeld zu verstehen. Echtes Zuhören macht Mitmenschen zu Bekannten, macht die Welt zur Partnerin.

Drucken21.09.2009