LebenKommunikation

Tür von innen Öffnen

Über die ärztliche Kunst der Motivation.

Im medizinischen Alltag hat die Prävention die Intervention längst abgelöst. Gefragt sind in erster Linie nicht mehr Therapien, sondern Massnahmen, die darauf abzielen, Krankheiten abzuwenden oder sie günstig zu beeinflussen: Änderung des Lebensstils, Ernährungsumstellung, Vermeidung von schädlichen Einflüssen wie Nikotin und zu viel Alkohol und vermehrte körperliche Aktivität sind überaus wirksam. So konnte das Fortschreiten von Diabetesvorstufen zu einem Vollbild der Erkrankung um über 50 Prozent reduziert werden.

Die wenigsten Patienten können den Lebensstil so ändern, wie wir Ärzte das wünschen. Einige sind gar nicht motiviert anzufangen, andere versuchen es und werden rückfällig. Das bewirkt bei uns Ärzten oft Resignation und Zynismus. Woran liegt das? Es fällt auf, dass wir Ärzte Verhaltensänderungen wie ein Medikament verordnen wollen, aber nur wenig darüber Bescheid wissen. Das ist unprofessionell und mag erklären, weshalb Misserfolge bei der Beratung von Übergewichtigen gerade grassieren, auf der anderen Seite der Glaube an Diätratgeber, Abnehmpülverchen und andere Heilsbringer unerschütterlich ist.

Die Tür muss von innen geöffnet werden. Diese alte pädagogische Weisheit gilt auch für die Arzt-Patienten-Beziehung. Der Arzt kann eine Veränderung anregen, umsetzen muss sie aber der Patient. Wir können noch so gute Türöffner sein, wenn sich der Patient von innen gegen die Türe stemmt, werden unsere Anstrengungen keinen Erfolg haben oder sogar kontraproduktiv sein. Eine Verhaltensänderung läuft in mehreren Phasen ab. Dazu gehören auch Rückfälle. Sie sind Bestandteil der Veränderung und machen stark. Eine behutsame Aufarbeitung von Rückfällen gehört zur wichtigsten Aufgabe bei der Motivationsarbeit.

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Motivation zur Veränderung beginnt mit der Frage, in welcher Phase sich ein Patient befindet. Was der Arzt macht, muss der Phase angepasst sein. Sehr viele Patienten, die uns besuchen, befinden sich in der ersten Phase der Absichtslosigkeit. Sie werden auf dem falschen Fuss erwischt, weil sie das Problem gar nicht sehen. Sie suchen einen Arzt für einen Check auf, um sicherzustellen, dass alles im grünen Bereich liegt. Findet der Arzt etwas, das eine Verhaltensänderung nötig macht, hat er nur eine einzige Chance: Er muss den Patienten von der Absichtslosigkeit in die Phase der Absichtsbildung führen, durch geschickte Fragen wie: Finden Sie es nicht attraktiv, wenn Sie sich mehr bewegen könnten? Würde es Ihnen ohne Raucherhusten nicht besser gehen?

Die häufigste Reaktion von uns Ärzten ist eine nicht phasengerechte. Unsere Ratschläge und Verordnungen führen dann nur zu Widerstand. Am wichtigsten ist aber, Widerstand zu vermeiden und dafür positive Stellungnahmen vom Patienten zu erhalten, damit er sich für ein Thema öffnet.

In der Phase der Absichtsbildung stellt ein Mensch seinen aktuellen Lebensstil infrage. Bildlich gesprochen studiert er den Öffnungsmechanismus der Tür. Wir Ärzte müssen die Patienten jetzt nur dazu bringen, sie auch wirklich aufzustossen. Behutsamkeit ist angesagt. Der übermotivierte Arzt wird keinen Erfolg haben. Deshalb keinen Druck aufsetzen und Geduld walten lassen.

Einfühlungsvermögen und Ermutigung sind auch die wichtigsten ärztlichen Begleiter in der Vorbereitungsphase und bei der Verhaltensänderung selber. Sie setzen einen positiven Kreislauf in Gang, der zu einem Gefühl gesteigerter Selbstwirksamkeit führt: Ich schaffe es ja selber!

Je jünger der Arzt, desto eher versucht er, seine Patienten zu gesunder Lebensweise zu motivieren. Das zeigt eine Befragung von Schweizer Hausärzten zur Betreuung von Herzpatienten. Am wenigsten motivieren ältere Ärzte. Sie sind auch kaum mehr bereit, sich an offizielle Behandlungsrichtlinien und Zielvorgaben bei der Betreuung zu halten. So eine Befragung durch die Universitätskliniken Zürich und Lausanne.

Drucken05.07.2009