LebenPsychologie

Der Mensch ist Seele

Was ist die Seele und wo befindet sie sich? Eine Instanz der menschlichen Freiheit.

1967 führte Christian Barnard zum ersten Mal erfolgreich eine Herztransplantation durch. Damit hat er einen der wichtigsten Meilensteine in der Medizingeschichte gesetzt. Ein neues Zeitalter wurde eingeläutet. Gleichzeitig war aber auch die Frage nach dem Sitz der Seele im menschlichen Körper erledigt. Mit dem prometheischen Unternehmen hat Christian Barnard mit einem Tabu gebrochen, mit der weithin verbreiteten Überzeugung, dass das Herz das Gefühlszentrum des menschlichen Körpers sei, der Sitz seiner Seele. Auch wenn man es sich heute kaum vorstellen kann, die Nachricht von der erfolgreichen Herztransplantation entfachte eine heftige ethische Debatte. Darf man in die innersten Bereiche des menschlichen Lebens vordringen, ja es sogar manipulieren, indem man das Herz in die Brust eines anderen Menschen verpflanzt? Schlussendlich waren es die grossen Fortschritte und die vielen Leben, die in den folgenden Jahrzehnten gerettet werden konnten, welche zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Organtransplantation führten. Einen alternativen Sitz für die Seele hat man danach nicht ausfindig gemacht. Man sah ein, dass der Begriff der Seele wissenschaftlich unbrauchbar ist. In der Psychologie hat sich in der Zwischenzeit ja auch der Ausdruck Psyche gegen denjenigen der Seele durchgesetzt, um einen Phänomenbereich zu beschreiben, den man nun experimentell erforschen wollte.

Die griechische Philosophie wollte mit der „Psyche“ das Geheimnis des Lebensprinzips nicht nur des Menschen, sondern auch der Pflanzen und Tiere, ja sogar der Himmelskörper benennen. Die Seele wurde als vegetatives Vermögen aufgefasst, als Urgrund jeglicher Lebenskraft. Platon und Aristoteles verwendeten dazu Begriffe, die wir eher mit der Mechanik assoziieren würden, die aber ihrer Intention nach Selbstbestimmung und Freiheit thematisierten. Während zum Beispiel ein Stein fällt, ohne dass er dies von sich aus verhindern könnte, sondern diese Bewegung einfach erleiden muss, kann sich ein beseeltes Wesen von sich aus bewegen. Selbstbewegung war der entscheidende und in der antiken Philosophie immer wiederkehrende Gedanke. Die Fähigkeit zur Selbstbewegung unterschied einen beseelten Organismus von allen unbeseelten und deshalb fremdbestimmten Organismen. Da die Seele von niemandem bewegt wird, ist sie auch wesensgleich mit den Seelen, die von Ewigkeit her den Lauf der Gestirne antreiben, also muss auch die menschliche Seele wie diese unsterblich sein. Mit der Psyche hat die griechische Philosophie aufgezeigt, dass sich der Mensch über seine materielle und physische Existenz erheben, aus Zwangsbestimmungen ausbrechen und sich jenseits ihres Einflussbereiches bewegen kann. Die Seele ist das, was in allen Veränderungen bestehen und mit sich identisch bleibt. Dadurch schafft es der Mensch, in der Abfolge der verschiedenen Lebensmomente mit sich identisch zu bleiben.

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Viele Philosophen hatten ein Interesse daran, ein Seelen-Organ bestimmen zu können, einen Ort, an dem die Seele ihre vitale Funktion ausüben kann. Von Anfang an dachte man ans Hirn oder eben ans Herz, wie zum Beispiel Aristoteles. Über solche Spekulationen kam man nie mehr hinweg. Bis in die Moderne hinein und quer durchs christliche Mittelalter blieb ein Gedankengut bestehen, wie es in der Antike geprägt worden ist. Durch Kunst und Sprache herrschte zuweilen eine ver-dingte Vorstellung über die Seele. So wird sie in vielen Abbildungen von Märtyrern als ein neugeborenes Kind dargestellt, die aus dem Mund des sterbenden ausgehaucht und von den Engeln in den Himmel getragen wird. Die Frage nach dem Seelen-Organ liess die Denker erfinderisch werden. So wurde noch lange die Meinung vertreten, die Hirnventrikel seien für die Kommunikation zwischen Seele und Körper verantwortlich. Und noch im 18. Jahrhundert vermutete der Universalgelehrte Albrecht von Haller, dass die Seele in der weissen Hirnsubstanz anzutreffen sei. Spätestens seit Immanuel Kant hat man aber diese Art von Fragestellung zumindest in der Philosophie aufgegeben. Die Seele konzipierte er nicht als ein reales Ding im menschlichen Körper, das empirisch bewiesen werden könnte. Nach Kant kann von der Seele, wie auch von Gott, nur als Postulat die Rede sein: Die Seele ist ein notwendiger Gedanke, den der Mensch zum moralischen Handeln braucht, aber kein von Aussen feststellbares „Ding“. Trotzdem hegen viele noch immer die Hoffnung, die moderne Hirnforschung könne eines Tages die Frage nach dem Sitz der Seele beantworten. In der Wissenschaft und in Medizin traut sich aber niemand mehr zu behaupten, der Mensch habe eine Seele. In der Psychologie wird der Begriff zwar noch in seiner ursprünglich griechischen Form Psyche verwendet, jedenfalls je nach Ausrichtung und Schulmeinung als Integrationspunkt der gesellschaftlichen, kulturellen oder auch biologischen Bedingungen und Konditionierungen auf das menschliche Verhalten. Und doch bleibt in unserem Sprachgebrauch gerade die Seele, sei es auch in sehr wagen Vorstellungen, hoch im Kurs. Am Gebrauch eines solchen unlokalisierbaren Begriffs scheint sich niemand zu stören. Vielleicht gerade deshalb, weil er von der Medizin und der Psychologie eben nicht definiert und vereinnahmt werden kann. Vielleicht drückt der unreflektierte Gebrauch dieses Wortes das Bewusstsein des neuzeitlichen Menschen aus, ein „Mehr“ zu sein als die Schulmedizin über ihn aussagt. Und so begleitet dieser Begriff die Suche nach Ganzheitlichkeit und Integrität, eine Suche, die auch das Aufblühen der fernöstlichen und alternativen Medizin einerseits, Mystik und Spiritualität andererseits beflügelt.

Der Mensch hat keine Seele, er ist Seele. Mystiker wie Meister Eckhard verstehen die Seele als ganzheitliches Lebensprinzip, das ungeteilt den ganzen Körper durchdringt. Schon im alttestamentlichen Schöpfungsbericht ist vom Einhauchen des Atem Gottes und damit seiner Ebenbildlichkeit die Rede. Also steht der Mensch wie Gott selber oberhalb jeglicher ihn eingrenzender Definition. Niemand, schon gar nicht die Wissenschaft, kann abschliessend die Frage beantworten, was der Mensch ist. Der Mensch verfügt immer über ein „Mehr“, das ihn von jeglicher Vereinahmung schützt. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner gesunden und kranken biologischen Prozesse und mehr als die Summe der verschiedenen psychologischen Faktoren, die ihn bestimmen. Der Phänomenbereich, der im Begriff der Seele umschrieben ist, bietet einen Raum der Offenheit, in dem der Mensch immer wieder auf Neues und Unerwartetes stösst. Sich dieses „Mehr“ bewusst zu sein, erweist sich als heilsam, setzt Kräfte frei, die gerade im Umgang mit Krankheit entscheidend sein können. Der Mensch kann nicht durch andere Instanzen vereinnahmt werden. Gleichzeitig gilt: Der Mensch kann seine eigene Identität nie ausschöpfend definieren und vereinnahmen. Beim Blick in die Vergangenheit erscheint uns vieles, was uns gegenwärtig ausmacht, als Produkt des Zufalls, und beim Blick in die Zukunft kommt die Angst auf, es wieder zu verlieren. Dieses Bruchstückhafte macht das menschliche Leben zu einer grossen Herausforderung. Die eigene Zukunft zu planen, dem Leben die nötigen Schranken zu geben, um den beruflichen Werdegang und somit den Unterhalt zu sichern, vermittelt zwar Sicherheit. Und doch müssen wir uns eingestehen, dass wir unser Leben eben nicht abschliessend erfassen können, dass menschliches Leben immer wieder Neuorientierungen mit sich bringt, die unsere Pläne durchkreuzen. Die Seele ist eben nicht unveränderlich. Sie muss es auch nicht. Sich bewusst werden, dass wir Seele sind, heisst anzuerkennen, dass sich das Leben uns nur bruchstückweise erschliesst. Das bedeutet, dass auch unsere Identität ein stetiger Prozess ist und wir keine abschliessende Gewissheit über uns selber haben. Das ist gewiss nicht leicht zu ertragen. Sich selber ein Rätsel zu sein, kann uns als Zumutung des Lebens erscheinen oder uns zu Demut und Dankbarkeit führen, die eigene Person immer wieder neu als Geschenk zu empfangen. Verlorenheit und gleichzeitig Zuversicht. Klage und Lob. Das sind die grossen Themen der Psalmen. Sie finden sich wieder in einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer: Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, Oh Gott.

Drucken01.01.2012