Gesundheitsfalle Armut
Von Karies bis Aids: Wer arbeitslos oder arm ist, wird viel öfter krank.
Die Armut findet nicht an der nächsten Strassenecke statt, sondern ist mitten unter uns, inmitten des Reichtums. In 3,2 Millionen Haushalten leben rund 250 000 Sozialhilfeabhängige, 200 000 Erwerbslose, 300 000 IV-Bezüger und 500 000 Working Poor. Betroffen sind vor allem Familien mit Kindern, Alleinerziehende und Alleinlebende. «In einer stark individualisierten Wohlstandsgesellschaft wie der Schweiz erleben die meisten Menschen Armut als Ausschluss», sagt Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Universität Basel und Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit. «Viele Arme ziehen sich zurück. Nach aussen wahren sie den Schein, alles sei in Ordnung. Dabei verbrauchen sie sehr viel Energie, den hohen Leidensdruck auszuhalten und ihre Probleme zu verbergen, anstatt sie offen anzusprechen. Weil das bedeuten würde, etwas verändern zu müssen. Das fällt aber nicht leicht angesichts der ständigen Angst, noch mehr Enttäuschungen erleben zu müssen.»
Die Tabuisierung der Armut in unserer stark auf das Individuum fixierten Gesellschaft hat eine starke Rückzugstendenz sozial Benachteiligter zur Folge. Prof. Mäder: «Das Verheimlichen der Armut führt jedoch oft zu Resignation und Fatalimus. Hinzu kommt eine stark gegenwärtige Sicht, die kaum Zukunftspläne zulässt. Auch die Teilnahme am öffentlichen Leben nimmt ab. Arme gehören selten einer Gewerkschaft an, besuchen kaum Museen und beziehen sich vorwiegend auf die eigene Familie.»
Für Prof. Mäder deuten aber viele Zeichen darauf hin, dass sich die Resignation von Menschen in Armut heute immer öfter in Empörung verwandelt: «Das hat viel mit den ständigen Schlagzeilen über exorbitante Managerlöhne zu tun und mit der persönlichen Wahrnehmung von sozialer Ungleichheit. Wenn Eltern erleben, dass ihre Kinder keine Lehrstelle finden, empfinden sie Wut. Die Empörung fördert einerseits die Bereitschaft, sich mehr für die eigenen Interessen einzusetzen. Sie erhöht aber auch die Gefahr, Halt bei autoritären und populistischen Kräften zu suchen.»
Tabuisierung, Rückzug, Angst vor Veränderung und die Flucht in konsumorientiertes Verhalten bringen Menschen in Armut in gesundheitliche Gefahr. «Je geringer das Einkommen, desto mehr nimmt die Überzeugung ab, selbst für die Gesundheit verantwortlich zu sein. Entsprechend weniger achten diese Menschen auf gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung. Kommt dazu, dass sie viel öfter höheren Belastungen, Gewalt und schweren Lebensereignissen ausgesetzt sind, was zu Stress, Angst und Depressionen führt. Das alles erhöht die Krankheitsanfälligkeit von Karies bis Aids und das Risiko, vorzeitig zu sterben», sagt Prof. Mäder. «Je geringer das Einkommen ist, desto kürzer ist die Lebenserwartung. Erwerbslose unternehmen häufiger Suizidversuche als Erwerbstätige. Sie leiden häufiger an Infektionen und chronischen Krankheiten. Bei sozial Benachteiligten ist sogar die Säuglingssterblichkeit höher. Wenn Eltern arbeitslos oder arm sind, leiden auch die Angehörigen. Die Kinder verlieren oft das Selbstwertgefühl, manchmal auf Jahre hinaus.»
«Im Einfachen steckt Qualität»
Interview mit Prof. Dr. Ueli Mäder:
Wie viel Armut ist vererbt, welchen Anteil an der «Schuld» trägt die Gesellschaft und für was ist man selber verantwortlich?
Was macht der Mensch aus dem, was die Gesellschaft aus ihm gemacht hat? Das fragte der Existenzphilosoph Jean-Paul Sartre immer wieder. Aus meiner Sicht ist diese Formulierung recht stimmig. Gesellschaftliche Voraussetzungen sind wichtig, ebenso die familiäre und schulische Sozialisation. Individuen haben aber auch eigene Entscheidungsräume. Sie sind keine Roboter. Die konkreten Möglichkeiten hängen allerdings davon ab, wer über wie viele Ressourcen verfügt. Und da spielen die soziale Herkunft und strukturelle Bedingungen eine wichtige Rolle. Wäre ich in Afrika zur Welt gekommen, stünde ich jetzt vielleicht ohne qualifizierte Ausbildung und Arbeit da.
Wie entrinnt man am besten der Armutsfalle, wenn man zu einer gefährdeten Gruppe gehört, zum Beispiel alleinerziehend oder alleinlebend ist?
Wo guter Wille vorhanden ist, gibt es zwar nicht immer einen Weg, aber es tut sich schon eher eine Türe auf. Jeder Schritt ist ein Schritt. Diese Haltung hilft weiter. So lohnt es sich zum Beispiel, in die eigene Ausbildung zu investieren. Das macht sich oft bezahlt und ist nie verlorene Zeit. Auch weil neue Kenntnisse interessant sind und die eigene Zufriedenheit erhöhen. Aber der Arbeitsmarkt muss mitspielen. Sonst sind alle Anstrengungen von beschränkter Reichweite.
Wie geht man in einer stark individualisierten Gesellschaft wie der Schweiz als Betroffener am besten mit seiner Armut um, um nicht in Resignation und Fatalismus zu verfallen?
Ich kenne etliche Armutsbetroffene, die sehr bescheiden und selbst bewusst leben. Das imponiert mir und hilft. Ich will diese Haltung nicht idealisieren und dafür plädieren, sich mit allem abzufinden. Aber im Einfachen steckt viel Qualität. Das sollten sich allerdings vor allem Begüterte mehr vor Augen führen. Für sie wäre weniger oft mehr. Armen hilft es, wenn sie ihre Betroffenheit nicht kaschieren müssen. Dann ist auch ein Schulterschluss mit anderen eher möglich. Wer schöne Fassaden aufrechterhalten muss, vergeudet viel Energie.
Wie verhindert man, dass man andere, noch schwächere Glieder als Ventil für seine eigenen Schwierigkeiten benutzt, zum Beispiel die Kinder?
Das Treten nach unten gibt einem vielleicht vordergründig ein wenig Halt. Man kann sich so über andere erheben. Aber diese Spirale dreht nach unten. Sie vermittelt keinen stabilen Selbstwert und unterläuft die menschliche Würde.
Wie packt man als von Armut Betroffener Veränderung am besten an?
Mir fällt auf, dass sich etliche Arme entweder ins Schneckenhaus verkriechen oder nach vorne flüchten. Bei beiden Verhaltensweisen handelt es sich vermutlich um die Kehrseiten derselben Münze. Der eine Weg führt in die Erstarrung, der andere zu Müdigkeit und Burnout. Wichtig ist es, die beschränkt vorhandenen Kräfte gezielt einzusetzen. Ein einzelnes Gespräch mit Anmeldung und Vorbereitung kann weiter führen als zwanzig planlos verschickte Briefe.
Wie kann man als Armutsbetroffener auf seine Gesundheit achten, ohne dass es viel kostet und der Nutzen trotzdem sehr gross ist?
Das ist das Einfache, das so schwierig zu verwirklichen ist. Weniger Zucker, Alkohol und Nikotin hilft meistens schon viel. Genug Schlaf ist auch nicht teuer und mit einem Spaziergang und etwas Lektüre vorher eine gute Alternative zur TV-Show mit Chips und Nüsschen. Alles in allem: Weniger konsumieren, dafür mehr selber unternehmen.








