Leiden an sich selbst
Starke Veräusserlichung, verletzliches Selbstbild, biografische Brüche.
Prof. Daniel Hell zeichnet die Seele der Menschen im 21. Jahrhundert.
Die Kriterien für psychische Krankheiten haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach geändert. Zuerst galt der Verstoss gegen geltende Normen als krank, dann mangelhaftes Anpassungsvermögen und heute gestörtes Wohlbefi nden. Psychische Störungen sind nicht einfach natürliche Tatsachen, sondern hängen von kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen ab. Sie entscheiden letztlich, wo die Grenzen zwischen gesund und krank gezogen werden. Im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das starre Ordnungsdenken, das bis anhin die Gesellschaft prägte, durch tiefgreifende Kriegserfahrungen und soziale Umwälzungen erschüttert. Gleichzeitig wurde die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu meistern, immer wichtiger. Gesundheit wurde fortan nicht mehr mit einer stabilen Ordnung, sondern mit fl exibler Anpassung gleichgesetzt.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts rückte ein drittes Kriterium in den Vordergrund. Anstelle von Ordnung und Anpassung entschied nun vermehrt das Befi nden der Menschen über Krankheit oder Gesundheit. Damit bekommt das individuelle Erleben Vorrang vor jedem anderen Kriterium. Konsequenterweise werden Befindlichkeitsstörungen wie Verstimmungszustände vor der Menstruation oder Schüchternheit, die früher als normal angesehen wurden, zu behandlungsbedürftigen Krankheiten. Auch leichtere depressive Verstimmungen erhalten Krankheitswert.
Für die Entwicklung der Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten sind auch tiefgreifende Veränderungen des Arbeitsmarktes wichtig. War die Arbeitswelt vor 50 Jahren noch stark von der Industrialisierung geprägt und damit der Arbeiter vor allem körperlich gefordert, sind heute über 70 Prozent der Menschen in Dienstleistungsbetrieben tätig und dank Computerisierung und Flexibilisierung vor allem mental und emotional gefordert. Entsprechend hat die öffentliche Wahrnehmung psychischer Probleme in den letzten Jahren stark zugenommen. Heute sind viel mehr Menschen durch emotionalen und psychischen Stress herausgefordert als durch körperliche Überforderung. Zudem hat die lokale Verwurzelung vieler Menschen zugunsten einer globalen Orientierung abgenommen und die Vereinzelung beziehungsweise der Verlust an tragenden Bindungen zugenommen.
Es ist deshalb kaum überraschend, dass psychische Störungen heute viel häufiger diagnostiziert und behandelt werden. Selbst bei der Berentung haben psychische Ursachen die früher dominierenden Krankheiten des Bewegungsapparates überholt. Auch die Art der seelischen Störung hat durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen einen Wandel durchgemacht. Die häufigsten Störungen der Moderne sind geprägt von sogenannten Problemen des Selbst. Dazu zählt ein verletztes Selbstwertgefühl. Emotionale Überforderungen führen als sogenannte Stresserkrankungen zu Burnout, Depression und Angststörungen. Dahingegen kann eine verminderte Ich-Stärke infolge vieler biografischer Brüche unter Stress zu Identitätsstörungen wie beispielsweise Borderline-Persönlichkeits- und Essstörungen mit gestörtem Körper- oder Selbstbild führen. Die Tendenz zu solchen Problemen wird noch dadurch verstärkt, dass im Zusammenhang mit dem ausserordentlichen technisch-wissenschaftlichen Fortschritt die Ausrichtung nach dem äusserlich Sichtbaren und Materiellen das Selbstverständnis vieler Menschen prägt. Damit erhöht sich aber auch das Risiko, dass die innerseelische Entwicklung, besonders die Reifung der Emotionalität, zu kurz kommt und dass moderne Menschen mangels seelischer oder gemeinschaftlicher Verankerung auf äussere Demütigungen oder Arbeits- und Liebesverlust besonders stark reagieren.
Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Erkrankungen in der medizinischen Praxis. Zum Beispiel sind 10 bis 20 Prozent der Patienten, die einen Allgemeinarzt oder Internisten aufsuchen, depressiv. Bei vorsichtigen Schätzungen ist davon auszugehen, dass ein Drittel bis zur Hälfte der Menschen einmal im Leben eine psychische Störung durchmacht. Umso wichtiger sind therapeutische Hilfen. Dazu zählen Psychotherapie und medikamentöse Behandlungen, die besonders im akuten Stadium Linderung verschaffen. Aber auch Vorbeugung ist vonnöten. Sie fokussiert sich vor allem auf die leibseelische Entwicklung der mental immer stärker beanspruchten Menschen, nämlich ein Aufwachsen mit möglichst sicheren Bindungen an Beziehungspersonen sowie eine Kultur, die nicht nur auf Konkurrenz basiert, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen in Schule, Sport und Arbeitswelt fördert.








