LebenPsychologie

Schönheit ist genügsam

Sie blüht doch in ihrer ganzen Pracht. Die Blume im Fels.

Auf einer Wanderung in den Tessiner Bergen sah ich die gelbe Blume. Seither lässt sie mich nicht mehr los. Eine kleine Kluft im kargen Fels genügt ihr, um zu leben und zu gedeihen. Auch den nächsten Winter wird sie wieder überstehen. Sie ist mir zum Sinnbild geworden. Sie will mir etwas sagen: «Schau mich an. Ich brauche fast nichts und bin doch schön. Ich habe nicht viel zu bieten und bin doch stolz. Ich bin alleine und bin doch erfüllt.»

Ist diese Blume nicht Sinnbild für ein Leben, das wir kaum noch kennen? Fernab der grossen Menschenströme, des hektischen Geschäftslebens und der dröhnenden Freizeitgesellschaft mit ihren lauten Tönen und grellen Farben. Irgendwo da unten kämpfen die Menschen um den besten Platz an der Sonne, auch wenn es nur für ein paar Stunden ist. Hier oben braucht man das alles nicht.

Wenn ich eine Weile stillstehe, ist es so, als wolle mir diese Blume etwas ins Ohr flüstern: «Komm zu mir, da ganz oben in den Bergen, setz dich zu mir. Vergiss den Kummer und den Ärger. Sie machen dich nur krank. Lass alles fahren, was dich tagein, tagaus und oft auch noch nachts beschäftigt. Es ist gar nicht so wichtig, wie du meinst. Ich habe so viele Stürme, so viele Gewitter, so viele Winter überstanden. Sie haben mir nichts antun können. Und du? Du machst dir Sorgen wegen nichts. Du schaust voller Gram zurück und voller Angst nach vorne. Blick wie ich nicht in den Abgrund, sondern nur hinauf zum Licht, zur wärmenden Sonne. Und wenn sie einmal nicht scheint, dann kommt sie bestimmt am nächsten oder übernächsten Tag. Schau den Felsen an, der mir Heimat und Unterschlupf bietet. Er ist Millionen Jahre alt. Was ist Dein kurzes Leben im Vergleich zu dieser Zeit? Du kommst und gehst wieder. Ich dagegen bleibe und harre hier aus. Ich bin nur einfach da. Wenn ich hin und wieder ein paar Regentropfen bekomme, bin ich glücklich. Mehr brauche ich nicht.»

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Ich denke oft an die gelbe Blume da oben irgendwo in den Tessiner Bergen. Der Gedanke an sie schenkt mir Gelassenheit. Es ist gut, so wie es ist. Und er macht mich demütig, weil ich nur eine ganz kurze Weile auf dieser Welt als Wanderer unterwegs bin.

Vielleicht begegnen Sie bei Ihrer nächsten Wanderung dieser Blume. Richten Sie ihr einen ganz lieben Gruss von mir aus uns sagen Sie ihr, ich komme im nächsten Sommer wieder.

Drucken17.10.2010