LebenPsychologie

Zeit ist Gesundheit

Überforderung und Vereinsamung.

Die Zürcher Hausärztin Dr. Elisabeth Müller sagt, woran die Mehrheit ihrer Patienten wirklich krankt.

Wer den Arzt aufsucht wegen gebrochener Finger, Brechdurchfalls oder nicht heilender Verletzungen, leidet an etwas, das man gezielt angehen kann. Diese Patientengruppe stellt einen erstaunlich kleinen Anteil meiner Klienten dar. Die grosse Mehrheit berichtet über unspezifische, häufig nicht eindeutig lokalisierbare Leiden.

Im Laufe der Jahre ist mir klar geworden, dass für viele Patienten der Arzt selber ein Antibiotikum oder vielmehr ein Antibobotikum darstellt. Dabei geht es weniger um vermutete magische Heilkräfte des Mediziners, als ihm oder ihr das Herz auszuschütten. Das allein tut so gut, dass die Kopfschmerzen, Verspannungen, Magengrimmen, Hautausschläge und die anderen unspezifischen Bobolis zumindest vorübergehend schwächer werden oder sogar ganz verschwinden.

Die Gründe für diese Beschwerden führe ich auf zwei gesellschaftliche Entwicklungen zurück, die nur im ersten Moment konträr wirken: Überforderung und Vereinsamung. Die Parallelen sind jedoch augenfällig: Der beruflich oder gesellschaftlich überforderte Mensch ist nicht mehr in der Lage, den Anforderungen mittels der eigenen Möglichkeiten Herr zu werden oder sich die nötigen Ressourcen zu beschaffen. Überforderung engt ein, macht Angst, führt zum Rückzug und kann krank machen und zu Vereinsamung führen.

Die gewissermassen von aussen aufgezwungene berufliche Überforderung ist jedoch nur eine Komponente. Selbstauferlegte gesellschaftliche oder soziale Zwänge haben nicht weniger verheerende Folgen.

Berufliche Überforderung können wir alle gut nachvollziehen. Ich habe eine Aufgabe zu lösen, jedoch mangelt es mir an Zeit, Ausbildung oder Erfahrung. Diese Situation ist banal, alltäglich und eigentlich unproblematisch. Mann oder Frau macht einen Soll-Ist-Vergleich, hält fest, welche Ressourcen fehlen, wie sie beschafft werden können, was das Ganze «kostet» und sorgt für die Herstellung des Gleichgewichts zwischen Anforderung und Bewältigungskapazität. Eine klassische unternehmerische, wissenschaftliche oder auch sportliche Situationsanalyse.

Problematisch wird die Sache erst – und das ist heute häufig der Fall –, wenn die Überforderung nicht sichtbar werden darf. Oder die überforderte Person meint, dass diese nicht sichtbar werden dürfe. Mit der Ölkrise 1973/74 nahm die Stetigkeit in der Wirtschaftsentwicklung ab. Die Unternehmen versuchten jedoch mehrheitlich bis in die neunziger Jahre, eine kalkulierbare, kontinuierliche Personalpolitik zu betreiben. Das ist heute anders. Der individuelle Arbeitsplatz scheint heute ständig in Frage gestellt. Selbst in der Schweiz, wo die Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich minimal ist. Deshalb wagt der Arbeitnehmer seine Überforderung nicht offen anzusprechen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Zeitdruck, Selbstzweifel, offene oder versteckte Vorwürfe und die schiere Angst vor dem Arbeitsplatzverlust lähmen, verstärken den Teufelskreis und machen krank. Ohne direkte medizinische Ursache.

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Die Belastung auch jener Menschen nimmt zu, die ihr Zeitmanagement grundsätzlich im Griff haben. In der Ausbildung wird dem angehenden Vorgesetzten gezeigt, wie man belastbare Mitarbeiter zu höherer Leistung animieren kann und soll. Das ist nicht von vorneherein falsch. Viele Menschen laufen unter Druck und durchaus mit Vergnügen zu Höchstleistungen auf. Leute beispielsweise, deren Beruf das Verkaufen ist – gleichgültig, ob es sich dabei um Konsum- oder Investitionsgüter handelt –, leben von jeher mit Umsatz-, Preis- oder Margendruck. Entweder sind das hoch belastbare Menschen, oder sie haben gelernt, damit zu leben. Heute gibt es zunehmend Unternehmen, die sämtlichen Mitarbeitern Leistungsvorgaben machen, deren Arbeit also in qualitativer und quantitativer Hinsicht messbar machen.

Menschliche Arbeit und Leistung war jedoch nur einigermassen präzis messbar, als sie noch physischer Natur war. Wer zwei Bäume in einer Stunde zersägte, war doppelt so leistungsfähig wie jemand, der in der gleichen Zeit nur einen Baum verarbeiten konnte.

Die Schweiz ist eine Dienstleistungsgesellschaft. Viele Dienstleistungen sind nicht im mathematischen Sinn messbar, die von den oft weichen Messkriterien abhängig gemachten Saläre und Beförderungen jedoch sehr wohl. Zudem ist das Zeitalter der vom Einzelkämpfer erbrachten Leistung weitgehend Geschichte. Die meiste Arbeit wird im Team erbracht. Wer wie viel im Team zum Gesamtergebnis beisteuert, ist häufig schlecht messbar. Hier kann sich eine weitere krankmachende Frustration einschleichen: Ein schlecht durchdachtes oder gar manipuliertes Leistungssystem belohnt und bestraft nicht selten die falschen Leute. Die laufenden Boni-Diskussionen liefern dazu reichlich Anschauungsmaterial.

Das ist kein Plädoyer für die Verabschiedung von Leistungs- und Qualitätsdenken. Gerade als Ärztin stehe ich voll zu diesen Tugenden. Als Ärztin ist mir jedoch auch klar, dass Physis und Psyche des Menschen eine enorme Bandbreite aufweisen können. Jeder Mensch hat eine Umgebung, in der er oder sie im Optimum arbeitet. Die Mitarbeit im Kafi Mümpfeli ist ein Element, mit dem Patienten, die ihr Gleichgewicht verloren haben, dazu zurückfi nden können.

Drucken19.11.2010