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Licht am Ende des Tunnels

Das Verständnis für Depressionen ist im Umbruch und die Behandlung macht Fortschritte. Prof. Gregor Hasler von der Universitätsklinik für ­Psychiatrie und Psychotherapie Bern erklärt warum.

Concept deuil et espoir

Die Depression ist eines der grössten Gesundheitsprobleme der Gegenwart, zum einen aufgrund der enormen Häufigkeit – 15 Prozent aller Menschen erkranken im Verlauf ihres Lebens an einer Depression – zum anderen, weil sie massive, negative Auswirkungen auf das private, soziale und berufliche Leben der Betroffenen hat, besonders, wenn sie sich in jungen Jahren zeigt und einen rezidivierenden Verlauf hat. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass im Jahr 2030 die Depression in den Industrienationen zu den drei wichtigsten volkswirtschaftlichen Krankheitsbelastungen zählen wird.

Schwierigkeiten bei der Konzentration im Alltag

Grosse Auswirkungen haben dabei nicht nur die emotionalen, sondern auch die lange Zeit vernachlässigten kognitiven Symptome, das heisst die verminderte Fähigkeit zu denken, zu planen, sich zu konzentrieren und sich zu erinnern. Subjektiv klagen mehr als 90 Prozent der depressiven Patienten über Schwierigkeiten bei der Konzentration im Alltag. Lesen, komplexeren Gesprächsinhalten zu folgen oder einen Film anzusehen ist vielen nicht mehr möglich.

Kognitive Symptome gehen nicht nur mit einem schlechten Ansprechen auf die Therapie einher, sondern sind auch mit hohen Rückfallraten verbunden, und das nicht nur bei älteren, sondern auch bei jüngeren Patienten. Zudem beeinträchtigen sie in besonderem Mass die Alltagsbewältigung sowie das soziale und berufliche Leben und erschweren die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Kognitive Störungen treten nicht nur während der depressiven Phase auf, sondern auch noch dann, wenn sich die emotionalen Symptome schon gebessert haben. So zeigen Untersuchungen, dass selbst Patienten, die auf eine antidepressive Therapie ansprechen, in mehr als 30 Prozent der Fälle über kognitive Störungen klagen.

Trotz Therapie weiterbestehende kognitive Beeinträchtigungen wie verminderte Konzentrationsfähigkeit, das Unvermögen die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten sowie Merkfähigkeitsstörungen können rasch zu einer Überlastung am Arbeitsplatz und im übrigen sozialen Umfeld führen. Solche negativen Erlebnisse werden von den Betroffenen häufig nicht der Erkrankung zugeschreiben, sondern sich selbst. Die Selbstentwertung verschlimmert die Depression erneut, provoziert Rückfälle und führt in einen Teufelskreis.

Viel stärker auch auf kognitive Symptome achten

Bisher gibt es nur wenige Studien, die bei den bestehenden Antidepressiva die Wirkung auf die kognitiven Funktionen untersucht haben. Und bis anhin wurde vor allem auf eine ausreichende Behandlung von Symptomen wie gedrückte Stimmung und Verlust von Interesse und Freude abgezielt. Dabei wäre es wichtig, bei der Behandlung der Depression viel stärker auch auf die kognitiven Symptome zu achten, um die Krankheitsbürde und damit die negativen Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen zu lindern. Die Verbesserung der Therapie kognitiver Beeinträchtigungen gilt in der Fachwelt daher auch als ein dringendes Ziel bei der Entwicklung neuer Medikamente.

Hoffnung auf noch wirksamere Therapien

Jetzt gibt es tatsächlich Hoffnung auf noch wirksamere antidepressive Therapien, speziell hinsichtlich der kognitiven Symptomatik. Die neuste Entwicklung ist ein multimodaler Wirkstoff. Im Behandlungsverlauf fanden sich nicht nur eine starke, antidepressive Wirkung, sondern auch signifikante Verbesserungen im verbalen Lernen und Gedächtnis sowie in der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit. Vorteile zeigen sich auch in Sachen Verträglichkeit. So verursacht der neuartige Wirkstoff keinen Gewichtsanstieg und beeinträchtigt die Sexualität und den Schlaf weniger als andere Antidepressiva. Der Wirkstoff ist für den renommierten Galenus-von-Pergamon-Preis nominiert, der jedes Jahr neue und innovative Arzneimittel auszeichnet. Fazit: Bei der Behandlung einer Depression sollte man – salopp gesagt – nicht nur die Stimmung aufhellen, sondern auch an das Denken denken.

Infos und Links

 

Prof. Gregor Hasler von der Universitätsklinik für ­Psychiatrie und Psychotherapie Bern

Die mentale Fitness ist bei der Depression zentral

Was versteht man genau unter kognitiven Störungen?

Prof. Hasler: Es handelt sich um Störungen des Denkens und der Konzentration. Grob unterteilt man diese in vier Gruppen: Wenn jemand Mühe hat, anderen zuzuhören, leicht ablenkbar ist und beim Denken immer wieder den roten Faden verliert, sprechen wir von einer Aufmerksamkeitsstörung. Gedächtnisstörungen zeigen sich als Vergesslichkeit und Wortfindungsstörungen. Auch eine allgemeine Verlangsamung des Denkens gilt als kognitive Störung. Oft sind bei der mentalen Verlangsamung auch Bewegungsabläufe und die Reaktionen auf die Umwelt verzögert. Mit Exekutivfunktionen sind höhere kognitive Fähigkeiten gemeint. Eine Verminderung dieser Fähigkeiten führt zu Schwierigkeiten beim Multitasking, zu Unschlüssigkeit und schliesslich zur Unfähigkeit, Dinge zu planen.

Welche Rolle spielen kognitive Störungen bei einer Depression? Wie sehen die Auswirkungen für die Betroffenen und die Prognose aus?

Diese Symptome führen zu einer allgemeinen Verminderung der Lebensqualität. Stark davon betroffen ist die Arbeitsfähigkeit. Kürzlich publizierte Studien zeigen, dass kognitive Störungen bei der Invalidität depressiver Menschen mehr ins Gewicht fällt als die gedrückte Stimmung, die Tagesmüdigkeit oder der Antriebsverlust. Kognitive Störungen sprechen weniger gut auf Psychotherapie und Antidepressiva an als die sogenannten Kernsymptome der Depression, sprich depressive Gemütsverfassung und Interesseverlust. Starke kognitive Defizite reduzieren zudem die Wirksamkeit von Psychotherapie und Rehabilitation, weil sie die Lernfähigkeit einschränken. Kognitive Störungen zählen zu den häufigsten Restsymptomen nach Abklingen einer depressiven Episode. Solche Restsymptome erhöhen das Risiko massiv, einen depressiven Rückfall zu erleben.

Weshalb rücken kognitive Störungen bei der Depression erst jetzt vermehrt in den Mittelpunkt?

Das ist tatsächlich erstaunlich. Unsere Sicht der Depression ist immer noch stark von Sigmund Freud geprägt. Das Interesse, die Energie und die Lust stehen auch in den aktuellen diagnostischen Kriterien im Vordergrund. Freud konzentrierte sich vermutlich auf diese Bereiche des psychischen Erlebens, weil seine Patienten aus der Oberschicht kamen und nicht arbeiten mussten. Für das Beziehungs- und Sozialleben sind die Lust und das Interesse von überragender Bedeutung. In den letzten Jahrzehnten hat die Bedeutung der Arbeit jedoch deutlich zugenommen. Die Arbeit vermittelt Sinn und ermöglicht soziale Kontakte. Zusätzlich ist die kognitive Belastung am Arbeitsplatz grösser geworden. Die mentale Fitness ist in der Schule, aber auch bei vielen modernen Berufen wichtiger als die körperliche Fitness. Aus all diesen Gründen ist die Wiederherstellung der kognitiven Leistungsfähigkeit zu einem zentralen Anliegen von Menschen mit depressiven Störungen geworden.

Wie behandelt man am besten kognitive Störungen?

Unsere einseitige Sichtweise hat dazu geführt, dass kognitive Defizite bei der Depression in Psychotherapie- und Medikamenten-Studien nicht systematisch untersucht wurden. Die wenigen vorliegenden Studien zu diesem Thema zeigen, dass klassische Psychothera­pien und herkömmliche Antidepressiva kognitive Defizite kaum verbessern. Gewisse Psychopharmaka senken sogar die mentale Fitness. In den letzten Jahren haben Psychotherapeuten neue Thera­pien entwickelt, welche die Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit zum Ziel haben. Oft handelt es sich um computergestützte Trainings. Man kann aber auch ohne Spezialtherapien seine kognitive Leistungsfähigkeit mit einfachen Übungen verbessern. Zum Beispiel täglich einen Zeitungsartikel lesen und danach versuchen, den Inhalt des Artikels aus dem Gedächtnis zusammenzufassen. Das ist eine gute Übung für das Kurzzeitgedächtnis. Aber auch das Lernen einer Fremdsprache, Schachspielen, das Schreiben eines Tagebuchs und andere mental herausfordernde Tätigkeiten verbessern die geistige Fitness. Wichtig ist, dass man diese Tätigkeiten regelmässig, möglichst täglich, durchführt. Je länger das kognitive Training dauert, desto wirksamer ist es.

Was verspricht der neue multimodale Wirkstoff bei der Behandlung der Depression?

In den letzten Jahren haben sich die Pharmafirmen intensiv damit beschäftigt, Antidepressiva zu entwickeln, die nicht nur die Stimmung heben, sondern auch kognitive Defizite bessern. Die Voraussetzung waren neurowissenschaftliche Studien, welche Botenstoffe und Rezeptoren identifizierten, die bei der Kognition eine wichtige Rolle spielen. Der grösste Erfolg dieser Forschung ist ein neues Antidepressivum, dass multimodal wirkt. Das heisst, es hebt den Serotonin-Spiegel in gleichem Mass wie herkömmliche Wirkstoffe. Zusätzlich stimuliert es Rezeptoren, die für die Kognition wichtig sind. Klinische Stu­dien zeigen, dass dieses Medikament die Kernsymptome der Depression bessert und gleichzeitig Konzentrations- und Gedächtnisstörungen günstig beeinflusst. Das ist nicht nur für die Arbeitsfähigkeit, sondern auch für die Wirksamkeit von Psychotherapien entscheidend. Die klinische Erfahrung wird zeigen, wie sich dieser Wirkstoff in der Praxis bewährt. Als Psychiater und Psychotherapeut bin ich froh, dass mir diese neue Option zur Verfügung steht.