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Mehr Achtsamkeit gegenüber sich selbst

Christine Poppe

Dr. med. Christine Poppe, Chefärztin Psychotherapie und ­ambulante Psychiatrie im Sanatorium Kilchberg, über neue Wege bei der Behandlung von Depressionen.

Depressionen sind häufige psychische Erkrankungen, die mit grossem Leid für die Betroffenen einhergehen und zu erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag, in Beziehungen und im Beruf führen. Im Laufe des Lebens erkrankt eine von fünf Personen an einer Depression. Nur jeder zweite Betroffene sucht professionelle Hilfe auf. Oft wird die Erkrankung nicht erkannt und nicht immer angemessen behandelt.

Können Sie sich noch freuen? Fühlen Sie sich oft traurig? Fällt es Ihnen schwer abzuschalten? Schlafen Sie schlecht? Solche Fragen können erste Anhaltspunkte für eine Depression liefern. Aber nicht jede Erschöpfung oder Reaktion auf ein belastendes Ereignis ist als Depression zu deuten. Depressionen zeigen sich im Denken, Fühlen, Handeln und den körperlichen Empfindungen. Das Vollbild einer Depression liegt vor, wenn die Symptome mindestens zwei Wochen lang anhalten und aufgrund ihrer Ausprägung zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Alltagsbewältigung führen. Betroffene fühlen sich durchgängig niedergeschlagen, traurig, hoffnungslos oder leer. Sie können sich nicht mehr an den Dingen erfreuen, die ihnen früher wichtig waren, und verlieren so das Interesse an angenehmen Dingen. Viele schämen sich für ihren Zustand und machen sich Vorwürfe. Konzentration und Erinnerungsvermögen lassen nach. Depressive neigen zum Grübeln, sehen  sich, die Welt und ihre Zukunft durch eine dunkle Brille, zweifeln an den eigenen Fähigkeiten, ihrem Wert und haben grosse Angst vor der Zukunft. Lebensüberdruss und Gedanken an Suizid können überhand nehmen. Ängste vor Überforderung, Antriebsverlust und schwindende Energie führen zu einem zunehmenden Rückzugsverhalten. Die Betroffenen meiden soziale Kontakte, verlieren positive Verstärker und fühlen sich dadurch einsam.

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Nicht immer zeigen sich Depressionen durch psychische Symptome. Körper und Seele spielen zusammen. Wenn die Seele aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das durch körperliche Symptome äussern. Ausgeprägte Depressionen gehen fast immer mit körperlichen Symptomen einher, meist in Form von Schlafstörungen, Energielosigkeit und Rückenschmerzen. Weitere Symptome können Kopf- und Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung, Appetitverlust und Gewichtsabnahme sein. Manchmal können die körperlichen Symptome die psychischen Anzeichen der Depression überdecken. Da es sich um unspezifische Symptome handelt, kann es schwierig sein, die Depression zu erkennen.

Depressionen können auch die Folge von körperlichen Erkrankungen sein, zum Beispiel von chronischen Schmerzen, Herzerkrankungen, Diabetes mellitus, Krebserkrankungen oder Schlaganfall. Das kann sich ungünstig auf das Gesundheitsverhalten und die weitere Genesung auswirken.

Unerkannt können Depressionen auch bei Männern bleiben, da sie anders als Frauen nicht die klassischen Symptome zeigen und Traurigkeit erst einmal verneinen. Stattdessen reagieren sie bei emotionalem Stress eher auf der Körper- und der Verhaltensebene. Der Alkoholkonsum steigt. Sie stürzen sich noch mehr in die Arbeit, werden aggressiver, impulsiver und risikofreudiger.

Generell gelten finanzielle Schwierigkeiten, niedriges Bildungsniveau, Arbeitslosigkeit und traumatische Erlebnisse in der Kindheit als Risikofaktoren. Allein lebende Personen sind häufiger betroffen. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig an Depressionen als Männer. Die Mehrfachbelastung als Mutter, Ehefrau und Hausfrau sowie die Versorgung von pflegebedürftigen Angehörigen tragen dazu bei. Männer reagieren eher depressiv bei Frustrationen, wenn zum Beispiel die angestrebte Beförderung ausbleibt, nach der Pensionierung oder in Folge körperlicher Erkrankungen.

Depressionen sind mit Medikamenten und Psychotherapie gut behandelbar. Der grösste Behandlungserfolg wird bei einer Kombination von beidem erwartet. Bei leichter bis mittlerer Ausprägung ist eine Psychotherapie ebenso wirksam wie eine medikamentöse Behandlung. In der Akutphase stehen die Entlastung von Überforderung und die Verhaltensaktivierung zur Förderung positiven Erlebens im Vordergrund.

In der Mehrzahl der Fälle heilt eine einzelne depressive Episode vollständig aus. Rückfälle sind jedoch häufig. In  20 bis 30 Prozent nimmt die Depression einen chronischen Verlauf. Mit jeder Episode steigt das Risiko für weitere Rückfälle. Dabei besteht die Gefahr, dass sich depressive Fühl-, Denk- und Handlungsmuster immer stärker verfestigen. Besonders gefährdet sind Menschen, die bereits auf kleinste Schwankungen des Befindens automatisch mit negativen Gedanken und Gefühlen reagieren und sich schlecht davon lösen können.

Das Rückfallrisiko lässt sich durch eine ausreichend lange Behandlung mit Medikamenten deutlich reduzieren. Als genauso wirksam haben sich psychotherapeutische Ansätze erwiesen. Diese zielen darauf ab, die individuellen Belastungen, Stress, Frühsymptome oder auch normale Schwankungen des Befindens rechtzeitig zu erkennen und angemessene Strategien im Umgang zu entwickeln. Es gilt, die eigenen Stärken und Schwächen zu akzeptieren und das Leben entsprechend zu gestalten. Eine ausgewogene Lebensführung mit ausreichender körperlicher Bewegung und befriedigenden sozialen Kontakten schützt vor Rückfällen. Dies wird durch Achtsamkeit und Akzeptanz nachhaltig unterstützt.

Achtsamkeit – mindfulness – ist ursprünglich ein Begriff aus der buddhistischen Tradition, der in den letzten Jahren in die Entwicklung von modernen Psychotherapien eingegangen ist. Achtsamkeit beschreibt eine besondere Form der Aufmerksamkeitslenkung, die absichtsvoll, nicht bewertend und offen auf das Erleben des Augenblicks gerichtet ist. Mittels Meditation, Körperwahrnehmungsübungen und Yoga kann eine achtsame Haltung vermittelt werden.

Achtsamkeitsbasierte Psychotherapien fördern die Entwicklung einer achtsamen, mitfühlenden, selbstfürsorglichen und freundlichen Haltung sich selbst gegenüber. Dadurch lernen die Patienten, die Beziehung zu ihren Gedanken, Gefühlen und Körper­empfindungen zu verändern und nicht automatisch in negative Bewertungen und ungünstige Verhaltensmuster abzugleiten. Viele Patienten berichten mit Dankbarkeit, dass sie so zum ersten Mal wieder wahrnehmen konnten, wie viel Gutes und Ganzes das Leben neben allen Belastungen zu bieten hat. Achtsamkeit eignet sich ebenso für die Bewältigung von Stresssymptomen, psychosomatischen Beschwerden und chronischen Schmerzen. Generell fühlen sich Menschen angesprochen, die aus eigener Kraft einen Beitrag für ihre Gesunderhaltung oder Genesung leisten möchten und bereit sind, regelmässig zu üben.

 

Sanatorium_Gelaende_D3X2981-medium-4cErste Adresse

Das Sanatorium Kilchberg wurde vor bald 150 Jahren als erste Klinik für psychisch erkrankte Menschen im Kanton Zürich gegründet. Menschen mit psychischen Problemen finden in einer sicheren und angehnehmen Umgebung Zuwendung und moderne Therapien. Die Lage im Grünen mit Blick über den Zürichsee ermöglicht einen erholsamen Rückzug in der Nähe der Stadt.

Den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen folgend, stützt sich das Therapieangebot vor allem auf Psychotherapie mit dem Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie sowie auf eine umsichtige medikamentöse Behandlung, für welche die Klinik im Oktober 2009 vom deutschen Institut für Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie (AMSP e.V.) ausgezeichnet wurde. Besondere Kompetenzen liegen in der Behandlung von affektiven Störungen, Angst- und Zwangsstörungen, Stressfolgekrankheiten, Essstörungen sowie in der Therapie von Patienten mit gerontopsychiatrischen Erkrankungen.

www.sanatorium-kilchberg.ch