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Meine beste Therapie

Happy family together, parents with their little child at sunset.

Wegen Multiple Sklerose scheiterte beinahe seine Beziehung, heute ist er verheiratet und glücklicher Vater. Eine bewegende Geschichte über den Umgang mit einer Krankheit, die das Leben verändert – bis hin zum Guten.

Es begann im Oktober 2006, als ich im Alter von 29 Jahren meinen ersten bewussten Schub erlitt. Ich hatte gerade eine neue Arbeitsstelle angetreten, als mir eines Morgens die Hälfte des Gesichtes herunterhing. Ich dachte mir nichts dabei. Doch als sich einige Wochen später ein Auge nicht synchron mit dem anderen bewegte, wusste ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Mein Hausarzt meinte, dass dies halt einfach vorkommen könne, aber genauso schnell wieder verschwinde. Immerhin stimmte der zweite Teil seiner «Diagnose», so dass ich diesen Vorfall abhakte.

Wenige Monate später suchte ich in einer anderen Sache einen Arzt auf. Im Zuge der Anamnese wurde er stutzig und meldete mich sicherheitshalber bei einem Neurologen an. Ich dachte mir, naja, auf einen Arzt mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an. Als der Neurologe nach einigen Untersuchungen Multiple Sklerose diagnostizierte, war ich mit der Situation zunächst überfordert – ich dachte, MS stehe für Muskelschwund. Die eigentliche Bestürzung fiel erst in den folgenden Tagen über mich herein. Es war eine bittere Erfahrung. Alles in meinem Leben bekam ein Fragezeichen. Sogar die langjährige Beziehung zu meiner Partnerin litt sehr darunter und scheiterte beinahe. Ich zog mich immer mehr zurück und liess niemanden mehr an mich heran. Rückblickend erkenne ich, dass meine Partnerin vermutlich mehr darunter gelitten hat. Trotz meinen Zukunftsängsten wollte sie mir beistehen, doch sie selber benötigte auch Trost, den ich ihr aber nicht geben konnte.

Die erste Therapie schlug fehl und trug auch nicht dazu bei, Hoffnungen zu wecken. Doch vor allem dank den vielen Gesprächen mit meinem engeren Umfeld begann ich die Krankheit allmählich zu akzeptieren. Diese Akzeptanz war schwierig, doch was blieb mir anderes übrig? Erst als eine weitere Therapie erfolgreich war und mein Alltag wieder berechenbarer wurde, konnte ich mich von den Strapazen etwas erholen. Die kommenden Jahre schenkten mir immer mehr Mut. Ich wurde und werde weiterhin in einer äusserst kompetenten Neurologie-Praxis am Zürcher Bellevue betreut, was mir zusätzliche Kraft verleiht. Als ich dann wegen einer Komplikation auf eine dritte Therapie umstellen musste, flackerten die längst verdrängten Ängste wieder auf. Doch diese waren glücklicherweise unbegründet. Ich nehme nun seit zwei Jahren Tabletten und bin schubfrei – bitte auf Holz klopfen.

Heute, fast zehn Jahre nach dem ersten Schub, lebe ich ein gewöhnliches, aber bewussteres Leben. In der Zwischenzeit wurde ich Vater – ein Umstand, welchem ich vorerst mit etwas Angst begegnete, sich nun aber als beste Therapie herausstellt. Ich arbeite immer noch am gleichen Ort, wo ich einer anspruchsvollen Arbeit in der Rechtspflege nachgehe. Dieser Job fordert mich täglich heraus, doch ich empfinde diese Aufgabe als äusserst belebend, und sie lenkt mich nebenbei von meiner «Last» ab. Trotz der Krankheit – oder gerade deshalb – versuche ich Tag für Tag mein Bestes zu geben und achte darauf, dass «meine MS» zwar nicht ganz aus meinem Gedächtnis verschwindet, sich aber brav im Hintergrund hält.

Und das Beste an meiner Geschichte: Meine Partnerin ist heute meine Ehefrau. Ob die MS dazu beigetragen hat, ist mir ehrlich gesagt egal.

Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist. (Theodor Heuss)