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Mission Zukunft

Alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf muss nicht mehr alles ­mitmachen, darf nein sagen, will aber vieles zurückgeben. Die neue Präsidentin von Pro Senectute Schweiz über Gesundheit, Alter, ­Zukunft und das Leben mit sechs Enkelkindern.

Eveline Widmer-Schlumpf im Interview mit Ralf Kaminski und Sabine Lüthi

Sie sind eine alt Bundesrätin. Fühlen Sie sich alt?

Nach dem Hütetag mit meinen Enkelinnen und Enkeln spüre ich meine 61 Jahre schon manchmal. Aber ich denke, das geht allen Menschen so, die sich intensiv mit Kindern auseinandersetzen. Auch Eltern fühlen sich manchmal alt. Als neue Präsidentin von Pro Senectute Schweiz fühle ich mich hingegen alles andere als alt.

Haben Sie Angst vor dem Alter?

Nein. Das Alter gehört wie die Jugend- und die Familienzeit zum Leben und hat seine Vor- und Nachteile.

Heute herrscht Jugendwahn. Können Sie das nachvollziehen?

Schon in der Antike haben reiche Menschen mit Sport oder Bädern versucht, den körperlichen Alterungsprozess aufzuhalten. Jung bleiben wollen ist kein neues Phänomen. Ich finde es hingegen schade, wenn Alter und Jugend auseinanderdividiert werden. Schliesslich werden wir bereits nach der Geburt mit jedem Tag älter. Das Altern gehört zum Leben. Es ist an der Zeit, die stereotypen Bilder loszulassen.

Unsere alternde Gesellschaft ist eine grosse Ressource und Chance. Man vergisst häufig die vielen Stunden, in denen sich Senioren und Seniorinnen unentgeltlich in der Familie und im Gemeindeleben engagieren. Auch Menschen über 65 sind Steuerzahler und zugleich ein bedeutendes Kundensegment.

Was sagen Sie jungen Menschen?

Persönlich halte ich nicht viel davon, dass ich als Angehörige der Grossmuttergeneration jungen Leuten etwas mitgeben müsste, das ist mir zu belehrend. Ich beobachte die junge Generation und lerne von ihr. Mich faszinieren die neuen Denkansätze und die Art und Weise, wie sie Projekte anpackt. Und ich suche den Austausch mit jungen Menschen und lasse mich dabei von meiner Neugier leiten. Zudem bin ich aktives Mitglied im Vorstand der Kinder- und Jugendbetreuung Graubünden KJBE, da mir gute familienergänzende Angebote der Kinderbetreuung wichtig sind.

Und was sagen Sie alten Menschen?

Die Lebensphase nach der Pensionierung beträgt heute im Durchschnitt rund zwanzig bis dreissig Jahre. Das ist fast genauso lange wie die Jugend- und Ausbildungszeit. Männer und Frauen sind in der Schweiz nach der Pensionierung sehr aktiv. Sie pflegen ihre Hobbies, reisen, betreuen die Enkel, arbeiten als Freiwillige oder fangen beruflich nochmals etwas Neues an. Oder sie geniessen die Musse, ein Privileg der Pensionierung, das manchmal etwas vergessen geht.

Ich selber habe nach dem Rücktritt aus dem Bundesrat entschieden, dass für mich im Alltag vor allem der Mix wichtig ist. Ich muss nicht mehr alles mitmachen, darf nein sagen, kann aber vieles zurückgeben. Das ist mein persönlicher Leitsatz für alles, was ich tue.

Welche Chancen eröffnet das Alter? Für jeden einzelnen von uns und für die Gesellschaft allgemein?

Ich sehe die aktuelle Demografie klar als Chance. Die Schweiz wird diese Chance dann gut nutzen können, wenn sie die Ressourcen, Kompetenzen und Erfahrungen der älteren Bevölkerung gezielt zu nutzen weiss. Pensio­nierte Frauen und Männer werden künftig überall gefragte Kräfte sein, um die vielen Aufgaben unserer Gesellschaft zu bewältigen, die der Sozialstaat nicht mehr übernehmen will oder kann. Dies funktioniert aber nur bei guter Gesundheit.

Gesundheit ist unser Thema. Wie wichtig ist Gesundheit im Alter?

Die Gesundheit ist das wichtigste Gut des Menschen, und zwar altersunabhängig. Das vergessen wir manchmal etwas. Mit zunehmendem Alter nehmen die gesundheitlichen Beschwerden naturgemäss zu. Es ist nie zu spät, mit Bewegung und Sport anzufangen. Das ist ja das Tolle an der Bewegung. Bewegung bringt für jedes Fitnessniveau etwas. Neben einem gesunden Lebensstil ist es aber gerade im Alter wichtig, für den Fall vorzusorgen, wo die Gesundheit einmal nicht mehr so gut sein sollte. Zum Beispiel mit einer Patientenverfügung.

Sie denken an das Vorsorgedossier «Docupass» von Pro Senectute?

Der Docupass ist ein wichtiges Produkt von Pro Senectute. Es ist entscheidend, rechtzeitig mit einer Patientenverfügung zu regeln, wie man bei einer Urteilsunfähigkeit durch das medizinische Personal behandelt werden möchte. Oder auch mit einem Vorsorgeauftrag festzulegen, wer einem rechtlich vertritt, wenn man selber nicht mehr entscheiden kann. Gerade beim Vorsorgeauftrag haben wir noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Gemäss einer von Pro Senectute bei gfs-zürich in Auftrag gegebenen Umfrage hat nur eine von zehn Personen in der Schweiz einen Vorsorgeauftrag erstellt. Hier gilt es, die Bevölkerung zu sensibilisieren.

Was wollen Sie in Zukunft mit Pro Senectute noch erreichen?

Wir sind 100 Jahre alt und die Zukunft wird spannend, nicht nur für Pro Senectute.

Es gilt, die ältere Generation rund um die Digitalisierung zu begleiten. Einerseits geht es darum, Senioren die Anwendungen näher­zubringen, die es ihnen erlauben, selbstständig zu bleiben. Wenn sie nicht mehr gut zu Fuss sind, können E-Banking oder Online-Shopping eine Entlastung sein. In Zukunft werden unsere Wohnungen zu interaktiven Partnern werden. Diese Technik nützt aber nur, wenn Senioren sie bedienen können. Andererseits wird es immer einen Anteil der älteren Bevölkerung geben, der offline bleibt. Diese Menschen müssen auch in Zukunft entsprechend unterstützt werden.

Gibt es weitere Schwerpunkte?

Selbstbestimmtes Wohnen bis zum Lebensende wir künftig noch wichtiger. Das geht nur, wenn man mobil bleibt. Trotz Sport, Bewegung und richtiger Ernährung kommt der Punkt für die meisten von uns, wo man Hilfe nötig hat. Hier werden wir in der Schweiz mehr Hilfsangebote für den Alltag der Senio­ren brauchen. Und wir müssen Lösungen für die Betreuung zu Hause finden. Indem die Angehörigen besser unterstützt werden oder indem das Wohnumfeld altersfreundlicher gestaltet wird.

Nun reden alle über einen Bruch zwischen den Generationen …

Da muss ich Sie unterbrechen, der oft zitierte Generationenbruch gibt es so nicht wirklich. Gerade innerfamiliär war der Zusammenhalt noch nie so gut wie heute. Der Dialog zwischen den Generationen, aber auch zwischen arm und reich ist sehr wichtig und muss weiter gefördert werden. Schliesslich ist nach wie vor jeder achte Senior im Alter von Armut betroffen. Wir gehen davon aus, dass diese Zahl nicht sinken wird.

Was hat Sie persönlich motiviert, das Präsidium bei dieser Organisation anzunehmen?

In meiner Familie hat der Kontakt unter den Generationen immer eine grosse Bedeutung gehabt. Meine Grosseltern waren für mich wichtige Bezugspersonen. Wir haben uns um meine Eltern gekümmert und ich hüte regelmässig meine Enkel. Entsprechend hat die Beschäftigung mit Fragen des Alterns für mich einen hohen Stellenwert. Das Engagement bei Pro Senectute passt gut dazu.

Informationen zum „Docupass“ finden Sie hier. 

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