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Null Toleranz bei MS

Menschen mit MS sieht man ihre Krankheit oft gar nicht mehr an. Und sie wollen ein so normales Leben führen wie nur möglich. Das zeigt ein exklusiver Blick ins Neurozentrum Bellevue in Zürich.

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Ein ganz gewöhnlicher Nachmittag im Neurozentrum Bellevue in Zürich. Prof. Dr. med. Adam Czaplinski hat Sprechstunde und empfängt MS-Patienten zur Jahreskontrolle. Der auf Multiple Sklerose spezialisierte Neurologe nimmt sich fürs Gespräch und die neurologische Untersuchung viel Zeit. Bei Bedarf werden weitere Abklärungen bei Spezialisten wie Dermatologen, Ophthalmologen, bildgebende Verfahren, Blutuntersuchungen etc. veranlasst.

Keine Abstriche

Da ist eine 47-jährige Frau. Seit 13 Jahren hat sie MS. Das Gespräch ist locker. Der Arzt stellt Fragen. Sie antwortet umgehend. Man könnte meinen, die beiden unterhalten sich über irgendetwas Alltägliches, nur nicht über eine schwere Krankheit. Seit der letzten Kontrolle vor einem Jahr ist die Patientin symptom- und schubfrei. Einzig die für MS-Patienten typische Müdigkeit macht ihr hin und wieder etwas zu schaffen. Beruflich ist sie dennoch voll aktiv. Abstriche am Leben macht sie wegen der MS keine. Wenn sie am Morgen aufsteht, verschwendet sie mittlerweile kaum noch einen Gedanken an ihre Krankheit. Auf langen Wanderungen findet sie Ausgleich und Ruhe.

Alles unter Kontrolle behalten

Das Medikament zum Spritzen verträgt die Patientin ausgezeichnet. Obwohl es sich um ein älteres Präparat handelt, gibt es keinen Grund für einen Wechsel auf ein neueres Medikament. Das würde sich jedoch schlagartig ändern, wenn die Patientin trotz Therapie neue Schübe erleidet. Um alles unter Kontrolle zu behalten, veranlasst Prof. Czaplinski eine MRI-Untersuchung. «Es geht darum, rechtzeitig eine allfällige subklinische, das heisst unterschwellige Krankheitsaktivität zu erfassen und nötigenfalls umgehend reagieren zu können, bevor es im Gehirn und Rückenmark zu nicht wiedergutzumachenden Schäden kommt. Da haben wir null Toleranz. Es gibt bei uns keine sogenannt ‹kleinen› Schübe oder ein ‹bisschen› Symptome.»

Medikamente sind für mich der sicherste Weg

Wie ist es, jahrelang hochwirksame und nebenwirkungsträchtige Medikamente einnehmen zu müssen, wenn man schon lange keine Symptome mehr hat und den Nutzen somit gar nicht mehr direkt sieht? Kommt da nicht bald einmal der Gedanke auf, es gehe auch ohne? «Ich habe mich entschieden, die Medikamente zu nehmen, weil es für mich der sicherste Weg ist», sagt die Patienten bestimmt. Und Prof. Czaplinski schiebt nach: «Unsere Patientin ist bei Weitem kein Einzelfall. Bei rund der Hälfte aller Betroffenen sehen wir ähnlich gute Resultate. Den Menschen, die in den 70er- und 80er-Jahren die Diagnose MS erhielten, geht es in der Regel deutlich schlechter. Und zwar schlicht und einfach deshalb, weil wir damals keine solch wirksamen Medikamente zur Verfügung hatten.» Inzwischen hat sich das grundlegend geändert. «Wir sehen uns in einem Jahr wieder», verabschiedet der Neurologe seine Patientin.

Prof. Czaplinski spricht seine Befunde in ein Diktiergerät und wirft einen kurzen Blick in die Krankengeschichte seiner nächsten Patientin. Es ist eine Unternehmensberaterin mit Jahrgang 1984. Seit fünf Jahren hat sie MS. Seit der letzten Kontrolle bemerkte sie nur eine vorübergehende Störung am linken Auge. Der Augenarzt konnte zwar nichts feststellen, das zwischenzeitlich veranlasste MRI zeigte jedoch mögliche Anhaltspunkte für einen abgelaufenen Schub im Bereich des linken Sehnervs, und das trotz der Therapie mit Spritzen.

«Vom Spritzen habe ich die Schnauze voll», sagt die junge Patientin gerade heraus. Ihrer Schwester, die auch MS hat, gehe es mit einer Tablette viel besser. Sie sei sogar fitter als vorher. Prof. Czaplinski geht auf ihren Wunsch nach einer Umstellung der Medikation umgehend ein und erklärt ihr ausführlich das weitere Vorgehen. Die Tablette habe ein ausgezeichnetes Wirkungs- und Sicherheitsprofil und habe sich nun seit mehr als fünf Jahren im klinischen Alltag bestens bewährt.

Fluch und Segen zugleich

Der Entscheid für eine einfach zu handhabende orale Therapie passt zum Umgang, welchen die Patientin mit ihrer Krankheit hat. «MS ist für mich Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil sie mich mit der Müdigkeit, mit der sie einhergeht, hin und wieder schon etwas beeinträchtigt, aber die MS gibt mir auch etwas zurück, nämlich ein viel bewussteres Leben. Ich mache seit der Diagnose sehr viel mehr Sport, sei es Joggen, Yoga oder Pilates.» Alles in allem möchte sie aber der Krankheit auf keinen Fall viel Raum geben und schon gar nicht zulassen, dass die MS über sie bestimmt.

Eine dritte Patientin an diesem Nachmittag hat seit drei Jahren Multiple Sklerose. Mit ihrem Spritzen-Präparat lebt sie gut. Symptome hat sie keine. Das Medikament soll nun abgesetzt werden, weil sie schwanger ist. Nicht etwa, weil das Präparat dem heranwachsenden Kind schaden würde, sondern weil es in der Schwangerschaft kaum je zu einem Schub kommt. Eine MRI-Untersuchung ist erst wieder nach der Geburt fällig, weil dann das Rückfallrisiko etwas ansteigt. Ihre Nachkommen hingegen bleiben von einem erhöhten MS-Risiko verschont.

Kein Mitleid und keine Vorurteile

Um sich mit der Krankheit und der Schwangerschaft nicht zu überfordern, hat die Patientin ihr berufliches Pensum auf einer Grossbank auf 60 Prozent reduziert. Weder ihr Arbeitgeber noch ihre Freunde wissen von der MS, nur gerade ihr Mann, ihre Eltern und die beste Freundin. «Ich will kein Mitleid und auch keine Vorurteile. Ich will ganz normal leben», begründet die Patientin ihren Entscheid.

Frühbehandlung eminent wichtig

«Wir wissen heute, dass die ersten Jahre darüber entscheiden, wie die Krankheit später verläuft und eine Frühbehandlung deshalb eminent wichtig ist. Die Schübe sind nur der sichtbare Teil des Krankheitsgeschehens. Mit den modernen Medikamenten geht es darum, die unsichtbaren Entzündungsprozesse zu beeinflussen und das Fortschreiten der Erkrankung möglichst zu stoppen», sagt Prof. Czaplinski. «Das Ziel der Therapie, die Selbständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen so lange und so gut wie möglich zu erhalten, ist heute keine Utopie mehr – im Gegenteil. Umso wichtiger ist es, die Behandlung individuell auf den Patienten und den Krankheitsverlauf abzustimmen, und zwar in einem spezialisierten, erfahrenen Zentrum.»

Nach wie vor nicht heilbar

MS ist nach wie vor nicht heilbar. Aber sie ist für einen grossen Teil der Patienten zu einer behandelbaren Krankheit geworden. Unter der Voraussetzung einer frühen Diagnose und Therapie haben die Betroffenen heute gute Chancen, ihr familiäres und berufliches Umfeld ohne grosse Einschränkungen zu gestalten. Nicht nur die neuen Medikamente sind für diese neue Perspektive verantwortlich, sondern auch die Einstellung der Patienten ist eine ganz andere als noch vor wenigen Jahren. Sie sind auf die Frühsymptome sensibilisiert und gehen heute schneller zum Arzt. So geht kaum mehr wertvolle Zeit verloren, bis eine Therapie gestartet wird. Denn eine rasche Therapie bedeutet weniger Krankheitsherde und damit weniger Behinderungen.

In der Schweiz erkranken pro Jahr fast 500 Personen neu an MS. Gegenwärtig sind rund 10 000 Menschen davon betroffen, wovon rund 65 Prozent Frauen. Die Krankheit kann in jedem Alter auftreten, manifestiert sich aber vorwiegend bei Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahren. Der Erkrankungs­gipfel liegt um das 30. Lebensjahr.

Spezialsprechstunden

Nebst einer allgemeinneurologischen Sprechstunde bietet das Neurozentrum Bellevue Spezialsprechstunden an. Die Patienten erhalten von ausgewiesenen Spezialisten rasche Abklärung und Behandlung bei Krankheitsbildern wie Multiple Sklerose, M. Parkinson und anderen Bewegungsstörungen, Epilepsie, neuromuskulären Krankheiten, insbesondere Polyneuropathien und Kopfschmerzen. Ausserdem ist das Neurozentrum Bellevue spezialisiert in der Anwendung von Botulinumtoxin bei Dystonien und Spastik.

Neurozentrum Bellevue
Theaterstrasse 8, 8001 Zurich
Telefon 044 295 30 45
www.neurozentrumbellevue.ch