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Oft verpasst und zu spät behandelt

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Zehntausende von Patienten haben Vorhofflimmern, ohne dass sie es wissen. Dr. Andreas Müller, Leiter Elektrophysiologie der Klinik für Kardiologie am Zürcher Stadtspital Triemli, warnt vor den Gefahren.

Dr. Andreas Müller ist nicht nur Leiter der Elektrophysiologie im Stadtspital Triemli, er elektrisiert die Zuhörer auch, wenn er von der Entwicklung seines Fachs erzählt. Wie viele seiner Kollegen liess er sich in einer führenden europäischen Zentrumsklinik ausbilden – in seinem Fall in Brüssel – bevor er in die Schweiz zurückkehrte und den Siegeszug einer Behandlung vorantrieb, die spektakuläre Resultate zeigt: die Katheter­ablation bei Vorhofflimmern. Was vor 15 Jahren noch eine rein experimentelle Therapie war, die ein paar wenigen hochspezialisierten Kliniken vorbehalten und mit einem riesigen Aufwand verbunden war, gehört heute zum selbstverständlichen Inventar einer breit aufgestellten Klinik für Kardiologie. «Brauchte man früher für eine Ablation bis zu acht Stunden, benötigt ein geübter Rhythmologe heute nicht mal deren zwei», sagt Dr. Müller. «Der grosse technische Fortschritt bei den Kathetern und Mapping-Systemen, aber auch die grosse Erfahrung mit dieser Behandlung senken nicht nur den zeitlichen Aufwand, sondern bringen vor allem mehr Sicherheit und mehr Erfolg für die Patienten. Das Resultat ist, dass mehr Patienten behandelt werden können, nicht nur verhältnismässig junge, sondern zunehmend auch ältere Menschen, die unter den Symptomen leiden.»

Weshalb sind denn plötzlich Vorhofflimmern und die Katheterablation in aller Munde? Dr. Müller: «Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung und wird im Alter immer häufiger. Bei den 80-Jährigen ist jeder Zehnte davon betroffen. Und Vorhofflimmern ist ein wichtiger Risikofaktor für einen Hirnschlag. Mit der Katheterablation können wir zwar nicht das Hirnschlagrisiko senken – dazu braucht es eine wirksame Blutverdünnung – wir können jedoch die Symptome behandeln und den Betroffenen ein weitgehend normales Leben ermöglichen.» Damit ist auch schon gesagt, welche Patienten sich für eine Katheterablation eignen, bei denen die Eintrittsstellen der vier Lungenvenen vom Gewebe der linken Vorkammer elektrisch isoliert werden. «Wir behandeln jene Patienten, die durch ihre Symptome im Alltag eingeschränkt sind. Ihnen können wir sehr viel Lebensqualität zurückgeben und sie so vor der lebenslangen Einnahme von Herzmedikamenten mit all ihren Nebenwirkungen und Risiken bewahren.» Eignet sich eine Katheterablation auch für einen 80-Jährigen? Dr. Müller: «Entscheidend ist in erster Linie nicht das Alter, sondern der Leidensdruck und die Erfolgsaussichten. Generell gilt: Je früher ein Vorhofflimmern behandelt wird, desto besser sind bei der Ablation die Erfolgsaussichten. Wartet man zu lange, dann lohnt sich die Katheterablation in der Regel nicht mehr. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.»

Während man mit der Katheterablation möglichst Symptomfreiheit erzielen will, gilt es, mit der Blutverdünnung das erhöhte Hirnschlagrisiko bei Vorhofflimmern zu senken. Dr. Müller erinnert daran, dass das Hirnschlagrisiko bei Vorhofflimmern auch dann erhöht ist, wenn ein Patient nicht die geringsten Symptome verspürt. Bis vor Kurzem war die Blutverdünnung sehr aufwendig und kompliziert. Mit den seit Kurzem verfügbaren, neuen Medikamenten hat man endlich eine wirkungsvolle, einfachere und effiziente Therapie gegen das Hirnschlagrisiko in der Hand. «Das hat den klaren Vorteil, dass wir heute auch Patienten mit einem erhöhten Hirnschlagrisiko mit blutverdünnenden Medikamenten behandeln können, von denen man früher die Hände gelassen hätte.»

Tamas Media AGWeil ein Hirnschlag immer ein dramatisches Ereignis ist, das zum Tod oder zu schweren Behinderungen mit Verlust der Selbständigkeit führen kann, plädiert Dr. Müller vehement für eine konsequente Verbesserung der Früherkennung. «Vorhofflimmern muss man wenn immer möglich entdecken, bevor es zum Hirnschlag kommt. Mir machen deshalb die Tausenden von Menschen mit Vorhofflimmern Sorgen, die entweder davon nichts wissen oder aber keine wirksame Blutverdünnung haben und somit von einer Stunde auf die andere einen Hirnschlag erleiden können.» Unsere Kampagne, Vorhofflimmern rechtzeitig aufzuspüren, indem man den Blutdruck mit einem geeigneten Gerät misst, das eine entsprechende Warnfunktion hat, unterstützt Dr. Müller voll und ganz. Dadurch kann viel Leid verhindert werden.

Es gibt nicht viele Fächer in der Inneren Medizin, wo der Nutzen und der Erfolg einer Behandlung so direkt sichtbar und messbar sind wie in der Rhythmologie. Rund 200 Katheterablationen macht man aktuell im Triemli pro Jahr, Tendenz stetig steigend. Die Nachfrage ist gross, was zum Teil auch mit Wartefristen verbunden ist. Dagegen wird bereits etwas unternommen: «Ein neues Herzkatheterlabor ist in Planung», sagt Dr. Müller. Nicht nur er, sondern auch die Patientinnen und Patienten erwarten es sehnlichst.

Unser Tipp: Vorhofflimmern selber entdecken – beim Blutdruckmessen. Lesen Sie hier.