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Renaissance der Hormone

Hormone Ja oder Nein? Und wenn ja, welche? Prof. Petra Stute von der Frauenklinik am Inselspital Bern über Nutzen und Risiken der Hormontherapie.

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Wann sollte sich eine Frau Gedanken über eine Hormonbehandlung machen und auf welche Symptome sollte sie dabei achten?

In den Wechseljahren können, müssen aber nicht, viele verschiedene Symptome auftreten: Hitzewallungen und Schweissausbrüche, Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Depression, sexuelle Probleme, Scheidentrockenheit, Muskel- und Gelenkbeschwerden, Schlafstörungen, Harninkontinenz, Herzklopfen, Gewichtsschwankungen, Zyklusveränderung sowie Haut- und Haarprobleme. Wenn diese Symptome störend sind und die Lebensqualität beeinträchtigen, ist ärztlicher Rat sinnvoll. Es stehen dann verschiedene Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, unter anderem auch eine Hormontherapie.

Welche Hormone fallen ab und müssen somit ersetzt werden?

Nach der Menopause sinkt die Östrogen- und Progesteron-Produktion der Eierstöcke deutlich ab. In der Phase davor, in der sogenannten menopausalen Transition, kann die Eierstockfunktion ebenfalls sehr schwanken. Phasen von fast noch normaler Zyklusaktivität können neben Phasen des Zykluschaos auftreten. Die Veränderung der Hormone ist normal und nicht automatisch therapiebedürftig. Sie müssen also nicht, können aber ersetzt werden.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff bioidentische Hormone?

Unter bioidentischen Hormonen versteht man aus Pflanzen hergestellte Hormone, die chemisch ähnlich oder strukturell identisch mit den vom menschlichen Körper produzierten Hormonen sind. Die Betonung liegt dabei auf «strukturell identisch» und nicht auf der «pflanzlichen» Quelle, denn viele nicht-bioidentische Hormone werden ebenso aus Pflanzen – Yams, Soja – gewonnen. In die Kategorie der bioidentischen Hormone fallen sowohl offiziell registrierte hormonelle Arzneimittel als auch Hormonpräparate, die basierend auf einer vom Arzt ausgestellten individuellen Rezeptur von Apotheken hergestellt werden. Auch bioidentische Hormone müssen synthetisiert werden. Wenn man die Pflanzen direkt einnimmt, stellt sich keine Wirkung ein.

Wann sollte mit einer Hormonbehandlung begonnen und wann sollte sie wieder abgesetzt werden? Oder ist das nicht nötig?

Die Indikation für eine Hormontherapie sind Hitzewallungen und Schweissausbrüche, vaginale Beschwerden und je nach Alter auch die Vorbeugung von Osteoporose. Die Therapiedauer richtet sich nach den Beschwerden; im Einzelfall kann die Behandlung recht lang durchgeführt werden. Es gibt keine Limitierung der Anwendungsdauer. Allerdings sollte die Indikation regelmässig überprüft werden.

Welche unterschiedlichen Anwendungs­formen gibt es? Gibt es ­Alternativen zur oralen Einnahme?

Östrogene kann man schlucken, spritzen, über die Haut – Pflaster, Gel – oder vaginal anwenden. Bei den Gelbkörperhormonen kommt noch die Hormonspirale dazu.

Prof. Petra Stute, Leiterin Frauenklinik Inselspital Bern

Wie findet man die individuell richtige ­Dosierung?

Die Dosierung richtet sich nach dem Bedarf. Ziel ist es, die Symptome adäquat zu behandeln beziehungsweise zu reduzieren.

Welche Vor- beziehungsweise Nachteile haben die verschiedenen Darreichungsformen der Hormone?

Die orale Östrogentherapie erhöht das Risiko für venöse und arterielle Thromboembolien. Allerdings hängt das individuelle Risiko sehr von zusätzlichen Risikofaktoren wie Alter bei Therapiebeginn, Vorerkrankungen, Lifestyle – Gewicht und Nikotin – familiäre Krankheitsbelastung etc. ab. Daher ist eine individuelle Nutzen-Risiko-Analyse vor Beginn einer Hormontherapie durch den Arzt oder die Ärztin wichtig.

Bei einer Östrogentherapie über die Haut – Pflaster, Gel – ist das Risiko für venöse und arterielle Thromboembolien nicht erhöht. Vorteile der oralen Therapieform ist, dass Haarausfall und/oder Behaarungszunahme im Gesicht sich eher bessern als bei einer Therapie über die Haut.

Wie gross ist das Krebsrisiko der heutigen Hormone wirklich? 

Das Brustkrebsrisiko ist bei Erstanwenderinnen einer Hormontherapie mit einer Östrogen/Gestagen-Kombination in den ersten fünf bis sechs Jahren nicht erhöht. Danach steigt es an; es werden neun zusätzliche Brustkrebsdiagnosen pro 10 000 Frauen pro Jahr gestellt.

Das Brustkrebsrisiko oder die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu versterben, sind unter reiner Östrogentherapie auch nach knapp 20-jähriger Therapie nicht erhöht. Im Gegenteil, die US-amerikanische WHI-Studie hat gezeigt, dass das Brustkrebsrisiko unter einer reinen Östrogentherapie nach 7-jähriger Therapie sinkt. In Zahlen: Abnahme um sieben Brustkrebsdiagnosen pro 10 000 Frauen pro Jahr.

Kann man das Osteoporose-Risiko mit ­Hormonen senken?

Eindeutig. Eine Hormontherapie in mittlerer Dosierung ist bei Frauen – und zwar bei solchen mit und ohne erhöhtem Frakturrisiko – im Alter unter 60 beziehungsweise innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause wirksam, um Osteoprose bedingten Knochenbrüchen vorzubeugen. Das Frakturrisiko wird an allen Lokalisationen signifikant um 25 bis 40 Prozent gesenkt. Aber auch hier gilt wieder, dass alle Risiken und Vorteile bei der Entscheidung Hormone Ja oder Nein miteinbezogen werden müssen.

Gibt es offizielle Empfehlungen für die ­Hormonersatztherapie, an die man sich halten kann?

Die Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat 2015 einen Expertenbrief für die Menopausale Hormontherapie publiziert. Informationen können auch über die Schweizerische Menopausegesellschaft bezogen werden: www.meno-pause.ch

Welche natürlichen Behandlungsmöglich­keiten existieren?

In die Kategorie der Alternativ- und Komplementärmedizin fallen Phytotherapie – zum Beispiel Traubensilberkerze und Johanniskraut – Phytoöstrogene wie Soja, Akupunktur, Verhaltenstherapie, Hypnose, Körper-Geist-Therapien etc.

Die meisten dieser Therapieansätze sind auf Hitzewallungen, Schlafstörungen und/oder Verstimmungszustände ausgerichtet. Der Erfolg richtet sich unter anderem nach der Stärke der Symptome, Vorerkrankungen etc. Da das Risiko-­Nutzen-Profil in der Regel sehr gut ist, das heisst wenig Risiken mit der Therapie verbunden sind, lohnt sich für viele ­Frauen ein Therapieversuch.

 

 Das Wichtigste in Kürze

  • Gehen Sie mit störenden Symptomen zum Arzt oder zur Ärztin. Er oder sie weiss Rat.
  • Die Behandlung ist immer individuell. Das gilt ganz besonders für die Hormontherapie.
  • Das Thrombose- und Krebsrisiko ist bei der Wahl der richtigen Hormone und nach individueller Beurteilung der Vorteile und Nachteile vertretbar.
  • Wenn neben dem Schutz der Gebärmutterschleimhaut unter einer Östrogentherapie auch noch andere Symptome wie Schlafstörungen behandelt werden sollen, dann bietet sich mikronisiertes Progesteron als bioidentisches Hormon an.