Startseite » Themen » Sex durch die rosarote Brille

Sex durch die rosarote Brille

Fremdgehen, Porno schauen, ins Bordell gehen? Sexualtherapeutin Dr. Dania Schiftan kennt den Trick, der Lügen in einer langjährigen Beziehung überflüssig macht.

schiftan_dania_0265

Was auf den ersten Blick sehr überraschend daherkommt, ist durchaus ernst gemeint. «Die rosarote Brille ist kein Scherzartikel aus einer Tischbombe. Sie soll ja auch nicht auf der Nase sitzen, sondern im Kopf stattfinden.» Für die Expertin in Clinical Sexology, Psycho- und Sexualtherapie ist klar: Statt fremdzugehen, statt ein Bordell zu besuchen oder statt nur noch Pornos im Internet zu konsumieren, ist die rosarote Brille der ehrlichste, wenn auch nicht der leichteste Weg, die Sexualität im Ehebett wieder zu beleben. Doch wie geht das?

Der Trick: Durch die rosarote Brille soll der Partner wieder so werden wie beim ersten Verliebtsein. Damals, als alles neu und erregend war. Als Lust und Neugier noch jegliche Schwachstellen des andern überdeckten. «Es ist bei allen Paaren gleich. Der Sex wird innerhalb der ersten sechs Jahre weniger aufregend, seltener und bleibt nachher für die nächsten 20 bis 30 Jahre auf diesem Niveau stehen. Das ist die allgemeine mathematische Formel.» Kann man das so generell sagen? «Ein Stück weit schon. Die meisten Paare machen die Erfahrung, dass die Lust mit der Zeit abnimmt. Nach sechs, sieben Jahren gibt es die meisten Trennungen, weil man häufig auf dem Tiefpunkt der emotionalen Beziehung angekommen ist. Schuld ist eine Art Panik, dass es sowieso nur noch schlechter wird. Die Formel ist übrigens keine Frage des Alters, sondern nur eine der Beziehungsdauer.»

Der Reiz des Neuen lässt nach

Warum lässt denn die Lust überhaupt nach? Dania Schiftan: «Zwei Menschen, die frisch zusammenkommen, bringen ihre sexuellen Erfahrungen mit. Am Anfang ist alles neu und reizvoll, und beide probieren dann alles aus. Sie machen dies und das, experimentieren mit dieser und jener Stellung. Kreuz und quer, wie es halt Spass macht. Das geht eine Weile so, doch dann folgt die nächste Phase. Der Reiz des Neuen lässt nach. Ihm hat die Berührung an dieser Stelle nicht gefallen, sie hat bei jener Aktion gezuckt. Auf ihre Initiative hat er etwas verhalten reagiert. Sie zögerte bei seinem Vorschlag. Die meisten Paare einigen sich dann unausgesprochen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Nach und nach wird nur noch praktiziert, was beide wirklich gut finden. Die Schnittmenge gemeinsamer Vorlieben wird kleiner. Man macht noch ein paar wenige Stellungen, an ein paar bestimmten Orten, zu ein paar wenigen Zeiten. Die Vorstellungen von lustvollem Sex gehen auseinander, die Schnittmenge dessen, was beiden gefällt, wird kleiner.»

Was ist schlecht daran, wenn es beiden auf diese Art und Weise gefällt? Dania Schiftan: «Grundsätzlich nichts, denn beide haben etwas davon. Nach dem Motto ‹quadratisch, praktisch, gut› ist alles okay, aber eben auch nicht mehr. Mit der Zeit wird das Sexualleben weniger. Der Sex ist langweilig geworden und die Gefahr besteht, dass sich die Partner umorientieren. Vielleicht kommt ein Gedanke ans Fremdgehen auf. Vielleicht bietet sich eine Gelegenheit oder man schafft eine. In diesem Moment ist man wieder begehrt, und das fühlt sich toll an. Schön für den Begehrten. Aber was ist mit den Konsequenzen? Sie werden einfach ausgeblendet. Die meisten denken, man könne es verschweigen. Doch häufig kommt etwas an die Oberfläche. Oder der Betroffene kann mit der Lüge selber nicht gut umgehen. Am Schluss ist nicht mal der Betrug an sich das Problem, sondern die Lügen, die den Betrug vertuschen wollen.»

Aufregung und Abwechslung oder Loyalität und Treue?

Das Bedürfnis nach Abwechslung und Anerkennung ist laut Dania Schiftan absolut normal. Unter dem Strich seien Frauen im Fremdgehen übrigens geschickter als Männer. Es stelle sich nur die Frage, wie man mit diesen Gefühlen umgeht. «Man kann nie alles haben im Leben. Das muss man sich auch in Bezug auf die Treue überlegen. Ist einem die Aufregung und Abwechslung wichtiger? Oder möchte man lieber ein loyaler, treuer Partner sein? Jeder Mensch hat einen freien Willen und kann selber entscheiden, wie er sich verhält. Egal, wie hormongesteuert man ist. Zum Schluss kann man immer noch sagen: ‹Nein, ich mache es nicht.› Oder man wählt einen anderen Weg und bespricht solche Situationen mit dem Partner, bevor sie auftreten. Selbst in einer Ehe kann man die Dinge neu verhandeln. Es ist grundsätzlich alles erlaubt und es ist alles möglich, sofern beide Ehepartner einverstanden sind. Eine Beziehung ist eine Vertragssache.»

Sind Selbstbefriedigung und Pornokonsum auch eine Art Fremdgehen? «Nein», sagt die Sexualtherapeutin. «Selbstbefriedigung ist keine Konkurrenz zur Paarsexualität. Zwischen endloser Vertrautheit braucht es auch immer wieder ein bisschen Distanz. Man darf Selbstbefriedigung nicht als Ersatzhandlung, sondern muss sie als eigene Form der Sexualität anschauen. Es gibt natürlich immer wieder Partner, die es persönlich nehmen, wenn der andere sich selbst befriedigt und denken, sie genügen ihm nicht. Dabei holt Selbstbefriedigung ganz andere Werte ab. Und hat auch eine andere Funktion. Es geht um ‹Druck abbauen› oder um einen lustvollen Kontakt mit sich selbst. Zuneigung oder emotionale Wärme bekommt man dabei nicht. Muss man auch gar nicht, denn bedingungslos mit sich selber im Einklang sein, kann auch sehr schön sein. Selbstbefriedigung ist ja schliesslich auch die erste Sexualität, die jeder erlebt hat.»

Wie kommt man nun aber mit der rosaroten Brille aus dem Lust-Schlamassel in der langjährigen Beziehung heraus? Vor allem, wenn man in einer monogamen Beziehung leben will. Geht das überhaupt?

Realität statt Überraschung und Aufregung

«Ja, das geht. Aber es ist wieder Arbeit. Man muss sich auf die rosarote Brille einlassen. Die Ausgangslage ist nicht ganz einfach, denn im Vergleich zum ersten Verliebtsein hat man den Partner nun schon in allen Situationen gesehen: als Kranken, als Wütenden, als Wehleidigen. Mit Durchfall, mit Zahnspange, mit stinkenden Kleidern. Man hat gesehen, wie er oder sie in der Nase bohrt, und auch wie er oder sie vor dem Fernseher furzt. Er lässt seine getragenen Socken herumliegen, sie lässt die Zahnpastatube und alle Duschgels offen herumstehen. Die beiden Liebhaber von früher sind durch das Zusammenleben total entzaubert worden. Die Beziehung besteht aus Realität und nicht mehr aus Überraschung und Aufregung. Und darum braucht es die rosarote Brille. Sie soll dem Partner seinen Zauber zurückgeben. Dafür muss man an sich selber arbeiten. Muss versuchen, sein Gegenüber wieder mit anderen Augen zu sehen, nämlich mit den Augen von früher. Das ist das Schwierigste, aber es funktioniert.»

«Auf diese Weise gelingt es auch, neue Dinge auszuprobieren. Eine Peitsche ins Liebesspiel einbauen, einen Vibrator zu zweit anwenden, extraordinäre Dessous anziehen. Das Problem ist, dass den Partnern häufig der Mut fehlt. Sie befürchten, den andern mit ihren Wünschen vor den Kopf zu stossen. Anstatt es auszusprechen, verzichtet man lieber. Je länger das Paar zusammen ist, desto mehr spielt die Risikoscheu eine Rolle. Einige Männer gehen dann zu Prostituierten und leben dort jene Dinge aus, die sie zu Hause nicht anzusprechen getrauen. Sie verlangen einen Blowjob, probieren Rollenspiele aus, neue Stellungen, Latex-Kleider. Die Angst ist aber völlig unbegründet. Bei mir in der Paartherapie sagt die Partnerin häufig, dass sie so etwas noch gerne mitgemacht hätte.»

Wir müssen auch Sexualität planen

Gibt es noch andere Möglichkeiten, den ehelichen Sex wieder zu beflügeln? «Ja, mit Regelmäs­sigkeit. Sex muss und darf ein geplanter Bestandteil der Beziehung sein. Spontaneität funktioniert nämlich kaum. Wir planen Ferien, wir planen Essen, wir planen Sport. Wir müssen auch Sexualität planen. Und wir müssen an der eigenen Erlebnisfähigkeit arbeiten. Sex muss sich wieder lohnen, muss wieder Spass machen und Befriedigung bringen. Denn was sich lohnt, das mache ich auch. Und ich sage allen meinen Klienten: Wenn man investiert, steigt die Qualität. Man kann nämlich mit keinem Menschen so guten Sex haben, wie mit dem, den man gut kennt. Die Qualität des Sex steigt mit der Wiederholung. Sex muss gar nicht immer krass und geil und sonst was sein. Angenehm und wohlig genügt. Denken Sie nicht nur an das, was Sie nicht haben. Denken Sie an das, was Sie haben und investieren Sie darin.»

Kontakt

Dania Schiftan ist Dr. phil in Clinical Sexology, Klinische Sexologin ISI, lic. phil, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Psychotherapie und Sexualtherapie. Sie arbeitet im Zentrum für interdisziplinäre Sexologie und Medizin ZISMed in Zürich. www.zismed.ch