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Sex ist lernbar

Young sensual woman having orgasm.

Aber nicht in fünf Minuten. Sexual­therapeutin Dania Schiftan erklärt das Liebesspiel von Mann und Frau bis ins letzte Detail.

Ist der Mann schuld, wenn die Frau keinen Orgasmus kriegt? Wenn sie dieses Gefühl der ultimativen Luststeigerung und Entspannung womöglich noch nie erfahren hat? Was ist los, dass der Mann bei der Selbstbefriedigung problemlos zum Höhepunkt kommt, aber beim Sex mit seiner Frau nicht? Viele Männer sagen, dass sich die Erektion ab 35 langsamer aufbaut und weniger hart ist. Ist die Lust abhandengekommen? Ist das Alter der Grund? Nein. Männer glauben viel lieber, es habe mit den Geburten zu tun. Die Scheide ihrer Frau sei halt mittlerweile zu weit. Dania Schiftan, Sexualtherapeutin aus Zürich, findet das Unsinn: «Die paar Millimeter mehr oder weniger weit machen den Braten nicht feiss.»

Nach ihr geht es um etwas ganz anderes, doch das ist auf den ersten Blick eher unbequem, weil mit Aufwand verbunden. Es geht um das Lernen. Lebenslanges Lernen, auch beim Sex. Den Erlebnisraum von dem, was man kennt, erweitern. Nicht den Partner wechseln, sondern das bisher Praktizierte verändern. Genauso, wie sich die Menschen und deren Bedürfnisse verändern im Lauf der Zeit. Wie war das noch damals in der Jugend, als die Pubertät über einen hereinbrach und die Hormone durcheinandergewirbelt wurden? Dania Schiftan: «Die allermeisten Männer haben schon vorher entdeckt, dass da etwas passiert am Penis, wenn man ihn berührt und daran reibt. Sie erlebten dieses Gefühl als Teenager bei der Selbstbefriedigung meist im Sitzen, perfek­tionierten es über die Jahre und tun es heute noch. Will heissen: Die gewohnte Stellung ist anders als mit der Frau im Bett. Und: Die eigene Hand ist fester und grober als es die feine Haut der Scheide ist. Trotzdem meint der Mann irgendwann, es müsse an der Frau liegen, wenn er nicht genügend erregt wird, denn bei der Selbstbefriedigung funktioniert es schliesslich.»

Ein Trugschluss, verrät die Sexualtherapeutin. Macht der Gewohnheit als Ursache. Der Mann müsse nur ein bisschen dazulernen. «Nämlich, dass sein Penis auch die feinen sensorischen Berührungen einer Scheide wahrnehmen kann. Das männliche Glied hat so viele verschiedene Sensoren und Bereiche. Werden nur jene trainiert, die auf eine harte Männerhand reagieren, sind die anderen am Schlummern. Um ein Gefühl für die weiche Scheide zu bekommen, muss der Mann trainieren, mit der Hand weniger Druck auszuüben. Und irgendwann kommt es auch nicht drauf an, wie weit die Scheide ist. Das hat mit Wahrnehmung zu tun. Und es braucht etwas Geduld, die neuen Erregungsmuster zu lernen.»

Wie muss man das verstehen? «Schauen Sie, was machen die Männer bei der Selbstbefriedigung? Sie reiben immer gleich hoch und runter und benutzen dafür unbewusst nur eine ganz kleine Datenspur zwischen Penis und Gehirn, um zum Orgasmus zu kommen. Das ist gut, das ist eingespielt und das funktioniert schnell. Doch es gäbe viele Spuren auf dieser Fahrbahn, die von Natur aus viel breiter ist. Das Potenzial der ganzen Möglichkeiten ist untrainiert und liegt brach. Das hat einzig und allein mit Lernen zu tun.» Will heissen, dass sich jeder anpassen kann, wenn er will. «Warum sollten wir nicht mit einem Körper, der sich verändert, umgehen können? Wir müssen nur das, was wir 20 Jahre lang immer so gemacht haben, neu erotisieren.»

Wie kann man einen Orgasmus neu erlernen? Dania Schiftan: «Man muss im Millimeterprinzip, also in ganz kleinen Schritten immer mehr am Körper verändern. Muskelspannung, Rhythmus und Variabilität sind im Fokus. Eine Frau, die bei der Masturbation immer rechts herum auf ihrer Klitoris gedreht hat, muss erst anfangen, langsamer zu kreisen. Das geht über Wochen. Und erst dann, wenn sie trotzdem erregt wird, kann sie beginnen, die Richtung zu ändern. Ganz langsam über die Zeit. Später kann sie es mal mit einem oder drei Fingern statt mit zwei probieren. Und erst dann kann sie anfangen, mit der sanften Reizung ein wenig mehr in Richtung Scheide zu gehen. Wieder später geht sie immer mehr in die Scheide hinein, bis sie ihre Erregung in eine ganz andere Spur gelenkt hat. Aber wie gesagt: Es braucht Zeit. Das ist ein Jahresprojekt. Wenn man vier Mal pro Woche zehn Minuten übt, erfährt man relativ schnell spürbare Veränderungen. Gleiches gilt für den Mann. Wenn er beim Masturbieren immer sitzt, muss er das mal im Stehen machen. Dann im Liegen. Die Haltung ist ein wichtiges Thema, denn in unterschiedlichen Positionen reagiert der Körper anders. Die Wahrheit ist: Wenn ich ein spannendes Sexleben will, muss ich genauso viele Stunden investieren wie in anderen Bereichen. Beim Klavierspielen zum Beispiel oder bei einer Sprache. Auch beim Fitnesstraining ist es so. Wenn man es nicht regelmässig macht, verliert man die Fähigkeit, es gut zu tun. Dann macht es auch keinen Spass mehr. Beim Sex ist das genau gleich.»

Bewegung sei übrigens ein Geheimrezept für guten Sex, sagt Dania Schiftan, und stellt einen spannenden Vergleich an. «Es ist wie bei den Tieren, wo Sexualität Intuition ist und wo keine Hemmungen bestehen. Die Tiere beziehen bei der Fortpflanzung ihren ganzen Körper mit ein, bewegen sich rhythmisch und harmonisch und erzeugen damit eine optimale Durchblutung. Und was macht der Mensch? Der Mann packt die Frau von hinten und bewegt den ganzen Körper als Block anstatt ihn mit dem Becken in dynamische Schwingung zu versetzen. Wenn ich aber als Brett agiere, findet am Penis kaum eine Bewegung des Blutflusses statt. Das betrifft auch die Frauen, aber bei ihnen kommen die Punkte anders zum Tragen.»

Die Fehlentwicklung wegen Scham und Verklemmtheit fange schon in der Wiege an. «Nimmt ein Baby seine Füsschen in den Mund, strahlen die Mütter über die motorischen Fortschritte. Nimmt das Kleinkind auf Erkundungstour aber seinen Penis in die Hand, reagiert die Mutter wie versteinert und zeigt dem Kind unbewusst: Du machst etwas falsch. Hier kommt eine Unnatürlichkeit auf, weil wir Erwachsenen ein gestörtes Verhältnis zu unserem Körper haben. Man darf als Eltern schon Grenzen setzen, wenn es einem zu weit geht. Das gehört mir, das fasse nur ich an. Kein Problem. Aber die Botschaft muss sein: Ich darf meinen Körper geniessen. Auch Selbstbefriedigung darf ich geniessen. Oder wenn der Penis zum ersten Mal gross wird, dann sage ich: Cool, guck mal. Leider ist es im normalen Leben nicht so. Die Kinder sind beim Entdecken ihres Körpers auf sich alleine gestellt. Woher sollen sie als Erwachsene auf einmal wissen, wie es richtig geht?»

Mädchen kommen in der Regel viel später in Berührung mit ihrem Geschlechtsorgan. Ist das der Grund, warum viele Frauen keinen richtigen Orgasmus erleben? Dania Schiftan: «Nur ganz wenige Frauen können gar nicht kommen. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen einem Orgasmus und einer orgastischen Entladung. Ein Orgasmus macht Spass, Freude und er ist intensiv. Für die meisten Leute ist Selbstbefriedigung nur Spannungsreduktion. Aber es ist schon so: Zwei Drittel der Frauen haben beim Geschlechtsverkehr keinen Orgasmus, weil sie es nicht gelernt haben und deshalb nicht gewohnt sind. Jede Frau könnte theoretisch einen vaginalen oder klitoralen Orgasmus haben. Je nachdem, ob und wo sie investiert hat. Dazu muss sie aber ihre Scheide als inneres Organ entdecken. Bisher haben sie nur gelernt, sich über die Klitoris und die Schamlippen zu stimulieren, also das äussere Geschlecht, und beim Sex soll auf einmal das innere Organ reagieren können. Das ist ein Irrglaube. Sex ist nicht einfach, Sex wird. Jeder hat die Möglichkeit, Sex zu lernen. Es ist alles eine Frage des Aufwandes und des Abwägens.»

Thema Lust: Wo beginnt der Teufelskreis? Wenn man keinen Spass am Sex hat, hat man auch keine Lust drauf. Umgekehrt entsteht niemals Lust, wenn man nicht aktiv ist. Kann man auch die Lust trainieren? Dania Schiftan: «Beim Sex ist es wie beim Sport. Ich muss damit beginnen, um in den Genuss einer Ausschüttung von Glückshormonen zu kommen. Wenn ich vorher weiss, dass dies passiert, bin ich voller Vorfreude. Lust ist in jedem Fall gelernt, weil es immer eine Vorfreude auf etwas ist, das ich kenne. Und wovon ich weiss, was ich davon habe. Umgekehrt ist die Vorfreude natürlich nur mässig, wenn ich weiss, dass jedes Mal die gleichen Stellungen kommen, dass er jedes Mal den Punkt nicht trifft. Dann überlege ich mir vorher schon, ob es sich lohnt.

Ob es sich lohnt, in Sex zu investieren, muss jeder selber für sich entscheiden. Mir geht es darum, den Menschen zu sagen: Sie können investieren, wenn sie das möchten. Tun sie es, wird es Früchte tragen. Und zwar in jedem Alter, denn das Hirn ist plastisch und verändert sich ein Leben lang.»

 

Welcher Sex-Typ sind Sie?

Die Sexualtherapie kennt verschiedene Modi der sexuellen Erregbarkeit. Die meisten Menschen praktizieren Mischformen.

Archaischer Modus

In diesem Modus wird die Erregung durch verschiedenartigen Druck ausgelöst. Die Kinder entdecken die Wirkung dieses Modus, wenn beim Zusammendrücken der Beine ein schönes Gefühl entsteht. Es gibt Menschen, die ein Leben lang bei dieser Druck-Methode verharren, sogar bis zur orgastischen Entladung. Der Vorteil ist: Das geht überall, sogar im Tram. Es gibt Manager, die diese Variante praktizieren, um sich schnell und effizient vor einer wichtigen Sitzung zu beruhigen. Aber: Eine Frau, die es gewohnt ist, zur Erregung ihre Beine aneinanderzupressen, verliert häufig die Erregung, sobald sie ihre Beine spreizt.

Mechanischer Modus

Dieser Modus zeichnet sich durch automatisierte, rasche Bewegungen aus. Männer reiben schnell am Penis, entladen sich, fertig. Frauen machen das gleiche über die Klitoris. Schnell hin- und herbewegen, bis sie kommt. Das Problem taucht erst auf, wenn der Sexualpartner eine andere Technik anwendet. Wenn er sie befriedigt, liegt er vor ihr und macht die ganze Bewegung anders herum oder von der «falschen» Seite. Schon funktioniert es nicht mehr. Gleiches beim Penis des Mannes. Ist er gewöhnt, zwei oder drei Finger zu nehmen? Gibt er mehr oder weniger Druck am Eichelrand? Oder macht er es mit der Hand so schnell, wie er beim Sex zu zweit niemals sein kann? Sobald sie gleichzeitig nur durch den Geschlechtsverkehr erregt werden wollen, funktioniert es nicht mehr auf die gleich Art und Weise. Je spezifischer sich ein Modus ausgeprägt hat, desto genauer muss man den Partner anlernen, damit es funktioniert. Die Extremform des mechanischen Typs ist der vibrationsinduzierte Modus. Frequenzen wie ein Vibrator bringt kein Mensch und keine Zunge zustande.

Bei den Frauen besteht eine weitere Eigenheit. Weil der grössere Teil des Geschlechtsorgans im Inneren des Körpers liegt, kommen die Mädchen erst spät damit in Berührung. Ab etwa 9 Jahren ist die Scheide begehbar und ertastbar. Das heisst: Was Jungs schon seit der Geburt erfahren können, können Mädchen erst viel später. Die Folge: Frauen entdecken hauptsächlich die Klitoris und die äusseren Schamlippen. Wie soll nun diese Scheide als Ganzes spezielle Gefühle hergeben, wenn sie vorher nie ganzheitlich berührt wurde?

Ondulierender Modus

Mit sehr viel Bewegung. Ist ein typischer Frauenmodus, der über grosse Bewegungen und viel Berührung geht. Er enthält viel Spiel und viel Sinnlichkeit. Je mehr man sich bewegt, desto mehr erogene Zonen sind dabei. Diese Frauen haben aber häufig nicht entdeckt, wie man die Erregung bis zum Orgasmus steigern kann. Sie können ihre grosse Erregung nicht auf einen Punkt kanalisieren und zum Abschluss bringen. Dann wird es für die Frauen so frustrierend, weil sie nicht fertig werden und die Erregung aus Müdigkeit verloren geht. In diesem Modus findet man praktisch keine Männer.

Wellenförmiger Modus

Menschen mit diesem Modus nutzen die ganze Spielwiese der sinnlichen Erfahrungen. Ihnen stehen jegliche Möglichkeiten der Lustgewinnung offen. Sie können sich auf alle Arten erregen, was sie wenig anfällig auf Störungen macht. Sie haben die Fähigkeit, während des Liebesspiels abzutauchen und sich von der realen Welt abzuschotten. Selbst wenn sie krank sind, funktioniert die Erregung problemlos und ohne zusätzliche Anstrengung. Sie können vollständig selber steuern, wie und wann sie zum Orgasmus kommen. Dieser Modus enthält Schaukelbewegungen des Beckens, die sehr gut kanalisiert werden können. Grossflächige Bewegungen werden immer mehr auf den Punkt gebracht. Solche Leute kommen nie mit sexuellen Störungen zu mir in die Praxis.

 

Sex ExpertenbildKontakt

Dania Schiftan ist Dr. phil. in Clininical Sexology, Klinische Sexologin ISI, lic.phil. Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Psychotherapie und Sexualtherapie. Sie arbeitet im Zentrum für interdisziplinäre Sexologie und Medizin ZiSMed, Minerva­strasse 99, 8032 Zürich, www.zismed.ch

Neu bietet sie auch online-Beratung unter www.daniaschiftan.ch an.