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Tatwaffe Smartphone

«Wir wollen keinen Suizid in der Schule.» Polizist Marcus Corai verrät, wie die Kantonspolizei Graubünden gegen Mobbing und Sexting vorgeht.

jeune fille dormant avec tlphone

«Am besten, du springst von der Brücke.» «Wenn du mal nach dem Training alleine nach Hause läufst, wirst du von uns massenvergewaltigt.» «Du Dreckschlampe, du Hure.» In etwa so kommen unvorstellbare Mobbing-Attacken auf den Smartphones von Schülerinnen und Schülern daher. Die Aussagen sind nicht nur beleidigend. Sie flössen Angst ein, sie belasten die Opfer psychisch bis an den Rand des Erträglichen und manchmal darüber hinaus. Betroffene fühlen sich verfolgt in jeder Minute, bedrängt in jedem Moment. Die wenigsten vertrauen sich ihren Eltern an. Sich blossstellen möchte niemand. Opfer sein auch nicht.

Andere Dimension von Mobbing

Marcus Corai von der Fachstelle Prävention bei der Kantonspolizei Graubünden: «Lehrer gucken weg, Eltern sind ahnungslos. Mobbing habe es früher auch schon gegeben, höre ich an Elternabenden. Das stimmt, aber die Dimension ist eine ganz andere. Während die Attacken sich damals auf den Schulweg oder auf den Pausenplatz beschränkten, gehen sie heute nach der Schule erst richtig los. Facebook statt Mathebuch, WhatsApp statt Turnverein. Mobbing ist, als ob es nachts um zwei an der Haustür klingelt, 100 Schülerinnen und Schüler draussen stehen und rufen ‹Häng dich auf, du Schlampe!›. Die Gemobbten können sich der psychischen Gewalt kaum entziehen. Die Schule wird zum Horror, die Freizeit noch mehr. Sich einfach von den Gruppen-Chats verabschieden, ist keine Lösung, denn ausgeschlossen sein ist das Schlimmste.»

Kein Kavaliersdelikt

Alle kann es treffen. Sie werden Täter, sie werden Opfer. Man sieht es ihnen nicht an. Dass Mobbing-Angriffe nichts mit Spass zu tun haben und auch kein Kavaliersdelikt sind, ist den Jugendlichen meist nicht bewusst. Mobbing ist Gemeinsein, Mobbing ist Ärgern, Mobbing ist Angreifen und Schikanieren. Es ist jene körperliche oder seelische Gewalt, die unter Jugendlichen am meisten vorkommt. Mitten unter uns. Jeden Tag. Auf den sozialen Plattformen geht das blitzschnell. Der Gemobbte wird innert Minuten mit üblen Nachrichten vollgemüllt und so vor der ganzen Chat-Gruppe blossgestellt. Marcus Corai: «Es ist die Wiederholung der perfiden, kleinen Dinge, die das Mobbing ausmacht und die den Jugendlichen mit der Zeit zerstört. Wie jenen Schüler, dessen WhatsApp-Profilbild heruntergeladen, manipuliert und dann via Gruppen-Chat allen zugänglich gemacht wurde. In der Schule wurde er ausgelacht und niedergemacht. Oder jene Schülerin, der im Gruppen-Chat eine Affäre mit einem Mitschüler angedichtet wurde. Solche Dinge klingen harmlos, sind aber für die Jugendlichen – besonders auf dem pubertären Weg zum Erwachsenwerden – sehr schlimm.»

Oft wird zu lange gewartet

Oft wird zu lange gewartet, tatenlos zugeschaut. «So was macht meine Tochter nicht», schützen ahnungslose Eltern ihren Nachwuchs. Logisch. Zu Hause benimmt sie sich normal. Gebet am Mittagstisch, Musikunterricht am Nachmittag, dem Papa beim Bügeln helfen, weil die Mutter heute Nachmittag Job-Sharing macht. Bio-Gemüse im Garten, anti-autoritär in der Wohnstube. Heile Welt. Vermeintlich. Denn die Oberhäupter der Familien wissen nicht, was ihre Kinder treiben, wenn sie ausser Haus sind. Da verwandelt sich manch ein Schäfchen in einen bösartigen Wolf. Und Achtung: Die fiesen Psycho-Spielchen sind unter Mädchen verbreiteter. Jungs regeln das anders.

Zahl der Fälle massiv gesunken

Die Kantonspolizei Graubünden geht in den Schulstuben aktiv und erfolgreich gegen Mobbing vor. Die Zahl der Fälle ist seit dem Eingreifen der Polizei massiv gesunken. Prävention ist der Schlüssel zum Erfolg. Marcus Corai: «Wir gehen direkt in die Klassen. Ohne die Mithilfe der Schule geht es nicht, selbst wenn die Dinge in der Freizeit passieren. Letzthin kam die Schulleitung einer kleinen Schule auf uns zu. Ein Mädchen werde gemobbt. Kein Mauerblümchen, sondern hübsch, intelligent. 13 Jahre alt. Ich ging in die Klasse und fragte die Schülerinnen und Schüler, wer schon einmal gemobbt habe. Ausser mir streckte niemand auf. Ich fragte, wer schon einmal gemobbt wurde. Ausser mir streckte wieder niemand auf. Doch ich merkte: Einigen Schülerinnen war es nicht wohl. Da stand auf einmal nicht der Lehrer, sondern ein Hüter des Gesetzes vor ihnen. Im Verlaufe der Lektion konnte ich aber schnell ausmachen, wer Täter und wer Opfer ist.» Aggressor war ein unscheinbares Mädchen. Sie stiftete die Klassenkameradinnen nach und nach an, missbrauchte sie für ihre Zwecke. Wie sich später herausstellte aus Frust, Neid und Missgunst. «Ich möchte auch mal so schön sein wie Du», hatte die Täterin zwei Jahre zuvor ihrem Opfer ins Poesiealbum geschrieben. «Aus Angst, selber unter die Räder zu kommen, hatten sich die anderen Mädchen der Aggressorin angeschlossen. Das ist ein typisches Verhalten.»

Mit der Polizei über Mobbing reden

Dann mussten ihm die Schülerinnen und Schüler Beispiele von Straftaten auflisten. «Mobbing wird interessanterweise immer genannt, und ich nehme den Ball dann auf: ‹Was macht ihr, wenn es euch nicht gutgeht?› Die Antworten waren Töffli fahren, Schoggi essen, mit jemandem reden. Dort hake ich ein und sage, dass man über Mobbing auch mit der Polizei reden kann. Ohne Protokoll, ohne Strafanzeige. Und ich mache klar, dass ich erst helfen kann, wenn Betroffene tatsächlich zu mir kommen. Die Befürchtung, es werde schlimmer, wenn man es der Polizei meldet, ist unbegründet. Ganz im Gegenteil. Sobald ein Mobbing-Opfer merkt, dass ihm geholfen wird, wird es stark. Und wenn der Aggressor von neutraler Seite entlarvt wird, atmet die ganze Klasse auf.»

«Im Verlaufe solcher Klassenbesuche gehe ich auch auf die Frage ein, was eine Gesellschaft ist, wie sie funktioniert, dass alle ein Teil der Gesellschaft sind, und dass Respekt ein wichtiges Element des Zusammenlebens ist. Ich frage: ‹Wann habt ihr das letzte Mal danke gesagt fürs Mittagessen? Wann habt ihr eure Mutter das letzte Mal in die Arme genommen?› Ich zeige nicht mit dem Finger auf die Schülerinnen und Schüler. Ich werte nicht, ich verurteile nicht. Ich berichte nur über die Regeln der Gesellschaft, sage, dass Regeln eingehalten werden müssen. Und dass die Polizei eingreift, wenn man die Regeln verletzt. Ich mache klar, dass die Polizei selbst bei Mobbing vor einem Strafverfahren nicht zurückschreckt, damit der Terror aufhört.»

Wenn Gespräch mit Täter nichts nützt, folgt Anzeige

Wenn die Klasse so weit ist, folgt der entscheidende Schritt. Marcus Corai zeigt, wie der oder die Fehlbare wieder auf den rechten Weg kommen kann und bemüht dazu Wilhelm Tell. «Stellt euch vor, der Polizist hat zwei Pfeile im Köcher. Der erste Pfeil symbolisiert das Gespräch mit dem Täter. Ohne Anzeige. Nützt das Gespräch, ist alles gut. Der zweite Pfeil hingegen symbolisiert die Strafanzeige. Diesen Pfeil schiesst der Polizist nur ab, wenn der erste keine Wirkung zeigt. Es liegt nun am Aggressor selber, ob er die Botschaft des ersten Pfeils verstehen möchte. Ich mache den Jugendlichen nett, aber bestimmt deutlich, dass der zweite Pfeil im Köcher der Polizei schärfer schiesst. Und dass der Polizist beim zweiten Mal garantiert trifft. Via Mobbing-Protokoll des Geschädigten und via Einvernahme. Die Angezeigten werden von uns vorgeladen. Es werden auch andere Schülerinnen und Schüler befragt. Dann gibt es einen Bericht an die Jugendanwaltschaft. Wir möchten den Jugendlichen aufzeigen, dass solch ein Tun Konsequenzen hat. Ich spinne das Beispiel mit Tell weiter und sage, es gibt die Autobahn des Lebens. Manche verlassen diese Bahn und begehen Straftaten. Es gibt auf dieser Autobahn aber auch Einfahrten. Über diese Einfahrten kann man wieder auf die richtige Bahn kommen. Einer, der mobbt, hat die Autobahn verlassen. Ich lade diese Person dann ein, ab diesem Moment über die Einfahrt auf die richtige Bahn zurückzukommen und mache deutlich: Alles, was jetzt kommt, wird verzeigt.»

Aus Sexting kann Mobbing werden

Zum Schluss spricht Corai ein ganz delikates Thema an: Sexting. Sexting ist alles, was mit sexuellem Inhalt – Fotos und Messages – über das Smartphone verschickt wird. In jugendlichen Kreisen erlebt Sexting Hochkonjunktur. Das Problem: Aus Sexting kann Mobbing werden, wenn das Material missbraucht wird. Ohne es zu wissen, bewegen sich die Jugendlichen schnell einmal im Bereich der Pornografie. Beispiel: Das Mädchen hat sich unsterblich in einen Mitschüler verliebt, der sagt: «Du kannst meine Freundin sein, wenn du mir ein Nacktfoto schickst.» Wenn es ihn als Freund will, erfüllt das Mädchen den Wunsch. Und was macht der Typ? Er prahlt mit den Fotos vor seinen Kollegen. Vielleicht ohne böse Absicht. Dass der Junge die Fotos in der Schule herumzeigt, ist dem Mädchen in diesem Moment nicht bewusst. Marcus Corai zur Klasse: «Ihr verschickt solche Bilder. Würdet ihr aber auch füdliblutt in die Schule gehen? Dann beginnen viele zu kichern.» Von Sexting sind vor allem Mädchen betroffen. Bei Jungs kursieren Pornofilmchen, die aus dem Netz verbotenerweise heruntergeladen und weiterverbreitet werden. «In beiden Fällen tut Aufklärung Not. Solche Jugendsünden können schon bei der Stellensuche zum Problem werden. Dann nämlich, wenn der Arbeitgeber sich über den Bewerber oder die Bewerberin via Internet schlau macht. Und auf einmal steht er oder sie ohne Hosen da, denn das World Wide Web vergisst nichts.»

 

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Marcus Corai von der Fachstelle Prävention bei der Kantonspolizei Graubünden kennt die Mechanismen, die in der Schule zum Mobbing via Smartphone führen. Und er weiss, wie man sie durchbricht.