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Trauer trägt Kraft in sich

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Warum ist Trauer notwendig für das Überleben? Trauerbegleiterin Petra Wagner über die heilende Kraft der Tränen.

Wir nehmen ständig Abschied. Jeden Tag. Von Projekten, die abgeschlossen sind, von der Kindergartenzeit der Kinder, die nun zur Schule gehen, von Menschen, die unsere Wege kreuzen und denen wir vielleicht nie wieder begegnen.

Wir nehmen Abschied von unserer Jugend, von unserer Gesundheit, von einer Reise, die wir aus irgendwelchen Gründen plötzlich nicht mehr antreten können. Wir müssen Abschied nehmen von Gewohnheiten und von Träumen. All das passiert tagtäglich, meistens jedoch unbewusst. Eigentlich stecken wir immer in Abschieds- und somit Trauerprozessen, denn zwischen Abschied und Neubeginn liegt die Trauer.

Trauer gehört zum Leben dazu. Doch nur bei Ereignissen, die uns aus der Bahn werfen, wird uns das bewusst. Wir durchleben die Trauer intensiver. Wir versuchen, das Ereignis zu verarbeiten, zu überwinden und doch können wir nur lernen damit zu leben. Und dafür brauchen wir die Trauer, die Trauerarbeit und vor allem die Trauerzeit, den Raum für alle Gefühle und Empfindungen und die individuelle Unterstützung von aussen. Nur dann können wir weiter gut durch das Leben laufen und sind stärker bei der nächsten Herausforderung, die ganz sicher einmal kommt.

Trauer ist allgegenwärtig. Sie ist nötig für das Überleben. Sie bereitet den Weg der Verarbeitung und für Neues. Trauer ist vielfältig und macht vielen Menschen Angst. Den Betroffenen wegen dem möglichen Kontrollverlust. Den Aussenstehenden, weil sie selten wissen, wie sie mit Trauernden umgehen sollen. Es ist wichtig, dass beide Seiten immer miteinander im Gespräch sind. Die Betroffenen sollten sagen, wann sie etwas brauchen. Doch meistens ist ihnen das nicht möglich, weil sie es selbst nicht wissen. Die Aussenstehenden sollten sich zurückhalten mit gutgemeinten Ratschlägen nach dem Motto «andere Mütter haben auch schöne Söhne…» , sondern immer wieder fragen, ob und was sie tun können. Doch auch die Signale von Trauernden, dass sie in Ruhe gelassen werden möchten, sollten unbedingt respektiert werden.

Trauer hat weder Raum noch Zeit in der Gesellschaft. Dabei trägt sie die Kraft in sich, die wir brauchen, um nach einem Ereignis wieder auf die Beine zu kommen und weiter gehen zu können. Wir können uns nicht langfristig vor ihr verschliessen. Sie wird uns sonst immer wieder einholen. Trauer ist überwindbar. Wer sie übersteht, fühlt sich stärker und befreiter. Im Laufe der Zeit werden mit Sicherheit wieder Momente von Trauer hochkommen, beispielsweise bei Jahrestagen. Das ist völlig in Ordnung. Und sicher kommen neue Erlebnisse dazu, die uns in weitere Trauerprozesse stürzen. Vielleicht können wir sie dann ein wenig besser verkraften, da wir ja nun ein bisschen besser wissen, was alles auf uns zukommt. Es ist wichtig sich trotz all der Heftigkeit immer wieder darauf einzulassen. Nur das wird uns langfristig helfen.

Trauer ist seelischer und auch körperlicher Schmerz. Alles bäumt sich auf gegen das oftmals Unfassbare, gegen den Abschied, gegen das Loslassen müssen. Von was und wem auch immer. Trauer hat viele Gesichter und in erster Linie tut sie weh. Sehr weh! Sie nimmt uns – gerade zu Beginn – die Luft zum Atmen, sie lähmt unseren Körper. Wir befinden uns in einem Schockzustand, welcher auch ein Schutzmechanismus unseres Körpers ist, damit wir nicht völlig durchdrehen. Wir schalten auf Funktionalität und fühlen oft erst einmal gar nichts. Vielfach leugnen wir auch das Geschehene, weil es so unfassbar ist, wenn ein Nahestehender plötzlich nicht mehr nach Hause kommt. Wir versuchen uns einzureden, dass er auf eine Reise gegangen ist. Diese Phase ist – aufgrund von langjährigen Forschungen von Elisabeth Kübler-Ross – der Beginn eines Trauerprozesses.

Nach dem langsamen und manchmal auch qualvollen Auftauen kommen die unterschiedlichsten Gefühle und auch Gedanken jetzt richtig an die Oberfläche. Wir realisieren so langsam das Geschehene. Der Schmerz wird fassbarer und erlebbarer, und genau dieses Erleben gehört zur Trauer. Wir weinen, wir klagen, wir jammern und schreien auch mal ganz laut. Wir sind ängstlich, wütend, deprimiert, fühlen uns verlassen und völlig hilflos. Wir sind fassungslos und oft auch atemlos. Der seelische Schmerz kann eine spürbare tiefe Leere im Inneren sein. Der körperliche Schmerz zeigt sich manchmal durch ein Ziehen im Brustkorb beim Atmen oder durch einen verspannten Rücken.

So beginnt die Trauer. Sie ist manchmal grausam und sehr kräftezehrend. Doch wenn wir sie durchlaufen, wenn wir uns Zeit und Raum für sie nehmen, wird sie uns langfristig mit neuer Energie versorgen. Weinen kann befreiend und erleichternd sein wie auch sich alles von Körper und Seele in einer Gruppe erzählen oder in ein Tagebuch schreiben. Gespräche mit anderen, die in erster Linie mal nur zuhören oder einfach mal die Hand halten sollten, können Trost spenden und manchmal ein klein wenig lindern. Niemand kann uns jedoch unsere Gefühle und Gedanken abnehmen, aber es tut gut zu wissen, dass wir diese äussern können und damit auch ernst und vor allem wahrgenommen werden. Es ist gut zu wissen, dass wir mit unserer Trauer, mit den ganz unterschiedlichen und oft sehr beängstigenden Empfindungen nicht alleine sind.

Wir können und dürfen Trauer nicht verhindern, wir können sie nicht umgehen. Sie wird uns sonst immer wieder einholen und bei jedem weiteren Verlust werden wir im schlimmsten Fall noch tiefer stürzen. Daher ist ein soziales Netz im Bedarfsfall auch mit professionellen Helfern sehr hilfreich.

Gerade in der zweiten Phase eines Trauerprozesses ist die Gefahr des völligen Kontrollverlustes sehr gross, denn es geht um Gefühle, zum Beispiel um den Zorn. Wir wollen das Geschehene nicht wahrhaben und sind wütend darüber, dass wir etwas oder jemanden verloren haben respektive wir verlassen worden sind, es mal wieder uns so richtig getroffen hat. Wir sind wütend, weil wir es nicht verhindert haben, was wir ja meistens auch gar nicht können. Uns ist nicht oft bewusst, dass der Abschied den wir beispielsweise von einem Familienmitglied oder einem Freund nehmen, vielleicht der letzte ist, weil entweder uns etwas Schlimmes passiert oder eben dem besagten Mitmenschen.

Trauer ist auch wichtig für den Umgang mit dem körperlichen und seelischen Schmerz. Sie hilft uns beim Loslassen, beim Abschied nehmen. In der dritten Phase fangen wir an mit dem Schicksal zu verhandeln: «Wenn mein Mann wieder zu mir zurückkommt, werde ich ein besserer Mensch.» usw. Auch das ist wichtig für den gesamten Trauerprozess. Natürlich wissen wir im tiefsten Innersten, dass wir das Geschehene nicht rückgängig machen können und auch wenn wir etwas oder jemanden ersetzen wird es die Wunde nicht wirklich schliessen. Das kann nur der Trauerprozess. Bestimmt kann man sich neu orientieren, beispielsweise eine neue Arbeitsstelle finden, sich neu verlieben etc.. Es erleichtert sicherlich den laufenden Trauerprozess und beschleunigt diesen vielleicht sogar, aber nach meinen Erfahrungen ist man wirklich erst dann wieder ganz frei und unbelastet, wenn das Vergangene wirklich abgeschlossen ist. Dieser Abschluss ist sehr individuell. In der letzten Phasenbeschreibung werde ich darauf kurz eingehen.

Die vierte Phase ist die Depression. Jetzt wird vollends klar, dass es kein Zurück, keine Wiederkehr gibt. Es ist verständlich und für eine Zeit auch in Ordnung, dass man deprimiert ist und keinen Antrieb für irgendetwas findet. Alles erscheint vollkommen sinnlos, wenn man keine Arbeit mehr hat oder von der Frau verlassen wurde. Gerade in dieser Phase braucht es eine Menge Geduld mit sich selber und auch von Aussenstehenden, die negativen Gefühle auszuhalten. Diese Phase ist entscheidend, um aus der Trauer herauszukommen. Es braucht viel Kraft und mehrere Anläufe, um nicht in dieser Phase stecken zu bleiben. Es braucht Zeit und neue Rituale, Ideen für ein Weiterkommen.

Dann und nur dann ist der Übergang in die letzte Phase möglich: Wir lernen mit dem Verlust zu leben, wir stimmen diesem zu und wir vergessen diesen nie. Irgendwann kommen wir an den Punkt, wo wir merken, jetzt ist gut und genug. Jetzt möchte ich wieder nur nach vorne sehen und mir überlegen, wie ich mein Leben ohne…ausrichten und einrichten kann. Jetzt überlege ich, wie ich für mich einen guten endgültigen Abschied zelebriere, indem ich beispielsweise einen Brief schreibe. Natürlich werde ich auch weiterhin an den Verlust denken, und er wird mir bestimmt auch wieder einen Stich geben oder mich weinen lassen. Das ist in Ordnung und irgendwann werde ich mich daran erfreuen können, dass ich überhaupt diesem Menschen begegnet bin, dass ich überhaupt diesen spannenden Job machen konnte oder vielleicht bin ich dann auch heilfroh, dass ich meinen Job verloren habe, da ich endlich jetzt das machen kann, was ich schon immer machen wollte. Solche Erkenntnisse entstehen nur in einem Trauerprozess. Ein Grund mehr, sich unbedingt darauf einzulassen, so unschön und steinig dieser gerade am Anfang sein mag.

Trauer ist schwer, aber entscheidend für das weitere Fortkommen. Es lohnt sich, diese Zeit bewusst zu durchlaufen, sie sich zu nehmen und zu akzeptieren. Nichts wird mehr sein, wie es vorher einmal war. Nichts wird durch Trauer vergessen, im Gegenteil. Die Trauer hält das und vor allem uns am Leben und schenkt uns neue Kräfte und Ideen für unser persönliches Weiterleben. Niemand braucht und sollte in diesen unvermeidlichen Prozessen alleine sein. Halten Sie frühzeitig nach Unterstützungsmöglichkeiten Ausschau, um immer wieder weich zu fallen.

Ich möchte auf unseren eigenen grossen Abschied zu sprechen kommen. Wer mag schon gerne daran denken, geschweige denn sich damit auseinandersetzen. Aber auch das ist meiner persönlichen Meinung nach unvermeidlich.

Sie tun nicht nur sich einen grossen Gefallen mit dem Wissen, dass alles geregelt ist sondern auch ihren Angehörigen. Es ist sehr schlimm für einen Ehemann, nicht zu wissen, ob die Frau ihre Organe spenden will oder lebenserhaltende Massnahmen wünscht. Schreiben Sie auf, wie Sie beerdigt werden wollen, mit Trauerfeier oder ohne. Regeln Sie Ihren Nachlass frühzeitig und hinterlegen Sie unbedingt eine Patientenverfügung, damit wirklich alles für den Ernstfall klar kommuniziert ist und alle wissen, was sie zu tun haben. Wer soll wirklich angerufen werden, wenn Sie verunfallen? Möchten Sie in einem Krankenhaus oder Hospiz oder Zuhause sich auf Ihre letzte Reise begeben?

Ich habe Menschen begegnen dürfen, die im Laufe einer todbringenden Erkrankung erkannt haben, dass sie tatsächlich sterben werden und die dann ihre Trauerfeier vom Text der Traueranzeige bis hin zur Grabrede alles selbst konzipiert und organisiert haben. Viele sind dadurch ruhiger und friedlicher für immer eingeschlafen und die Hinterbliebenen waren mehr als erleichtert und konnten sich mit ihrer Trauer intensiv auseinandersetzen.

Tod und Trauer, Trauer und Tod sind Themen die zum Leben dazu gehören und ebenso aufmerksam beachtet werden müssen wie das Leben selbst. Es sind keine leichten Themen und keine leichten Aufgaben, doch auch diese sind lösbar und hilfreich für uns und für unser weiteres Leben.

Petra Wagner begleitet seit über 15 Jahren Menschen und Gruppen in den unterschiedlichen Veränderungsprozessen. Neben ihren vielseitigen Ausbildungen nutzt sie vor allem ihre grossen persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Schwerstkranken, pflegenden Angehörigen, Arbeitssuchenden und Alleinerziehenden. Sie bietet Einzel- und Gruppengespräche sowie Impulsvorträge und Seminare an, entweder zur Prävention, bei einem aktuellen Ereignis oder auch längere Zeit danach.

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