Arbeit in der Kälte
Frostbeulen, Unterkühlung oder sogar Erfrierung, erhöhtes Risiko für Thromboembolien.
An einer Bushaltestelle ein paar Minuten zu frieren, ist zwar unangenehm, schadet aber wohl niemand. Ganz anders, wenn jemand beruflich oder in der Freizeit über längere Zeit oder sogar regelmässig Kälte, Wind und Regen ausgesetzt ist. Dann leidet womöglich nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch die Gesundheit. Die Gefahren, die von einer kalten Umgebung ausgehen, sollte man deshalb ernstnehmen und ihnen rechtzeitig entgegenwirken.
Führen wir uns zuerst vor Augen, was mit dem Körper an der Kälte passiert. Wenn der Wärmeabfluss grösser ist als die Wärmeproduktion, setzen Kompensationsmechanismen ein. Die Hautgefässe werden verengt und das Blut zu den lebenswichtigen inneren Organen geleitet, um sie vor Wärmeverlust zu bewahren. Wenn jemand schon einen labilen Kreislauf hat, kann das einen starken Anstieg des Blutdrucks verursachen. Auf der anderen Seite führt die Umverteilung des Blutes zu einer Minderdurchblutung der Haut, der Arme und Beine und des Gesichts. Hält sich jemand lange an der Kälte auf, kann es daher zu Gewebeschäden und sogar zu Thrombosen kommen.
Fällt die Temperatur unter den Gefrierpunkt, hat das auch Effekte auf andere Organe, weil sich im Gewebe Eiskristalle bilden. Das führt direkt zu einer mechanischen Schädigung der Zellen, besonders der Haut und der Nerven, zu Depigmentierung und zu Störungen der Nervenleitfähigkeit – Symptome, die noch lange Zeit weiterbestehen können, auch wenn die lokalen Hautschäden schon längst abgeheilt sind.
Die Minderdurchblutung von Haut und Extremitäten ruft nicht nur Kälteempfindungen hervor, sondern auch Einschränkungen von Beweglichkeit, Sensibilität und Geschicklichkeit. Weil gleichzeitig auch noch das Reaktionsvermögen, die Aufmerksamkeit und die Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind, steigt das Unfallrisiko.
Grundsätzlich sind alle im Freien tätigen Berufe dem Risiko einer gesundheitlichen Gefährdung durch Kälte ausgesetzt – Baugewerbe, Tiefbau, Forstbetriebe, Transportgewerbe, Skiliftbetreiber, Strassenunterhaltsarbeiter, auf oder im Wasser tätige Branchen wie Fischer, Seepolizei, Berufstaucher, Landwirtschaft, Militär, Unterhaltsarbeiten in der Gemeinde, aber auch Arbeiten in Kühl- und Lagerhäusern, wie z.B. in der Lebensmittelindustrie.
Das Risiko für Kälteschäden steigt mit dem Alter und mit dem Konsum von Beruhigungsmitteln, Schlafmedikamenten, Psychopharmaka, Alkohol und Nikotin. Eine erhöhte Gefahr geht aber auch von Krankheiten wie Diabetes, Nebenniereninsuffizienz, neurologische Erkrankungen mit Beeinträchtigung der Funktion des Hypothalamus bzw. der Zirbeldrüse oder Störungen, die zu einer Verschlechterung der Sensorik führen, eine periphere arterielle Verschlusserkrankung oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Wie sehen nun die verschiedenen Kälteschäden aus? Eine Hypothermie tritt ein, wenn die Körperkerntemperatur unter 35°C fällt. Das kann bereits bei Umgebungstemperaturen von 18°C oder bei Wassertemperaturen von 22°C erfolgen. Die Hypothermie kommt oft unbemerkt und schleichend, ohne besondere Warnsignale. Die ersten Symptome sind Schläfrigkeit, verwaschene Sprache, Reizbarkeit, Verschlechterung der Koordination, allgemeine Schwäche, Lethargie, Harndrang und eine kühle fahle Haut bzw. Gesichtsfarbe. Mit Zunahme der Hypothermie treten Gedächtnisstörungen sowie eine Abnahme des Kältezitterns auf.
Unter 30°C Körperkerntemperatur ist das Bewusstsein stark eingeschränkt, und es kann Verwirrung auftreten. Die Nervenleitfähigkeit ist verlangsamt. Die Atemfrequenz fällt auf 7 bis 10 Atemzüge pro Minute, und die Magendarmtätigkeit wird verlangsamt oder aufgehoben. Als Folge der vermehrten Harnausscheidung und des Plasmaverlustes ins subkutane Gewebe dickt das Blut ein.
In experimentellen Studien konnte gezeigt werden, dass Kälte das Risiko für hohen Blutdruck durch die Gefässverengung erhöht. Bei Bluthochdruckpatienten konnte während der Wintermonate eine leichte Erhöhung der Blutdruckwerte nachgewiesen werden.
Weiter gibt es klare Hinweise dafür, dass Kälteexposition das Risiko für thromboembolische Erkrankungen erhöht, insbesondere im Herz und im Gehirn. Herz- und Hirninfarkte sind in kalten Regionen auf der Welt deutlich häufiger. Aus diesem Grunde sollten vor allem Menschen mit vorbestehenden Gefässerkrankungen wie beispielsweise einer instabilen Angina pectoris, einer peripher-arteriellen Verschlusskrankheit oder solche mit Herzinsuffizienz nicht der Kälte exponiert werden.
Bei leichter oder moderater Hypothermie genügt es, wenn man die betroffene Person mit einer geheizten Decke oder Tüchern bedeckt oder sie in einem 40 bis 42 °C warmen Bad aufwärmt.
Hypotherme Arbeitnehmer mit einer Körperkerntemperatur unter 33 °C, die sonst gesund sind, können in einem warmen Bett oder Bad oder mittels Wärmepackungen und durch die orale Aufnahme warmer Flüssigkeit aufgewärmt werden.
Personen mit milder Hypothermie, rektale Temperaturen zwischen 30 und 33 °C, können ebenfalls passiv wiedererwärmt werden, wobei am besten geheizte, 37 °C warme Decken verwendet werden sollten. Bei Körperkerntemperaturen unter 32 °C ist das Risiko eines Herzflimmerns hoch, weshalb in solchen Fällen eine Hospitalisation notwendig ist. Wichtig: Die Einnahme von koffeinhaltigen Getränken sowie alkoholischen Getränken ist in jedem Fall zu vermeiden.
Neben diesen allgemeinen Kälteschäden gibt es aber auch lokale. Wangen, Nase, Ohrmuscheln, Finger, Zehen, Hände und Füsse sind am meisten gefährdet. Wenn die Hauttemperatur unter 25°C fällt, verlangsamt sich der Stoffwechsel, obwohl der Sauerstoffbedarf bei fortgesetzter Arbeit zunimmt. Zu Gewebeschäden kommt es bei 15°C als Folge von Minderdurchblutung und Thrombose, und ab minus 3°C setzt die Vereisung des Gewebes ein.
Bei Frostbeulen handelt es sich nicht um Erfrierungen, sondern um schmerzhafte, gerötete, juckende Hautveränderungen, die durch Entzündung des Gewebes infolge Kälte bzw. Feuchtigkeit und Kälte entstehen. Bei längerdauernder oder wiederholter Kälteexposition können akute zu chronischen Frostbeulen, im Sinne von blauen Zehen, fortschreiten. Prädisponierend für Frostbeulen sind ungeeignete, enge Kleidung und Schuhe.
Der Immersionsfuss ist eine Erkrankung des Fusses durch längere Einwirkung von Wasser, meist über einen längeren Zeitpunkt, in der Regel über 12 Stunden. Anfänglich sind die Füsse kalt und fühlen sich taub an, schwellen an und haben eine wachsweisse oder zyanotische Farbe. Zwei bis drei Tage nach Beendigung der Kälteexposition tritt die Hyperämie auf. Zusammen mit Schmerzen, Schwellung, Rötung, einem Hitzegefühl, Blasenbildung, Blutungen, Lymphangitis, Zyanosen tritt oft als Spätfolge eine Zellulitis, eine Gangrän oder eine Thrombophlebitis auf. Nach rund 10 bis 30 Tagen kann es manchmal zu intensiven Parästhesien kommen, die von einem starken Kältegefühl und übermässigem Schwitzen begleitet sind und unter Umständen über Jahre weiterbestehen können.
Bei einer Erfrierung kommt es zum Vereisen der Haut und der Unterhaut. In der Regel tritt dabei Taubheitsgefühl, Juckreiz und Brennen auf. Die Haut ist grau/weiss verfärbt und wird hart. In schweren Fällen kann zudem eine Parästhesie und Steifheit auftreten, falls tiefere Gewebestrukturen wie Muskeln, Bindegewebe, Nerven oder Knochen betroffen sind. Tiefe Erfrierungen können von Geschwüren oder Gewebeuntergang begleitet sein.
Wie lässt sich lokalen Kälteschäden vorbeugen? Die Haut ist trockenzuhalten. Es ist wichtig, feuchtetransportierende Kleidung, Gesichtsmasken, Kopfbedeckung, Ohrwärmer, Handschuhe, Socken, Fausthandschuhe, Schals und Schuhe zu tragen. Nasse oder feuchte Unterwäsche sollte schnellstmöglich gewechselt werden. Handwärmer sollten in den Taschen mitgeführt werden.
Wie werden Frostbeulen und Erfrierungen behandelt? Die Therapie zielt daraufhin, die Blutzirkulation durch Aufwärmen in warmen Räumen und durch Schutz von druckbelasteten Bereichen oder vor Traumen zu verbessern. Terazosinhydrochlorid, ein Milligramm vor dem Zubettgehen, wird als Prophylaxe der Frostbeulen empfohlen. Fehl am Platz sind Massagen, Hitze, Eispackungen oder Bäder.
Menschen mit Erfrierungen sollen von feuchten Handschuhen, Socken und Schuhen befreit werden, anschliessend muss die Extremität getrocknet und durch trockene Kleidung bedeckt werden. Die Extremität ist hochzulagern. Vorsicht, das Aufwärmen sollte nicht in Angriff genommen werden, wenn das Wiedereinfrieren wahrscheinlich ist. Bei schweren Erfrierungen, insbesondere im Zusammenhang mit einer Hypothermie, muss der Patient schnellstmöglich hospitalisiert werden.
Neben all diesen allgemeinen und lokalen Kälteschäden gibt es aber auch eine Reihe weiterer Erkrankungen, die durch Kälte ausgelöst oder verschlimmert werden. Beispiele sind Asthma und chronische Bronchitis. Bei einer vorbestehenden Arteriosklerose kann es infolge Kälte zu Herz- oder Hirninfarkten kommen. Langdauernde Kälteexposition kann zu einem Raynaud-Phänomen führen wie auch ein Hand- Arm-Vibrationssyndrom verstärken. Weitere Probleme sind Verspannungen im Bereich von Nacken, Schultern und Armen, das Karpaltunnelsyndrom sowie Kälteurtikaria.
Wie lassen sich Kälteschäden verhüten? Die Devise: Die Arbeit ist so zu gestalten, dass keine Kälteschäden auftreten können. Die Arbeitsplätze sind vor Wind und Wetter zu schützen. Durch geeignete Massnahmen ist sicherzustellen, dass die Luftgeschwindigkeit im Arbeitsbereich 0,2 m/s nicht überschreitet. Insbesondere ist Zugluft zu vermeiden. Ein wiederholter oder langer Kontakt zu kalten Oberflächen ist zu vermeiden. So sind beispielsweise Sitze oder Werkzeuge aus Metall durch solche mit geringerer Wärme- bzw. Kälteleitfähigkeit zu ersetzen.
Nach Möglichkeit sind die Arbeiten für eine wärmere Saison zu planen. Sie sollte so gestaltet werden, dass die Arbeitnehmer während der Kälteexposition immer körperlich aktiv sind und mit einer Überdachung gegen Wind und Wetter geschützt sind. Personen, die im Freien tätig sind, sollten geheizte Ruheräume aufsuchen können. Das Arbeits- bzw. Pausenreglement muss dementsprechend die Umgebungstemperatur und die Windgeschwindigkeit berücksichtigen. Zudem sollte unter Schlechtwetterbedingungen eine Personenüberwachung erfolgen. Den Aufgaben in der Kälte und mit Schutzkleidung ist genügend Zeit einzuräumen. Zum Wechseln sind ausreichend Kleidungsstücke bereitzustellen.
Die Kleidung ist so zu wählen, dass sie Schutz gegen Wind und Regen bietet, aber auch das Verdampfen von Schweiss erlaubt. Das Tragen von mehreren Kleidungsschichten wirkt einer Überhitzung entgegen. Die Isolation der Kleidung ist so zu wählen, dass die Körperkerntemperatur nicht unter 36°C fällt, falls die Arbeit in einer Umgebungstemperatur von 4°C ausgeführt wird. Keinesfalls dürfen die Kleider zu eng anliegen. Zusätzlich zum Kälteschutz für den ganzen Körper muss dem Schutz der Hände, der Füsse und des Kopfs besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Menschen, die Kältearbeit verrichten, müssen über die Probleme bei Kälte informiert werden. Der wichtigste Leitsatz: sich bewegen, sich warm und trocken halten. Alkohol und Rauchen sind ganz zu meiden. Arbeitnehmer, die der Kälte exponiert sind, müssen körperlich fit und gesund sein.








