Berufsasthma
Wer ist am meisten gefährdet? Wann ist in jedem Fall eine Prophylaxe notwendig?
Hundertfünfzig Menschen müssen in der Schweiz jedes Jahr wegen einer Atemwegsallergie ihren Beruf aufgeben und umgeschult werden. Typische Beschwerden sind Nasenfliessen und Niesreiz sowie Husten und Atembeklemmung. Am häufigsten betroffen sind Bäcker und Spritzlackierer. Mehl, Getreide und Backzusatzstoffe sowie im industriellen Bereich Isocyanate sind die wichtigsten beruflichen Allergene für die Atemwege.
Es gibt zwei Arten von allergieerzeugenden Stoffen, die hoch- und die niedermolekularen Stoffe. Die hochmolekularen sind in der Regel pflanzlichen und tierischen Ursprungs. Zu ihnen zählen Getreide, Mehle, Holzstaub, Textilstäube wie Seide oder Wildseide und Baumwolle, Gewürze, Enzyme wie die Amylase als Backzusatzstoff oder Proteasen in Waschmitteln, Latexallergene sowie Tierbestandteile. Typisch ist, dass diese Stoffe vor allem bei Menschen mit einer generellen allergischen Veranlagung, einer sogenannten Atopie, zu einem Berufsasthma führen. Es sind Personen, die auch sonst häufig an Heuschnupfen oder allergischem Asthma leiden und die schon als Kind Ekzeme, vor allem in den Gelenkbeugen, gehabt haben. Heuschnupfen- und Asthmapatienten, die beruflich solchen allergieauslösenden Stoffen ausgesetzt sein können, sollten deshalb unbedingt eine medizinische Berufsberatung in Anspruch nehmen.
Das häufigste Berufsasthma durch hochmolekulare Stoffe ist das Bäckerasthma. Eine Gefährdung geht dabei nicht nur vom Getreidemehl, sondern auch von einer ganzen Reihe von Backhilfsmitteln aus. Allergieauslöser können Enzyme wie Amylasen oder Proteasen sein. Auch andere Backhilfsmittel wie Malz, Ascorbinsäure, Soja, Lezithin sowie Emulgatoren oder Hühnereiweiss können zu Allergien führen. Für die Prävention von Bäckerallergien ist eine Reduktion der Staubkonzentration wichtig. Dazu gehören technische Massnahmen wie geschlossene Systeme und Absaugvorrichtungen, der Einsatz von grobkörnigem oder gefettetem Streumehl, die Verwendung von flüssigen oder pelletierten Backhilfsmitteln sowie bei kurz dauernden höheren Mehlstaubeinwirkungen Atemschutzmasken.
Die andere grosse Gruppe von allergieerzeugenden Substanzen sind niedermolekulare Stoffe im industriellen Bereich. Das betrifft vor allem Isocyanate in Polyurethansystemen, Epoxidharze, Kolophonium wie im Lötrauch oder in Klebstoffen, Formaldehyd, Metalle wie Kobalt in Hartmetallverbindungen, Chrom und Nickel beim Schweissen von Edelstahl sowie Platinsalze im Rahmen einer Metallveredelung. Bei Personen mit einer Atopie führen diese niedermolekularen Arbeitsstoffe zu keinem erhöhten Risiko für ein Berufsasthma.
Eine besonders gefährliche Allergie ist jene gegen Latexeiweiss. Latex ist ein Naturprodukt und wird aus dem Baum hevea brasiliensis gewonnen. Zum Schutz vor Hepatitis oder AIDS wurden vor allem in den 90er-Jahren immer mehr Latexhandschuhe produziert. Latexeiweisse können in den Puder von Latexhandschuhen übertreten und beim Einatmen direkt zu einer Allergie der Atemwege führen. Besonders gefürchtet bei einer Latexallergie sind schwere Kreislaufreaktionen.
Latex kann auch in vielen anderen Produkten zu beruflichen oder ausserberuflichen Kontakten führen. Latex kann unter anderem an Dichtungen von Atemschutzmasken, in Luftballonen, Haushalthandschuhen, Luftmatratzen, Schlauchbooten, Tauchartikeln oder Kondomen enthalten sein.
Personen mit einer Latexallergie haben oft Kreuzallergien gegenüber anderen Stoffen. Sehr häufig ist eine Allergie gegenüber Ficus benjamina, einer bekannten Zimmerpflanze. Kreuzallergien können auch beim Essen von Nüssen, Ananas, Kiwi, Bananen oder Avocado auftreten. Zum Glück konnte die Zunahme von Latexallergien Ende der 90er-Jahre durch verstärkte Information und Prävention gestoppt werden.
Die Suva hat bei Patienten mit Isocyanatasthma nach Beendigung der Exposition Verlaufskontrollen durchgeführt. Die Prognose eines Isocyanatasthmas ist nicht günstig, auch wenn der Patient seine Arbeit wechselt. Bei einem Drittel der Patienten kam es zu einem chronischen Verlauf und nur bei zwei Dritteln zur Abheilung. Deshalb ist bei industriellen Auslösern wie Isocyanaten, Epoxidharzen oder Metallsalzen in jedem Fall eine Expositionsprophylaxe und meistens auch eine Umschulung notwendig, da es sonst zu einem bleibenden Asthma kommen kann. Bei Floristen, Bäckern oder Tierlaboranten ist die Prognose in der Regel besser. Nach einem Berufswechsel heilt das Asthma in den meisten Fällen ab. Da die Prognose vor allem von der Dauer der Exposition abhängt, ist bei jedem Verdacht auf ein Berufsasthma eine rasche Abklärung nötig.








