Zukunftsstudie
Im Auftrag der Suva entwickelten führende Zukunftsexperten Szenarien, die aufhorchen lassen.
Die Zukunftsstudie 2029 im Auftrag der Suva hat Trends und Entwicklungen aufgespürt, die in naher Zukunft zu neuen oder veränderten Unfall- und Gesundheitsrisiken führen können, die aber auch neue Präventionsmöglichkeiten eröffnen. Das wichtigste vorweg: Die Experten sind sich einig, dass das tägliche Leben immer komplexer und komplizierter wird. Nicht alle werden es schaffen, mit den neuen Herausforderungen zurechtzukommen. Viele Menschen werden Unterstützung brauchen, sei es in Form von Coaching, durch Computer oder sogar Roboter.
Wie kommt das? Die Kommunikationsdichte und die Anzahl Kommunikationspartner werden stetig zunehmen. Die Informations- und Kommunikationstechnologie wird unseren Alltag noch mehr beherrschen. Die Optimisten unter den Forschern gehen sogar davon aus, dass sich die nächste Generation die Kommunikationstechnik in den Körper implantieren lässt. Sicher ist, dass sich die Welt und das tägliche Leben noch weiter beschleunigen. Die technische Beschleunigung, aber auch der rasche soziale Wandel und das schnellere Lebenstempo führen dazu, dass die Welt um uns herum zu rasen scheint.
Zur Beschleunigung kommt noch die Flexibilisierung dazu, und zwar in Beruf und Freizeit. Dem Erwerbstätigen wird auf allen Stufen mehr unternehmerische Verantwortung aufgebürdet. Er muss sein eigenes Portfolio aus Talenten und Erfahrungen schärfen. Im Vordergrund steht die Fähigkeit jedes Einzelnen, seine Einzigartigkeit in einem harten Wettbewerb auf den Arbeitsmarkt zu tragen. Deshalb wird der Leistungsdruck in Unternehmen zwangsläufig zunehmen.
Auf der anderen Seite werden deutlich weniger Erwerbstätige eine feste Anstellung haben, sondern selbständig sein, als Tagelöhner im Informationszeitalter. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit werden zunehmend verwischt. Grund dafür ist ein vermehrtes Arbeiten von zu Hause aus, aus Cafeterias, Pärken und ähnlichem. Genau terminierte Arbeit wird abnehmen oder ausgelagert werden. Es wird immer mehr Jobs geben, bei denen man nicht genau weiss, wann man arbeiten muss. Die Menschen werden aber auch bei der Arbeit einfordern, was in der Freizeit selbstverständlich ist: Spass, Selbstverwirklichung, soziale Kontaktchancen und Souveränität etwa bezüglich Zeiteinteilung.
Das ist aber nur die eine Seite. Ich-AGs führen zu neuen Gesundheitsrisiken. Heimarbeiter arbeiten vermehrt isoliert und überarbeiten sich öfter, weil sie abends oder nachts, an Wochenenden und an Feiertagen tätig sind. Mangelnde Arbeitszeitkontrolle führt aufgrund von ständiger Verfügbarkeit und Erreichbarkeit zu stressbedingten Krankheiten, aber auch zu ungesunder Ernährung und zu sozialen Problemen mit der Familie oder dem Partner. Infolge der Verdichtung der Arbeitsprozesse kommt es zu einer Auflösung der Grenzen zwischen Beruf und Freizeit.
Die Beschleunigung und die Flexibilisierung werden zu einem Anstieg von Beschleunigungskrankheiten wie Depressionen und Burnout sowie sozialer Desintegration führen. Vorherrschendes Symptom wird das Gefühl von Zeitknappheit, des Gehetztseins und von Stress werden. Aufgrund des höheren Stressniveaus und des Gefühls der Überforderung werden psychosoziale und psychosomatische Erkrankungen die grösste Gefahr unter den Berufserkrankungen werden und wichtiger sein als Lärm, Staub oder Maschinen.
Die Technik hilft uns zwar, viele Dinge schneller zu erledigen. Technologie tritt denn auch mit dem Versprechen an, Zeit zu sparen. Ein E-Mail ist schneller verfasst und schneller beim Empfänger als ein Brief. Allerdings resultiert daraus selten ein spürbarer Zeitgewinn, weil sich gleichzeitig auch der soziale Wandel beschleunigt und von ihm mehr als aufgebraucht wird. Die Halbwertszeit von Wissen und Erfahrungen im sozialen Geschehen verkürzt sich laufend. Dinge werden schneller erledigt, gleichzeitig bearbeitet, Pausen eingespart usw. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer kann sich gerade mal elf Minuten einer Aufgabe widmen, bevor er von einem E-Mail oder einem Anruf unterbrochen wird. Untersuchungen zeigen, dass nach einer Unterbrechung die betreffende Person nicht sofort wieder zur ursprünglichen Tätigkeit zurückkehrt, sondern in der Regel zuerst zwei andere Dinge erledigt. Im Schnitt dauert das 25 Minuten. Erst nach weiteren acht Minuten konzentriert sich jemand wieder auf die ursprüngliche Aufgabe – und kann dann gerade mal drei Minuten arbeiten, bis die nächste Unterbrechung folgt. Diese ständigen Unterbrechungen zehren nicht nur an der Substanz jedes Einzelnen, sondern richten auch enormen wirtschaftlichen Schaden an.
In den Unternehmen führen die immer grösser werdenden Belastungen zu höheren Fluktuationsraten. Das «Corporate-Memory» schwindet. Erfahrungen in Betrieben –inklusive solcher zur Vermeidung von Berufskrankheiten und Unfällen – werden kleiner. Durch wachsende soziale Ungleichheit in der Gesellschaft verstärken sich schichtspezifi sche Erkrankungen. So ist das Diabetesrisiko in unteren gesellschaftlichen Schichten bis zu sechs Mal höher als bei sozial besser gestellten. Aufhorchen lässt auch die Prognose der Experten, dass erwerbstätige Menschen deutlich schneller altern werden als die Gesamtbevölkerung. Zu rechnen sei mit der Zunahme von Verschleisserkrankungen und psychosozialen Störungen wie Rückenproblemen, Allergien und Burnout. Zudem würden diese Gesundheitsprobleme angesichts der immer flexibleren und schnelleren Arbeitswelt früher auftreten.
Die Zukunftsstudie 2029 zeigt noch weitere Entwicklungen auf. In westlichen Gesellschaften kommt es zur Teenagerisierung. Junge Menschen entziehen sich möglichst lange grosser Verantwortung, zum Beispiel einer Familiengründung, während die neu Pensionierten in eine zweite Teenager-Phase eintreten. Deshalb werden sich die Freizeitaktivitäten künftiger Senioren jenen der Jugend angleichen, was eine steigende Zahl von Unfällen zur Folge haben wird.
Insbesondere bei jungen Menschen komme es zu einer eigentlichen «Glücksjagd». Sie würden Anspruch erheben auf ein gelungenes Leben und hätten dazu das Zappen als Lebensstil verinnerlicht. Sie zappen die Partner, die Arbeitswelt, den Beruf und den Arbeitgeber. Ihre Berufswerte gleichen den Freizeitwerten. Sie wollen Entdeckungen machen, etwas erleben, Spass haben und ihre Grenzen ausloten. Damit sei aber ein zunehmender psychologischer Stress verbunden. Um ihren eigenen und denjenigen der Gesellschaft zu entsprechen, komme es zum Phänomen des «Human Performance Enhancement», also der Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit. Deshalb werde die Medikamentisierung von Menschen in anspruchsvollen und stressigen Berufen stetig zunehmen. Sie werden vermehrt zu frei erhältlichen und unbekannten Medikamenten zum Beispiel aus dem Internet greifen, die ihnen helfen, mehr Leistung zu erbringen und Stress und Druck auszuhalten. Im Vordergrund stehen Lifestyle- Medikamente, die Aufmerksamkeit, Konzentration, Entscheidungsfreude, aber auch Stimmungen regulieren. Aufgrund der Wechselwirkungen der verschiedenen Wirkstoffe können nicht nur weitgehend unbekannte und rätselhafte Gesundheitsstörungen entstehen. Es besteht auch die Gefahr, dass die körperliche und seelische Gesundheit labiler wird und auf Dauer zu lebensbedrohenden Krankheiten führt.








