Jetzt sind Sie am Ball
Packen Sie Ihre Frau oder Ihren Mann am Arm, holen Sie ein paar Kinder und einen Ball.
Bewegungsmangel prägt unsere Gesellschaft, von jung bis alt. Er umgibt uns im Kindesalter, in der Schule, im Alltag, im Beruf. Statt mit Fortbewegung aus eigener Kraft findet Kommunikation im Sitzen und auf elektronischem Weg statt – mit schlimmen Folgen für die Gesundheit.
Die zivilisatorische Entwicklung des Menschen im letzten Jahrhundert wird durch einen entscheidenden Faktor geprägt: den Bewegungsmangel. Vom eigenen Sitzpunkt aus – von Standpunkt aus kann beim notorischen Sitzer heute leider nicht mehr gesprochen werden – ist Kommunikation mit dem hintersten Winkel der Welt in Sekundenschnelle per Mausklick möglich. Ohne einen einzigen Schritt zu tun. Vom ausdauernden Jäger und Sammler ist der Mensch zum Langsitzer geworden, mit übergewichtigen Folgen für seine Gesundheit.
In den Urzeiten unseres Daseins war der Mensch ein noch sehr unruhiges Wesen: Auf der Suche nach Nahrung musste er täglich locker eine Marathondistanz zurücklegen. Vom Luxus, sich Fettreserven anzulegen, konnte der Urmensch nur träumen… Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ein Mensch im Durchschnitt knapp 20 Kilometer pro Tag zu Fuss unterwegs. Immer noch waren gut 90 Prozent der aufgenommenen Nahrungskalorien zur Deckung der Bewegungsenergie aufzuwenden. Der Speisezettel war geprägt von Fasern und Kohlenhydraten, die Kartoffel war damals ein unentbehrliches Hauptnahrungsmittel. Fettige Speisen, zum Beispiel ein währschafter Braten, galten zu jener Zeit als ein Segen Gottes.
Allen, die das Glück haben, in einer industrialisierten, sogenannt zivilisierten westlichen Gesellschaft zu leben, geht es heute – zumindest kulinarisch – vermeintlich gut: Um den Hunger zu stillen, reicht der Weg zum Kühlschrank oder bestenfalls zum Kaufhaus oder ins Restaurant. Auch das Angebot an Berufen ist mit einem drastischen Rückgang der Bewegungskalorien verbunden. Statt ein Dutzend Kilometer zu Fuss zurückzulegen, beschränkt sich der Aktionsradius des modernen Menschen auf das magische Dreieck Computer–Kühlschrank–Fernseher. Da kommt täglich bestenfalls eine Distanz von knapp einem Kilometer zusammen, nachweisbar durch das Anlegen von Schrittzählern an Testpersonen, zum Beispiel von Büroangestellten. Aus präventivmedizinischer Sicht wären 8000 bis 10 000 Schritte pro Tag wünschenswert und notwendig. In Tat und Wahrheit legen die meisten Menschen aber nur noch 1000 bis 3000 Schritte pro Tag zurück.
Das veränderte Bewegungsverhalten bleibt nicht ohne Folgen: Die mangelnde Nutzung unseres Bewegungsapparates hat kostspielige gesundheitliche Konsequenzen, die sich auf verschiedenen Ebenen bemerkbar machen: Störungen des Fettstoffwechsels – erhöhte Blutfette, Übergewicht, Arteriosklerose – und des Zuckerstoffwechsels – sprich Diabetes – Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Muskel und Knochenschwund, psychische Probleme, Befindlichkeitsstörungen und so weiter. Statt einer guten Ausdauer wird die Leistungsfähigkeit dauerhaft auf «Aus» geschaltet.
Dabei wären die gesundheitlichen Wirkungen ausdauerbetonter Aktivität enorm vielschichtig. Das vegetative Nervensystem, für die meisten unwillkürlichen Regelkreise von Herz, Kreislauf, Verdauung, Schlaf, Erholung usw. zuständig, verschiebt seine Ruhelage von der stressgezeichneten, stimulierenden und die Körpersubstanz abbauenden sympathischen Aktivität hin zur beruhigenden, Erholung fördernden, energieaufbauenden parasympathischen Aktivität. Besserer Abbau von Stresshormonen, ausgeglichenere Stimmungslage und höhere Stresstoleranz sind die Folge. Ein tieferer Blutdruck und Puls in Ruhe und unter Belastung sind Zeichen der Ökonomisierung der Herzarbeit. Steigerung der Insulinempfindlichkeit, bessere Verwertung von Fetten und Zuckern und Optimierung der Blutfette wirken gefässschützend und erhöhen die Durchblutung.
Der gesteigerte Kalorienumsatz ist der entscheidende Faktor zur Kontrolle des Körpergewichtes beziehungsweise zur Reduktion von Übergewicht. Was will man mehr? Bereits eine halbe Stunde ausdauernde Bewegung pro Tag würde ausreichen, gesundheitlich zu profitieren. Es gibt klare Hinweise, dass mit der Verbesserung der körperlichen Fitness und der Leistungsfähigkeit auch der schützende Effekt für Herz und Kreislauf zunimmt. Ein zusätzlicher Kalorienverbrauch von 2000 bis 3000 kcal pro Woche – das sind für einen 70 Kilogramm schweren Menschen täglich rund 45 Minuten
Dauerlauf oder eine ähnliche körperliche Anstrengung – ist in der Lage, sogar bestehende Verengungen der Herzkranzgefässe zurückzubilden. Die Reduktion des Krankheitsrisikos für Herz-Kreislauf durch regelmässigen Ausdauersport beträgt zwischen 35 und 55 Prozent, ein Wert, der mit keinem Medikament auch nur annähernd erreicht wird. Diese Risikoreduktion ist alters und geschlechtsunabhängig. Zwar ist bekannt, dass die Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen abhängig ist vom Erbgut. Untersuchungen an Zwillingen zeigen jedoch, dass der Profit durch körperliche Aktivität unabhängig ist von der genetischen Veranlagung.
Was bei Erwachsenen meist mit erhobenem Warnfinger gefordert werden muss, ist im Kindesalter noch eine Selbstverständlichkeit. Körperliche Aktivität. Bewegung und Sport sind Grundlage und wichtiger Grundstein der kindlichen Entwicklung, die weit bis ins Erwachsenenalter einen Menschen prägen. Bewegung und motorische Aktivität sind Eigenschaften, die das Kind in den ersten Entwicklungsjahren als natürliches Verhalten lebt, falls Erziehung und gesellschaftliche Ordnung das auch zulassen. Oder gehören Sie zu jenen Eltern, die ihr Kind mit dem Auto zur Schule fahren? Der natürliche kindliche Bewegungstrieb und die gesellschaftlichen Normen gehen besonders in städtischer Umgebung in gegensätzliche Richtung. Belustigend, aber gleichzeitig nachdenklich stimmt die Inschrift auf einer Schulhausmauer: Kaum haben wir Laufen und Sprechen gelernt, heisst es: Maul halten und still sitzen.
Entscheidend für die motorische Entwicklung eines Kindes ist eine möglichst frühzeitige und anhaltende Bewegungsförderung, die schon im Vorschulalter beginnen muss. Erfährt das Kind bereits früh Freude und Bestätigung durch Bewegung und Sport, werden die Weichen für das spätere Leben auf Aktivität gestellt. Die gesundheitlichen Auswirkungen von Bewegung und Sport auf Herz, Kreislauf und Stoffwechsel setzen bereits im Kindesalter ein. Querschnittsuntersuchungen von sportlichen Leistungen schulpflichtiger Kinder im Zeitvergleich zeigen eine dramatische Abnahme des quantitativen Sportumfangs – Summe der Zeit in Bewegung – als auch der qualitativen Leistungsfähigkeit. In den letzten zwanzig Jahren haben sich Gleichgewicht – Balancieren über einen Balken oder Baumstamm – Ausdauer, Kraft – Liegestütze – und koordinative Fähigkeiten – Purzelbaum, Rolle rückwärts – stark abgenommen, eine ganz schlechte Voraussetzung für das Erwachsenenalter.
Wichtig ist, sämtliche motorische Fähigkeiten der Kinder zu fördern, ohne frühe Spezialisierung auf eine Sportart oder Disziplin. Polisportiv aktive Kinder sind später immer auch die besseren jugendlichen Sportler, unabhängig von der gewählten Sportart. Spielerisch vermittelte Freude sowie Spass an Bewegung und Sport sind Grundlage für späteren sportlichen Erfolg. Kindersport jeder Art wirkt nachhaltig auf die Gesundheit im Kindesund Erwachsenenalter und entscheidet über die Bewegungsund Sportkarriere eines Menschen.
Gemeinsam im familiären Kreis praktizierter Sport ist leider eine aussterbende Disziplin. Oder wann haben Sie mit Ihren Kindern das letzte Mal zusammen gespielt? In der Familie gelebte und erlebte Aktivität ist prägend für die Zukunft von Kindern, das Beispiel sportlicher Eltern ist Vorbild für die Kinder. Nur zu oft beschränkt sich heute die gemeinsame «sportliche» Aktivität auf den meist als lästig empfundenen Spaziergang am Sonntag oder auf die Talfahrt in den Skiferien. Dabei wäre es so einfach, dass die ganze Familie Spass hat. Beim Ballspiel Jung gegen Alt wird gesunder Ehrgeiz geweckt. Auch ein gemischtes Federballdoppel im Garten oder das altbekannte Fangis locken nicht nur Schweisstropfen, sondern auch Lacher hervor. Und ganz nebenbei werden Gleichgewicht, Schnelligkeit und Koordination geschult.
Der Ball, in welcher Spielform er auch immer verwendet wird, ist wohl das wichtigste und am häufigsten verwendete Sportgerät in der Familie. Ob geprellt, getreten, geworfen oder gefangen: Der Umgang mit dem Ball in Bewegung stellt immer ganzheitliche Anforderungen an die sportmotorischen Fähigkeiten. Also packen Sie wieder einmal ihre Kinder, nehmen Sie einen Ball mit und vergnügen Sie sich im eigenen Garten. Der Fernseher kann warten.
Hirslanden Klinik Birshof
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