VorsorgeEntspannung und Sinne

Fest der Sinne

Unsere Sinne sind das Tor zum Leben. Der Herbst lädt dazu ein, sie zu schulen.

Ich sitze hier und denke über den Herbst nach. Mit seinen kürzer werdenden Tagen, seinen rauen Winden, den goldenen Farben, dem peitschenden Regen. Herbst ist für mich die Zeit der Sinne und der Besinnung, der langsamer werdenden Rhythmen. Herbst ist Zeit, wo ich die Aufmerksamkeit wieder stärker auf mich und meine Empfindungen lenke.

Sinne und Sinn – beides gehört unzertrennlich zusammen. Alles hat wohl einen Sinn, auch wenn er nicht immer so leicht zu entdecken ist. Manchmal findet man ihn nie, und in einigen Fällen gibt es ihn wahrscheinlich überhaupt nicht. Nein, ich mache nicht den Fehler, dass ich verzweifelt nach dem letzten Sinn der Dinge suche. Ich akzeptiere, dass ich einfach da bin. Und weil ich bewusst da sein will, wo ich gerade bin, halte ich meine Sinne offen, für die lauten und leisen Töne, für die dunklen und hellen Farben, für die Freude und den Schmerz.

Als lebendiges Wesen nehme ich die Umwelt über meine Sinne wahr. ich höre die Vögel, sehe den Himmel, rieche den Duft vom letzten Heu. Meine Sinne lassen aber auch mich selbst und meinen Körper im Raum wahrnehmen. Ich spüre, ob ich liege oder stehe, ob ich in Bewegung bin oder ruhe. Ohne meine Sinne wäre ich ein abstraktes, in mir selbst isoliertes Wesen ohne Möglichkeit, mit meiner Umgebung zu kommunizieren. Das Zusammenspiel von Sinneswahrnehmung und den Reaktionen von Körper und Seele ist eine Meisterleistung des Organismus und verdient meine besondere Beachtung.

Schon der griechische Philosoph Aristoteles beschrieb die menschlichen Sinne und nannte deren fünf: Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen. Die Neuzeit kennt zudem den Gleichgewichts- und den Orientierungssinn.

Für jede dieser Wahrnehmungen stehen im Körper spezifische Organsysteme zur Verfügung. Über spezialisierte Empfangsorgane wird ein Umweltsignal empfangen und im zentralen Nervensystem, also in Gehirn und Rückenmark, zur verwertbaren Information verarbeitet. Das ankommende Signal löst in der Regel eine Antwort aus.

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Mit meinen Sinnesorganen nehme ich ständig, auch im Schlaf, eine unglaubliche Anzahl Informationen auf, die ich aber gar nicht alle bewusst verarbeiten kann. Vielmehr sucht sich mein Gehirn diejenigen Informationen aus, die ihm interessant und wichtig erscheinen. Diese Filterfunktion kommt einer Hirnstruktur zu, die Formatio reticularis genannt wird. Das Phänomen, dass mich der leiseste Misston aus dem Babyzimmer als Mutter sofort geweckt hat, ich aber problemlos durchschlafe, obwohl die Kirchenglocke zwei Uhr morgens viel lauter schlägt, geht auf diesen individuell geschulten, aber auch vom Instinkt geprägten Informationsfilter zurück.

Die Körperwahrnehmung im Raum ist eine Leistung meines sensomotorischen Systems, eines Kopplungssystems zwischen Sinneswahrnehmung und motorischer Antwort. Jede Bewegung und jede Haltung ist das Resultat der Anpassung an innere oder äussere Signale. Über exterozeptive Rezeptoren, also Empfänger, die wie Antennen auf alles von aussen Einwirkende ansprechen, wie beispielsweise die Mechanorezeptoren des Tastsinns, registriert meine Haut Druck, Berührung und Vibration. Weiter erfasst sie Temperatur und Schmerzen. Rezeptoren von Ohr und Auge vermitteln Schall und Licht, Rezeptoren in meiner Nase melden Geruch.

Der äussere Wahrnehmungsregelkreis ist mit dem Gleichgewichtsinn im Innenohr verknüpft und funktioniert in engem Zusammenspiel mit einem inneren Regelkreis, nämlich der Tiefensensibilität und Propriozeption, was Eigenwahrnehmung bedeutet. Über die Propriozeptoren, kleine Aufnahmesonden an Gelenken, Sehnen und Muskelspindeln, werden Messdaten zur Gelenkstellung, der Muskellänge und der Sehnenspannung registriert. Einerseits melden sie die eintreffenden Signale ins Klein- sowie Grosshirn, um sie dort wahrnehmen zu lassen und dadurch bewusste und koordinierte Antworten zu erzeugen. Anderseits können sie über Verknüpfungen auf Höhe des Rückenmarks unbewusste, unwillkürliche Antworten hervorrufen. Das sind die sogenannten Reflexe. Finden der Reiz und die Antwort im selben Organ statt, nennt man die Reaktion Eigenreflexe. Der Patellarsehnenreflex, bei dem die Ärztin oder der Arzt mit einem Reflexhammer kurz auf die Sehne der Kniescheibe schlägt und dabei den Unterschenkel zum Ausschwingen bringt, ist ein klassisches Beispiel. Demgegenüber stehen die Fremdreflexe, bei denen Reiz und Antwort in zwei verschiedenen Organsystemen stattfinden: Ein gutes Beispiel ist das Niesen als Antwort auf ein Jucken in der Nase.

Meine Sinne ermöglichen mir ein Leben in spannender Wechselwirkung mit meiner Umgebung. Meine Sinne sind das Tor zur Welt. Deshalb benötigen meine Sinne Pflege und Schulung. Der Herbst mit seinen so unterschiedlichen Stimmungen lädt dazu ein, die Sinne mit einfachen Übungen zu schärfen und die vielfältigen Empfindungen wahrzunehmen.

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Drucken19.09.2009