Reden wir über den Schlaf
Jeder und jede Vierte hat Probleme mit dem Schlaf.
Es sind stille Tragödien. Und sie spielen sich im Dunkeln ab. Wortwörtlich. Jede Nacht. Zu Tausenden, nein zu Hunderttausenden. Niemand redet gerne darüber, wenn er betroffen ist. Es passt nicht so recht ins Bild einer Person, die ihren Mann oder ihre Frau steht. Schlafprobleme gelten als ein Zeichen der Schwäche. Und weil man auch mit dem Arzt nicht gern darüber spricht und er lieber schnell ein Rezept ausstellt, als sich die Mühe zu nehmen, sich mit diesem wohl häufigsten Symptom gründlich auseinanderzusetzen, kommt es, wie es kommen muss: Jeder Zweite unternimmt nichts gegen den gestörten Schlaf. Und wenn er etwas macht, sind die getroffenen Massnahmen oft abenteuerlich. Sie reichen von Wasseradern suchen, Elektromatten aufhängen und Bett umstellen bis hin zu Alkohol trinken und problematische Pillen schlucken.
Obwohl man heute weiss, dass die bekannten verschreibungspflichtigen Schlafund Beruhigungsmittel einen raschen Gewöhnungseffekt haben und psychisch abhängig machen, nehmen rund vier Prozent der Bevölkerung länger als einen Monat regelmässig solche Präparate. Fast 200 000 Schweizerinnen und Schweizer schlucken sie sogar mehr als ein Jahr lang. Besonders gefährdet sind Frauen und ältere Leute. Schlimm ist, dass die Erwachsenen ihr Verhalten auch an den Nachwuchs weitergeben. Schon vier Prozent der Elfjährigen greifen regelmässig zu Schlafmitteln.
Die mit Abstand am häufigsten verwendeten Medikamente sind sogenannte Benzodiazepine wie Dormicum, Seresta, Temesta, Rohypnol oder Dalmadorm. Gleichgültig, wie diese Pillen im Einzelnen heissen. Schon nach vier Wochen kommt der Gewöhnungseffekt und das Bedürfnis nach Dosissteigerung. Verhängnisvoll ist auch die psychische Abhängigkeit. Beginnt jemand mal mit den Pillen, ist er überzeugt, nicht mehr ohne sie schlafen zu können. Gefürchtet bei den Benzos, wie sie im Medizinerjargon genannt werden, sind die paradoxen Reaktionen wie Verwirrung, Desorientierung, Angst oder bei hoher Dosierung sogar psychotische Zustände. Ein typisches Problem ist auch der Hangover. Weil sich die Mittel nur langsam abbauen, hält die Müdigkeit noch am nächsten Tag an. Oft sind auch Konzentration und Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt. Bei älteren Menschen erhöhen Benzodiazepine die Sturzgefahr, weil sie muskelentspannend wirken. Besonders in Kombination mit anderen Medikamenten führen sie bei gangunsicheren Senioren zu verhängnisvollen, oft folgenschweren Stürzen. Wenig bekannt ist die Wesensveränderung, mit der langer und hoher Benzo- Gebrauch einhergeht. Die Schlaf- und Beruhigungspillen schotten einen Menschen über kurz oder lang dermassen ab, dass er abstumpft und wesentliche Anteile seiner Persönlichkeit verliert.
Was ist zu tun? Wichtig ist einmal die Erkenntnis, dass rund zwei Millionen Menschen in der Schweiz mindestens einmal im Monat Schlafprobleme haben. Schämen braucht sich also niemand. Wer ab und zu nicht gut schläft, hat noch keine ernsthafte Schlafstörung und muss sich deswegen auch keine Sorgen machen. Ältere Menschen brauchen generell weniger Schlaf. Wer sich am Tag gut und erholt fühlt, hat ohnehin kein Schlafproblem. Wer jedoch länger als einen Monat andauernd schlecht schläft und am Tag müde und unausgeruht ist, sollte zu einer Fachperson. Schwierigkeiten beim Ein- und Durchschlafen von ein paar Tagen bis Wochen Dauer haben oft psychologische Hintergründe. Meistens bilden sie sich spontan zurück, wenn man sie beim Namen nennt und darüber spricht: Konflikte am Arbeitsplatz, in der Beziehung oder Familie oder neue Herausforderungen. Auch falsche Schlafgewohnheiten können den Schlaf vertreiben. Wichtig ist, dass man das Schlafproblem nicht chronisch werden lässt. Ob es so weit kommt, hängt wesentlich davon ab, wie viel Gewicht man ihm gibt. Je weniger Bedeutung man ihm beimisst, desto rascher verschwindet es von selber. Wenn aber die Angst vor dem Einschlafen, der Ärger über das Nicht-einschlafen-Können und die Sorge über die Leistungsfähigkeit am nächsten Tag dazu kommen, ist der Teufelskreis programmiert.
Wer bei gelegentlichen Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen etwas nehmen möchte, sollte vor allem darauf schauen, dass er nicht mit Kanonen auf Spatzen schiesst. Also keine verschreibungspflichtige Benzodiazepine, sondern ein rezeptfreies, verträgliches Mittel aus der Apotheke. Das können pflanzliche Mittel sein, oder ein Diphenhydramin-Präparat aus der bewährten Gruppe der Antihistaminika, das sich durch eine schnelle, schlafanstossende Wirkung auszeichnet, aber auch wieder rasch abgebaut wird, was die Gefahr von Morgenmüdigkeit verhindert. Welches Schlafmittel man auch nimmt, entscheidend ist der Umgang. Wichtig ist, dass man es nicht jeden Tag einnimmt und sich so daran gewöhnt.
Die Schlaftricks
- Tagsüber möglichst viel körperliche Aktivität einplanen.
- Keine späten, üppigen Mahlzeiten. Alkohol wirkt nur in ganz kleinen Mengen schlafanstossend. Grössere Mengen stören den Schlaf.
- Die Sorgen nicht mit ins Schlafzimmer nehmen. Wenn nötig, den Sorgen einen festen Platz am Tag geben, wo man mit ihnen «Sprechstunde» hat.
- Bettzeit verkürzen, das heisst spät ins Bett gehen und am Morgen früh aufstehen. Erst wenn sich der Schlaf verlängert, kann man mehr Zeit im Bett verbringen.
- Immer um die gleiche Zeit am Morgen aufstehen, auch wenn man schlecht oder nur wenig geschlafen hat. Ja nicht versuchen, den Schlaf am Morgen nachzuholen. Nur so zwingt man den Körper, sich den Schlaf wieder selber zu holen. Das gilt auch für das Wochenende.
- Auf Mittagsschlaf und das Nickerchen vor dem Fernseher konsequent verzichten.
- Im Bett weder lesen, schreiben, Büroarbeiten machen, noch fernsehen, essen oder rauchen. In Ihrem Kopf muss sich wieder festsetzen, dass im Bett nur geschlafen wird.
- Wenn man nicht einschlafen kann, nach 15 Minuten aufstehen und das Schlafzimmer verlassen. Erst wieder ins Bett gehen, wenn man wirklich müde ist.








