VorsorgeSchönheit

Baustelle Körper

Designer-Vagina, G-Punkt-Unterspritzung, Schamlippen-Korrektur. Muss das sein?

Der Körper der Frau – eine einzige Baustelle. Das ist die Botschaft der Chirurgen. Nichts ist mehr intim, nichts mehr heilig. Nicht die geringste Abweichung wird toleriert. Schamlippen werden verkleinert, bis sie ins Bild passen. Das Jungfernhäutchen wird wieder hergestellt. Am Schamhügel wird Fett abgesaugt. Eine schlaffe Vagina nach Geburten gestrafft. Der G-Punkt wird mit Hyaluronsäure oder Eigenfettgewebe unterspritzt, damit die Lust wieder zunimmt. Lifting komplett, zuerst oben, dann unten.

Der neuste ist noch fragwürdiger als alle früheren Trends der ästhetischen Chirurgie. Denn das Ideal der geschlossenen Muschel, bei der die äusseren Schamlippen die inneren vollständig bedecken, entspricht gar nicht der biologischen Realität. Dass die kleinen Schamlippen über die grossen hinausragen, ist völlig normal. Ohnehin sind die Schwankungen von Frau zu Frau sehr gross hinsichtlich Form und Masse. Das genormte, mädchenhafte Genital, das in engen Tangas und Bikinihöschen nicht aufträgt, ist eine reine Erfindung von Lifestyle-Magazinen, welche die Rasur der Schamhaare propagieren und auch keine Hemmungen haben, mittels Grafikbearbeitung am Computer die inneren Schamlippen zu entfernen.

Nur in den wenigsten Fällen ist der Wunsch nach einer Verkleinerung der Schamlippen verständlich. Dann etwa, wenn aufgrund einer Hypertrophie Beschwerden beim Sitzen, Velofahren oder Geschlechtsverkehr auftreten. In den meisten Fällen sind jedoch rein ästhetische Überlegungen ausschlaggebend. Das zeigt eine Auswertung von zehn Studien aus den vergangenen zehn Jahren (Geburtshilfe und Frauenheilkunde 69, 2009, 19).

Wenig bekannt sind die Risiken solcher Eingriffe. Sie reichen von Wundheilungsstörungen und Infektionen – immerhin wird in einem von Bakterien dicht besiedelten Bereich operiert – über Sensibilitätsstörungen bis zu Narbenschrumpfung und Narbenproblemen wie Schmerzen und Spannungsgefühl, besonders beim Beischlaf. Wer weiss, wie stark die Intimregion einer Frau mit Blutgefässen und Nerven versorgt ist, wird nur in der Not einen Chirurgen an sich heranlassen. Mit grosser Vorsicht zu geniessen sind zudem die Studien, die kaum je wissenschaftlichen Wert haben, sondern nichts weiter als Selbsteinschätzungen der Anbieter sind. Es erstaunt deshalb nicht, dass enttäuschten Frauen bereits gegen ihre Ärzte vorgehen und schon die ersten Anfragen für juristische Gutachten auf den Schreibtischen der Chefärzte grosser Schweizer Kliniken landen.

Checkliste

Ist der Eingriff medizinisch wirklich gerechtfertigt? Überlegen Sie alles nochmals in Ruhe, stellen Sie sich selber unangenehme Fragen und holen Sie sich bei Bedarf eine Zweitmeinung ein.

  • Welches sind meine wirklichen Motive für den Eingriff?
  • Hoffe ich insgeheim, ein anderes Problem, das gar nichts mit meinem Äusseren zu tun hat, mit dem Eingriff zu lösen?
  • Besteht ein echter Leidensdruck?
  • Sind meine Erwartungen an den Eingriff realistisch?
  • Setze ich mich selber unter Druck, oder lasse ich mich unter Druck setzen, den Eingriff machen zu lassen?
  • Habe ich mich auf den einen Wunsch und den einen Eingriff fixiert?
  • Kann ich meine Träume und Hoffnungen nicht anders oder sogar besser verwirklichen?

Drucken12.06.2009