VorsorgeZähne

Grenzenlos

Gibt es Limiten für Implantate bei alten Menschen?

«Nein. Was zählt, ist, wie gut jemand drauf ist», sagt Prof. Dr. Regina Mericske Stern.

Die heutige Alterszahnmedizin orientiert sich oft am Geriatriepatienten im Krankenhaus oder Pflegeheim. Dabei lebt der grösste Teil älterer Menschen selbständig im eigenen Haushalt. Aufgrund neuer Studien wird die Mundgesundheit respektive die erkrankte Mundhöhle in direkten Zusammenhang mit dem Allgemeinzustand gebracht und besonders bei älteren Menschen als medizinisches Problem angesehen. Infektionen wie Parodontitis und die plaquebeladene Mundhöhle belasten den gesamten Organismus.

Die Frage stellt sich: Können wir beim älteren Menschen mit Hilfe von Implantaten Mundgesundheit und Funktion und damit die allgemeine Gesundheit und die Lebensqualität erhalten oder sogar verbessern? Klar ist: Der Anteil alter Menschen wird in naher Zukunft weiter zunehmen, und ihre Ansprüche werden auch im Bereich der Zahnmedizin höher werden, obwohl oder gerade weil sie in ihrer Jugend noch kaum von der Prävention profitieren konnten.

Grundsätzlich versucht man, auch beim alten Menschen die Zähne zu erhalten. Ein Achtzigjähriger sollte noch 20 eigene Zähne haben. Absolut gesehen nimmt die totale Zahnlosigkeit ab und verlagert sich ins höhere Lebensalter. Wenn auch ältere Menschen nicht mehr so häufig zahnlos sind, ist ihr Zahnbestand dennoch reduziert. Der Restzahnbestand alter Menschen weist im Vergleich zum gesunden jugendlichen Gebiss viele Nischen auf, die eine Reinigung erschweren. Karies, vor allem Zahnhalskaries, wird bei älteren Menschen zum grössten Risiko für den Zahn.

Tatsache ist, dass trotz regelmässiger Betreuung und guter Pflege bei älteren Menschen immer wieder Behandlungen nötig werden. Frontzähne mit dünnen Zahnhälsen brechen ab, alte rezementierte Rekonstruktionen sind nicht mehr zu halten, Pfeilerzähne entwickeln plötzlich und in kurzer Zeit eine tiefe Wurzelkaries.

Die einfache Teilprothese wird immer noch als kostengünstiges und zweckmässiges Mittel der Wahl angesehen. Aber stimmt das wirklich? Studien mit positiven Resultaten zur Teilprothetik sind rar. Vielmehr wird auf Probleme wie Karies, Entzündungen in der Mundhöhle sowie Abneigung gegen die Teilprothesen mit ungenügendem Halt und mangelhafter Funktion hingewiesen. Zudem gibt es eine Reihe von technischen Problemen: Strategisch wichtige Zähne stehen oft ungünstig oder fehlen, eine gute Stabilität ist nur bedingt möglich. Zahnlose Kieferabschnitte werden mit der Zeit schmaler und schmaler und sind nur mit einer dünnen Mundschleimhaut bedeckt, was sich in schlechtem Tragkomfort und in Schmerzen äussert. Die Alterszahnmedizin kommt deshalb nicht umhin, sich in Zukunft intensiv mit der Implantologie zu befassen.

Immer wieder wird als Argument gegen Implantate im Alter ins Feld geführt, dass die Mundhygiene älterer Menschen oft ungenügend sei und allgemeinmedizinische Probleme einen chirurgischen Eingriff riskant machen. Dabei hat ein Zahnersatz mit Implantaten gerade im Alter viele Vorteile. Eine Langzeituntersuchung mit einer Beobachtungsdauer von 10 bis 24 Jahren hat ergeben, dass die Überlebensrate der Implantate rund 95 Prozent beträgt. Die Studie hat auch gezeigt, dass bei diesen alten Menschen die Nachsorge gewährleistet war und sie sogar beim Eintritt ins Pflegeheim oft erhalten werden konnte.

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Die Planung von Implantaten muss speziell beim älteren Menschen detailliert und konzis sein, damit invasive Chirurgie vermieden oder wo nötig voraussagbar und machbar wird. Mehr Aufwand bei Diagnose und Planung führt zu weniger Aufwand bei der Behandlung. Es sollen möglichst einfache Verankerungsstrukturen mit Titangerüsten und Kunststoffprothesen gewählt werden. Damit diese Ziele erfüllt werden können, sind moderne Hilfsmittel und computergestützte Verfahren sinnvoll. Sie erhöhen die Passgenauigkeit der Werkstücke und reduzieren technische Komplikationen.

Wenn Zähne gezogen werden müssen, ist die Sofortimplantation in Erwägung zu ziehen. Denn der Ersatz eines einzelnen Zahnes oder nur weniger Zähne mittels einer abnehmbaren Prothese führt oft zu einer Überkonstruktion. Implantate sind die schnellste und einfachste Lösung, um eine Krone oder kleine Brücke einzusetzen. In einem stark reduzierten Restgebiss verbessern Implantate die Abstützung, die Stabilität und das Design einer abnehmbaren Prothese. Im zahnlosen Unterkiefer wird die Prothese auf zwei bis drei Implantaten verankert. Im zahnlosen Oberkiefer kann eine Stegprothese auf vier Implantaten montiert werden.

Wir Zahnärzte müssen auf die Situation vorbereitet sein, dass in naher Zukunft einfache und komplexe Rekonstruktionen mit Hilfe von Implantaten sogar bei gebrechlichen, kranken und dementen Patienten an der Tagesordnung liegen. Altern lässt sich nicht aufhalten, aber es ist stark vom individuellen Verhalten und von der Lebensweise abhängig. Deshalb gibt es auch keine absolute Altersgrenze für Implantate. Wichtig ist, dass ältere Menschen zu einem Zeitpunkt zahnärztlich behandelt werden, an dem ihr Allgemeinzustand noch gut ist, sich der Patient ein Implantat noch zutraut. Das Hinausschieben notwendiger Behandlungen führt nur zu einer Häufung von Problemen und kompliziert die Massnahmen zu einem späteren Zeitpunkt.

Prof. Dr. Regina Mericske-Stern,
Direktorin der Klinik für Zahnärztliche Prothetik an der Universität Bern, Spezialistin für rekonstruktive Zahnmedizin und Mitglied von zahlreichen nationalen und internationalen Fachgesellschaften.

Universität Bern,
Klinik für zahnärztliche Prothetik,
Freiburgstrasse 7, 3010 Bern
Telefon 031 632 25 86
http://www.zmk.unibe.ch/proth

Drucken19.11.2010