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Wir sind alle Suchende

Würde und Schicksal. Nichts trifft die Volkskrankheit Demenz besser als diese beiden Begriffe. Ein neues Buch gewährt tiefe Einblicke und öffnet die Augen.

vertrautes Seniorenpaar in einem Park, Nahaufnahme

Ihr neues Buch ist ein einziges Plädoyer für einen zutiefst menschlichen Umgang mit Demenz. Schon das Vorwort «Würde und Schicksal» gibt einen faszinierenden Einblick, was Dr. med. Irene Bopp-Kistler, Leitende Ärztin der Memory-Klinik, Stadtspital Waid in Zürich, bewegt. «Der Sinn des Lebens wird meist damit verknüpft, ob das Leben dem entspricht, was wir von ihm erwarten. Es könnte aber auch darum gehen, dass wir fähig werden, in jeder Situation, die uns schicksalhaft gegeben wird, nicht aufzugeben – wir sind alle Suchende. Der Sinn des Lebens ist nicht allein durch die Hirnleistung bestimmt, sondern durch die bewusste Wahrnehmung jedes einzelnen, einzigartigen Moments. Leben besteht aus dem ständigen Prozess des Loslassens. Betroffene und ihre Angehörigen sind gezwungen, immer wieder loszulassen. In diesem Prozess des Loslassens sind sie uns voraus.»

Fakten und Hintergrundinformationen über Demenz

Zusammen mit über 60 Experten aus Medizin, Pflege, Wissenschaft, Philosophie, Theologie und vielen Betroffenen und Angehörigen hat Dr. Bopp-Kistler alle bekannten Fakten und Hintergrundinformationen über Demenz sorgfältig zusammengetragen. Das Standardwerk ist aber nicht nur eine schier unerschöpfliche Fundgrube, sondern soll die Augen öffnen für Dinge, die uns bis anhin verborgen waren, Fragen aufwerfen, Antworten anbieten. Dabei wird eine Haltung ersichtlich, welche die Menschen achtet, ob demenzerkrankt oder gesund.

Das Leben neu an die Hand nehmen

Das ist ein starkes Statement, in einer Zeit, in der es gesellschaftsfähig geworden ist, Demenz und Suizid im gleichen Atemzug zu nennen. Will man neusten Umfragen glauben, würden nach der Diagnose Demenz über 40 Prozent der Befragten mit «Exit» aus dem Leben gehen. «Immer wieder wird gesagt, dass man Menschen mit der Diagnosestellung Alzheimer in den Suizid treiben könnte. Genau das Gegenteil ist der Fall», sagt die Demenz-Expertin. «Die Unsicherheit, das Verlorensein führt zu suizidalen Gedanken. Eine offene Kommunikation ermöglicht es Angehörigen und Betroffenen gleichermassen, das Leben neu an die Hand zu nehmen, auch wenn die Diagnose zunächst schockiert. Eine Abklärung erfindet keine Diagnose, sondern gibt quälenden Symptomen einen Namen. Das führt meist zu einer enormen Erleichterung. Dann treten suizidale Gedanken in den Hintergrund. Ich erlebe es Tag für Tag, wie Menschen einen ganz anderen Zugang zum Leben und auch zueinander finden, wenn sie die schicksalhafte Herausforderung Demenz annehmen. ‹Exit› kann für einzelne Betroffene der Weg sein, den sie wählen, doch in den 20 Jahren, in denen ich mit Demenzbetroffenen zu tun habe, sind nur drei Menschen mit ‹Exit› aus dem Leben gegangen. Wie man auch zu dieser Frage steht – niemals darf es soweit kommen, dass die Gesellschaft, aus welchen Gründen auch immer, von den Betroffenen den selbstgewählten Tod erwartet.»

Grosses Defizit bei Abklärung

Ein grosses Defizit macht Dr. Irene Bopp-Kistler nach wie vor bei der Abklärung aus: «Längst nicht hinter jeder kognitiven Einbusse versteckt sich eine Alzheimerdemenz. Umso unverständlicher ist, dass Symptome, welche die Patienten beunruhigen, von ihrer Umgebung und leider manchmal von Hausärzten zu wenig ernst genommen werden. Auch ältere Menschen mit kognitiven Problemen haben das Recht auf Abklärung und Wissen.» Es sei immer wieder erstaunlich zu sehen, dass bezüglich technischer Abklärungen und Eingriffe keine Altersbeschränkung vorhanden sei, doch wenn es um die Hirnleistung gehe, dann werde nicht mit der gleichen Elle gemessen. Die Abklärung einer Hirnleistungsstörung sei nicht nur wegen des ganzheitlichen therapeutischen Ansatzes gefragt, sondern vor allem, um mögliche Ursachen zu identifizieren, die behandelbar seien. Dazu gehören Stoffwechselstörungen, Vitamin- und Eisenmangel, Entzündungen, aber auch Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Innehalten, nachdenken, Fragen provozieren

Das Buch, das Irene Bopp-Kistler herausgegeben hat, lässt innehalten, nachdenken, provoziert Fragen, die sich jeder Mensch stellen müsste, ob er nun von Demenz betroffen ist oder nicht. Das zeigt sich schon, wenn man in den über 600 Seiten blättert. «Flaschenpost aus dem Durcheinandertal» heisst ein Kapitel, das sofort ins Auge springt. Lassen Sie diese Zitate einfach auf sich einwirken. «Menschen mit Demenz sind oft zufrieden, auch humorvoll und glücklich. Sie erleben gute Momente wie andere auch, sie erleben aber auch schwere Zeiten … Die Nachrichten, die sie vermitteln, kommen von irgendwoher, werden angeschwemmt wie eine Flaschenpost. Der Sender hat die Hoffnung, dass die Strömung die Botschaft an einem anderen Ort an Land spült. Die Botschaften von Demenzerkrankten stammen oft aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit, und die Sendenden sind umso glücklicher, wenn ihre Mitteilungen auf Menschen treffen, die sich für deren Inhalt interessieren.» Und zum Schluss noch ein kurzes Zitat eines Patienten, das dazu beitragen kann, einen versöhnlicheren Umgang mit dem Schicksal Demenz zu finden: «Ich sehe keinen Nachteil, zeitweilig ist es auch schön zu vergessen. Ich kann alles abladen. Ich bin froh, dass ich nicht mehr muss, das überlasse ich anderen.»

 

Gedaechtnis_Dr Bopp

 

 

Dr. med. Irene Bopp-Kistler, Leitende Ärztin Memory-Klinik, Universitäre Klinik für Akutgeriatrie, Stadtspital Waid.