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Wir stehen an einem Wendepunkt

Ein Therapie- und Forschungszentrum gegen MS. Besuch bei einem Arzt und Forscher, der nicht nur grosse Ziele hat, sondern sie auch mit Enthusiasmus verfolgt.

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Angezogene Handbremsen mag er überhaupt nicht. Und nichts zermürbt ihn mehr als langwierige Diskussionen um längst fällige Investitionen und dringend benötigte Forschungsgelder. Was er liebt, sind medizinische Innovation direkt vom Forschungslabor ans Krankenbett, Austausch über Fakultäten und nationale Grenzen hinweg, den offenen akademischen Geist in Zürich, die Anbindung des Unispitals an die Universität und die ETH.

Mit seinen bald 60 Jahren will es Prof. Roland Martin, Leitender Arzt an der Klinik für Neurologie am UniversitätsSpital Zürich, noch einmal wissen. Fünfzehn Jahre lang hatte er an den renommierten National Institutes of Health in Bethesda, Maryland, dem wichtigsten amerikanischen Institut für biomedizinische Forschung, gearbeitet und sich dort die Grundlage für eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere geschaffen. Über Barcelona und Hamburg kam er nach Zürich. «Als Aussenstehender war es schwierig, in Spanien Fuss zu fassen. Hier in der Schweiz schätze ich den offenen Geist.» Seine besten Leute hat er nach Zürich mitgenommen. Das Ziel ist klar: Ein Zürcher Zentrum gegen MS mit internationaler Ausstrahlung. «Wir möchten an der Spitze der biomedizinischen Forschung tätig sein und ein ganzheitliches Konzept gegen Multiple Sklerose verfolgen, das neben der Therapie auch Ernährung, Bewegung sowie die Neuroprotektion umfasst.» Sein Team wird aus Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds, der Europäischen Union, der Kommission für Technologie und Innovation, der Schweizerischen MS-Gesellschaft sowie eines universitären Forschungstopfs gefördert.

Versorgung für Betroffene aus der Schweiz und dem Ausland

Die Abteilung für Neuroimmunologie und MS-Forschung an der Klinik für Neurologie des UniversitätsSpitals Zürich umfasst schon heute eine der grössten MS-Kliniken in der Schweiz. Nicht nur Patienten aus dem Kanton Zürich werden versorgt, sondern Betroffene aus der ganzen Schweiz sowie dem Ausland. Um ganze 20 Prozent sind die Patientenzahlen letztes Jahr gewachsen.

Ehrgeiziges Ziel ist die eigene Entwicklung neuer Behandlungen von MS. «Das betrifft besonders Bereiche, in denen ein dringender Bedarf besteht, zum Beispiel Neuroprotektion, Induktion von Immuntoleranz und in Zukunft hoffentlich auch regenerative Verfahren», erklärt Prof. Martin. Grosses Aufsehen erregt hat der Wissenschaftler in den letzten Wochen und Monaten mit der Blut-Stammzelltherapie. Das Fernsehen und die Zeitungen berichteten ausführlich über die neue radikale, aber hochwirksame Behandlung von aggressiven Krankheitsverläufen. Dazu entnehmen die Ärzte den Patienten eigene Stammzellen aus dem Blut und zerstören danach deren Immunsystem mit Hilfe von Medikamenten. Anschliessend werden die Stammzellen dem Patienten wieder zurückgegeben, damit der Körper ein neues Immunsystem aufbauen kann. Damit gelingt es in einem hohen Prozentsatz, den Angriff des Immunsystems auf die Nervenstrukturen zu stoppen. Mehr als ein Dutzend Patienten hat Prof. Martin gemeinsam mit Transplantationsspezialisten mit diesem revolutionären Verfahren bisher behandelt. Weil die Therapie in der Schweiz von den Kassen nicht übernommen wird, gehen Patienten ins Ausland, nach Moskau, Israel oder bis nach Mexiko. Martin hält das für einen Missstand, der der reichen Schweiz nicht gut ansteht. Deshalb ist ein Antrag ans Bundesamt für Gesundheit für die Aufnahme in den Katalog der erstatteten Behandlungen in Vorbereitung. Einen Bescheid erhofft sich Martin noch dieses Jahr. Danach könnte die Behandlung rasch zur Verfügung stehen.

Prof. Dr. Roland Martin, Leitender Arzt an der Klinik für Neurologie am UniversitätsSpital Zürich

Aussicht auf Heilung

Es macht allen Anschein, dass wir in Sachen MS an einem entscheidenden Wendepunkt stehen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin besteht bei MS Aussicht auf Heilung. «Heilung ist bei dieser Krankheit ein grosses Wort», gibt Prof. Martin zu. «Doch kann man vielleicht davon reden, wenn Patienten, die vorher alle paar Monate einen Schub hatten, nun plötzlich zwei, drei oder sogar fünf Jahre nicht die geringsten Anzeichen für irgendwelche Krankheitsaktivität haben?»

Hoffnung macht nicht nur die Stammzelltherapie, sondern auch die vielen neuen, biologisch wirksamen Medikamente. «Mit den modernen MS-Medikamenten kommt bei 40 bis 50 Prozent aller Patienten die Krankheit zwei oder mehr Jahre völlig zum Erliegen. Gegenüber den Interferonen ist das ein Quantensprung, der bis vor Kurzem noch undenkbar war.»

An der Entwicklung des neusten Wirkstoffes, eines humanisierten monoklonalen Antikörpers gegen MS, hat Prof. Martin wichtigen Anteil. Seine therapeutische Wirkung beruht darauf, dass durch eine hochspezifische Blockade eines Rezeptors die Vermehrung natürlicher Killerzellen induziert wird, die ihrerseits das Wachstum von T-Immunzellen drosseln, ohne dass dadurch eine generelle Immunzell-Unterdrückung verursacht wird. T-Zellen nehmen eine Schlüsselrolle bei der Zerstörung der Nervenscheiden und der Entstehung typischer Multiple-Sklerose-Entzündungsherde ein. Die Zulassung basiert auf den Ergebnissen aus zwei Studien. Bei einer davon handelt es sich um die längste und grösste Phase-III-Studie im direkten Vergleich, die jemals zu MS durchgeführt wurde.

Individuelle Therapien

Der neue Antikörper wird durch den Patien­ten selbst einmal im Monat subkutan verabreicht. Zugelassen ist er als Erstlinientherapie gegen schubförmige MS. Die Verträglichkeit ist gut. Das trägt dazu bei, Menschen mit MS Therapien zu bieten, die ganz auf ihre individuellen Bedürfnisse ausgerichtet sind.

Der tiefe Griff in die Trickkiste der Immunologie ist jedoch nicht der einzige Weg, den Kampf gegen die MS eines Tages zu gewinnen. Eine Reihe von Dingen kann jeder tun, um das Risiko für diese Autoimmunkrankheit zu senken und die Krankheitsaktivität möglichst zu reduzieren, wenn man betroffen ist: nicht rauchen, Sport treiben, sich gesund ernähren und ganzjährig auf einen hochnormalen Vitamin-D3-Spiegel achten. Dieser Zusammenhang sei wissenschaftlich hieb- und stichfest bewiesen.