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Zu wenig Eisen ist die wichtigste Mangelproblematik weltweit

Ungenügende Abklärung, falsche Grenzwerte, unnötige Behandlungen. ­ Dr. med. German E. Clénin macht sich für eine vernunftbasierte Diagnostik und ­Therapie von Eisenmangel stark.

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Was ist am Eisenmangel wirklich dran? Handelt es sich um eine Erfindung der Pharmaindustrie, um ein Wellness-Problem oder um eine medizinisch relevante Störung?

Eisenmangel ist ein ernsthaftes Problem. Es handelt sich um die wichtigste Mangelproblematik weltweit. Eisenmangel wirkt sich direkt auf den menschlichen Organismus aus und vermindert die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit.

Weshalb polarisiert dieses Thema so stark?

Ich kann nur mutmassen. Vielleicht, weil es einerseits als medizinisches Problem lange Jahre unterschätzt wurde. Und weil andrerseits einige Ärzte dem Eisen einen zu hohen Stellenwert zuschrieben und Fantasiegrenzwerte definierten.

Wann leidet jemand wirklich unter Eisenmangel?

Erst wenn dieser Mangel klar mit einer Blutentnahme mit Laboranalyse diagnostiziert wurde.

Weshalb ist das so wichtig?

Weil eine blinde Eisentherapie, also ohne Diagnosestellung, verstärkte Nebenwirkungen und eine allfällige Überladung mit Eisen gravierende Konsequenzen haben kann.

Auf welche Symptome sollte man achten?

Das aussagekräftigste Symptom bei Eisenmangel ist die Müdigkeit. Alle anderen möglichen Symptome wie trockene Haut, Zungenbrennen, offene Mundwinkel, spröde Nägel oder Haarausfall sind unzuverlässig, das heisst, diese Zeichen sind unspezifisch und können vorhanden sein oder auch nicht.

Welche Laborwerte braucht es?

Zur Diagnostik gehören die Messung des Hämoglobins, des Hämatokrits und die Charakterisierung der Erythrozyten bezüglich Grösse – genannt MCV – und Hämoglobingehalt, dem MCH. Mit diesen ersten Werten lässt sich bestimmen, ob eine Anämie vorliegt oder nicht und ob die Bildung der roten Blutkörperchen beeinträchtigt ist. Mit der Messung des Speichereisens Ferritin und des C-reaktiven Proteins werden dann noch die Eisenspeicher beurteilt.

Das klingt kompliziert und teuer …

Im Gegenteil, diese Bestimmungen sind kostengünstig, können in praktisch jeder Hausarztpraxis gemacht werden und erlauben eine korrekte Diagnose.

Kann man sich bei der Beurteilung der Eisenspeicher zuverlässig auf das Ferritin abstützen? Welche Werte sind kritisch und welche pathologisch?

Fürs Ferritin gilt für alle Erwachsenen ab dem 15. Lebensjahr ein Grenzwert von 30 µg/l. Einfach ausgedrückt heisst das: Bei einem Ferritin-Wert unter 30 besteht ein Eisenmangel, über 30 ist das Speichereisen normal. Bei Kindern sind die Grenzwerte leicht tiefer. Es gibt noch spezielle Situationen, in welchen das Ferritin nicht ganz zuverlässig reagiert, zum Beispiel, wenn man erkältet ist, eine Entzündung oder Infektion im Körper hat. Da ist es manchmal erforderlich, die Blutentnahme in gesundem Zustand nochmals zu wiederholen.

Wie verbreitet ist Eisenmangel in der Schweizer Bevölkerung?

Generell ist Eisenmangel stark verbreitet, variiert aber je nach Altersgruppe und Geschlecht stark: Für Kinder bis 14 Jahre liegt die Häufigkeit bei ungefähr 12 %. Bei Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren haben über 30 %, bei Frauen zwischen 20 und 50 Jahren ungefähr 20 % einen Eisenmangel. Bei gleichaltrigen Knaben und Männern sind die Zahlen deutlich tiefer. Im Seniorenalter haben beide Geschlechter eine relativ niedrige Häufigkeit von etwa 6 %.

Gibt es bestimmte Risikogruppen?

Risikogruppen für Eisenmangel sind Kinder und Jugendliche beider Geschlechter (Wachstum und Aufbau des Blutvolumens), Frauen im gebärfähigen Alter (Regelblutung), leistungsorientierte Sportler (vermehrter Bedarf), Personen mit einer vegetarischen oder veganen Ernährungsweise (geringere Eisenzufuhr), Personen mit einer Ernährungsproblematik (zu niedrige Energie- und Eisenzufuhr).

Lohnt sich die Kontrolle des Blutbildes und des Ferritins, wenn man einer Risikogruppe angehört?

Ja, bestimmt. Dies ist besonders zu empfehlen, wenn sich mehrere Risiken vorfinden. Bei einer 18-jährigen Laufsportlerin mit vegetarischer Ernährungsweise zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit hoch, einen Eisenmangel zu finden.

Gibt es einen Eisenmangel ohne Anämie, das heisst, kann man zu wenig Eisen haben, auch wenn man normale Hämoglobin-Werte hat?

Ja, das ergibt sich aus der vielseitigen Funktionsweise von Eisen. Eisen ist nicht nur im Hämoglobin für den Sauerstofftransport im Blut zuständig, sondern findet sich auch im Muskelfarbstoff Myoglobin und in zahlreichen Enzymen. Eisen ist zuständig für den Sauerstofftransport im Muskel und in mehr als hundert Stoffwechselprozessen, speziell für die Energiebereitstellung, unerlässlich.

Sie setzen sich ein für einen vernünftigen Umgang mit dem Thema Eisen. Was ist vernünftig?

Vernunft beginnt erstens bei der korrekten Diagnosestellung. Zweitens sollen die Grenzwerte eingehalten werden. Drittens beginnt die Therapie mit der Ernährung und Berücksichtigung von eisenhaltigen Nahrungsmitteln wie Hülsenfrüchte, Getreideprodukte, grünem Gemüse und Fleisch und Fisch. Oftmals werden bei diagnostiziertem Eisenmangel Ernährungsmassnahmen und die orale Therapie, also die Einnahme von Eisenpräparaten wie Tabletten, Tropfen oder Sirup miteinander kombiniert. Viertens sollen intravenöse Eisenpräparate bei sonst Gesunden nur bei Versagen dieser Therapiemassnahmen eingesetzt werden.

Und was ist unvernünftig?

Das Auslassen einer der oben genannten Schritte, speziell ein unbedachter und unnötiger Einsatz von intravenösem Eisen.

Sind Eisenzentren unvernünftig?

Ja, Eisenzentren sind unvernünftig. Ich verstehe nicht, welche Ziele solche Praxen genau verfolgen.

Kann man sich mit Eisen vergiften?

Ja. Zur Illustration sei erwähnt, dass sich ein Kind im Vorschulalter mit für Erwachsene bestimmte Eisentabletten vergiften kann.

 

Dr. med. German E. Clénin

 

Dr. med. German E. Clénin ist ein bekannter Schweizer Sportmediziner. Er war während vier Jahren Co-Leiter des Swiss Olympic Medical Centers, Leiter der Sportmedizin und Leistungsdiagnostik an der EHSM des Bundesamtes für Sport und betreute national und international aktive Spitzenathleten. In den vergangenen zehn Jahren begleitete er als Leiter der eigenen Sportmedizinisch-Internistischen Praxis im Haus des Sports in Ittigen bei Bern (www.smzbi.ch) Athleten jeden Niveaus, vom Topathleten auf dem Weg zu Olympischen Spielen bis hin zum Freizeitsportler. Seit 2016 ist er Präsident der Schweiz. Gesellschaft für Sportmedizin SGSM und hat einen Lehrauftrag in Hausarztmedizin an der Universität Bern. Zudem publizierte er wissenschaftliche Arbeiten über Eisenmangel bei Sportlern.