Bei Diabetes das Herz schützen

Die Behandlung von Diabetes hat sich grundlegend geändert. PD Dr. Jan Steffel vom UniversitätsSpital Zürich sagt, weshalb es nicht mehr reicht, bloss den Blutzucker zu senken.

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Dass die meisten Menschen mit Diabetes früher oder später ein ernsthaftes Problem mit dem Herz bekommen, ja einen Herzinfarkt erleiden und so auf dem Kathetertisch des Kardiologen landen, oder, wenn es noch schlimmer kommt, auf dem Obduktionstisch, sind sich die wenigsten bewusst. Sonst würden sie ihren «Zucker» ernster nehmen. «Schäden und Komplikationen an den Blutgefässen und am Herz – sprich Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Schlaganfall – sind das Hauptproblem bei Diabetes», sagt Privatdozent Dr. Jan Steffel, Leitender Arzt an der Klinik für Kardiologie am UniversitätsSpital Zürich.

Die Zahlen rütteln auf: Fast eine halbe Million Menschen sind in der Schweiz von Diabetes betroffen. Die Hälfte von ihnen haben eine Gefässerkrankung des Herzes, des Hirns oder der grossen Beinarterien. Bei über einem Viertel aller Personen mit Diabetes über 60 Jahren findet sich eine Herzinsuffizienz beziehungsweise ein schwaches Herz. Die Prognose ist äusserst ungünstig. Rund ein Drittel dieser Patienten verstirbt innerhalb eines Jahres.

Bewegung und Vermeidung von Übergewicht

Was ist zu tun? Zuallererst geht es darum, es gar nicht zu einem Diabetes kommen zu lassen. Das geht am besten mit einem bewegten Leben und mit der Vermeidung von Übergewicht. Klingt einfach, ist es aber nicht. Deshalb bemühen wir uns so um die Themen Ernährung und Gewichtsreduktion. Zweitens: Diabetes früh erkennen. Rund die Hälfte aller Diabetiker wissen nämlich gar nichts von ihrer Erkrankung. Derweil schädigt der erhöhte Blutzucker die Blutgefässe und das Herz unaufhörlich – und zuweilen unwiderruflich. Dr. Jan Steffel: «Während die Schäden an Augen und Nerven vor allem zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität führen, sind die Folgen für das Herz oder das Hirn nicht selten gefährlich und möglicherweise tödlich.»

Drittens, und das ist neu: Den Diabetes so behandeln, dass nicht nur der Blutzucker gesenkt wird, sondern auch das Herz und die Gefässe geschützt werden und das Leben der Diabetiker verlängert wird. «Mit Blutzuckersenkung allein kommt man dabei nicht zum Ziel», sagt Dr. Steffel. «Seit Kurzem verfügen wir über einen Wirkstoff, welcher die Therapie von Diabetes und dessen kardio­vaskulären Komplikationen grundlegend verändert.» Der Zürcher Kardiologe spricht von einem «game changer», mit dem man den Betroffenen sehr viel Gutes tun könne. Die Wirkung sei mit harten Fakten unterlegt, die Verträglichkeit insgesamt sehr gut.

Die Studienergebnisse haben dazu geführt, dass die Schweizer Behandlungsleitlinien angepasst wurden. Heute sollte man deshalb viel früher mit Kombinationsbehandlungen intervenieren, wenn ein Risiko für das Herz besteht. Und man sollte dazu Medikamente einsetzen, deren Wirkung klar belegt sind.

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Die Studie

Die Ergebnisse einer internationalen Studie, in die von 2010 bis 2013 über 7000 Diabetiker aus 42 Ländern mit einem hohen Herz-Kreislauf-Risiko eingeschlossen waren, brachten in der Therapie von Diabetes den Durchbruch. Beim untersuchten Wirkstoff handelt es sich um eine neue Substanzklasse zur oralen Behandlung von Diabetes. Er sorgt dafür, dass überschüssiger Zucker via Nieren ausgeschieden wird, unabhängig von der Funktion der Bauchspeicheldrüse und der Ansprechrate auf das körpereigene Insulin. Das Medikament senkt aber nicht nur den Blutzucker, sondern auch den Blutdruck, das Gewicht und den Bauchumfang.

Der Wirkstoff reduziert als erstes Antidiabetikum das Risiko für kardiovaskuläre Todesfälle, Hospitalisation aufgrund einer Herzinsuffizienz sowie die Gesamtsterblichkeit in erheblichem Ausmass. Etwa einer von drei kardiovaskulär bedingten Todesfällen lässt sich damit verhindern. Oder anders gesagt: Nur gerade 33 Patienten müssen behandelt werden, um einen Todesfall zu verhindern. Und der schützende Effekt setzt schon nach wenigen Monaten ein.

PD Dr. Jan Steffel, Leitender Arzt am Universitären Herzzentrum Zürich
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 06.09.2018.

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