Beziehung ohne Sex – kann das gut gehen?

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Ich wohne seit vier Monaten mit meinem Freund zusammen, ich, 53, er 49. Obwohl wir viel kuscheln, haben wir keinen Sex, weil er das nicht will. Es stimme für ihn so. Grund könnte sein Herpes sein. Ich habe ein Femidom gekauft. Davon will er aber nichts wissen. Immer, wenn es am schönsten ist, geht er weg. Er leidet an einer Persönlichkeitsstörung und redet teilweise sehr abschätzig über Sex. Ich habe Sex als etwas sehr Schönes und Verbindendes erlebt. Es schmerzt mich sehr, dass wir das nicht miteinander teilen können. 

Ich liebe ihn und möchte ihn nicht verlassen. Aber manchmal ist es sehr schwierig. Er sagt, ich könne ja bei ihm bleiben, aber mit einem anderen Sex haben. Er wolle aber dann nichts davon wissen. Sexualität sei von jedem von uns Privatsache. Das sehe ich anders, aber was bringt mir das? Ich habe aufgehört, darüber zu reden, weil ich auch das Gefühl bekommen habe, es sei etwas Schmutziges. Anfänglich bezog ich sein Verhalten auf mich und dachte, ich sei zu wenig attraktiv. Unterdessen glaube ich nicht, dass das der Grund ist. Alles, was ich aus ihm herausbekommen habe, ist, dass er sich zu wenig attraktiv fühlt, um Sex zu haben.

Er macht offenbar manchmal Selbstbefriedigung. Ich auch, aber ich habe dann das Gefühl, ich muss mich verstecken, weil er davon nichts wissen will. Aber es fühlt sich an, als würde ich einen Teil von mir abspalten und lustvoll ist es immer weniger.

Das sagt Paartherapeut Henri Guttmann:

Ihre differenzierten Schilderungen zeigen, dass das Zusammenleben mit Ihrem Partner sehr belastend und frustrierend ist. Es ist schmerzhaft, wenn man in einer neuen Beziehung Nähe und Intimität sucht, aber auf Ablehnung stösst.

Ihr Hinweis auf eine Persönlichkeitsstörung ist sehr wichtig. Es handelt sich dabei nicht um eine Charaktereigenschaft, sondern um eine tiefgreifende psychische Erkrankung, die Euren Beziehungsalltag fundamental beeinflusst.

Ohne die Diagnose zu kennen, könnten verschiedene Störungsbilder dahinterstecken: Angst vor Nähe und Verletzungen, vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, oder eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung, dabei wird Sex als schmutzig und unkontrolliert empfunden, oder eine Traumafolgestörung.

 Gehen Sie mal davon aus, dass seine Abwertung von Sex nicht persönlich gegen Sie gerichtet ist, sondern Ausdruck seiner inneren Konflikte. Ihre Bedürfnisse sind vollkommen legitim und gesund. Ein erfülltes Sexualleben ist für die meisten Menschen ein wichtiger Teil in einer Liebesbeziehung. Es ist verständlich, dass Sie sich einsam fühlen, wenn die innigste Form der Verbindung von ihm verweigert wird.

Es gibt Wege und Hoffnung damit, konstruktiv umzugehen, die jedoch viel Geduld und Klarheit einfordern. Das setzt allerdings voraus, dass er selbst sein Problem erkennt und bereit ist, professionelle Hilfe anzunehmen. Ein klärendes Gespräch könnte zum Beispiel mit dem Satz beginnen: Mir ist wichtig, wie es uns gemeinsam geht, und ich mache mir ernsthafte Gedanken über unsere Nähe zueinander.

Thematisieren Sie die Abwertung: Es tut mir weh, wenn Du Sex als etwas Schlechtes darstellst. Für mich ist es ein Ausdruck von Liebe und Verbundenheit. Ich glaube, diese Blockade macht dich auch unglücklich. Wärst Du bereit, mit einer Fachperson zu sprechen, um Wege zu finden, damit umzugehen?

Sie leben erst seit vier Monaten zusammen, und bereits taucht ein so fundamentales Problem auf. Es ist eine vollkommen berechtigte und vernünftige Überlegung, die Beziehung zu beenden, wenn er keine Einsicht zeigt oder die Problematik leugnet, wenn Sie feststellen, dass die ständige Zurückweisung und Abwertung Ihrem Selbstwertgefühl nachhaltig schaden. Eine Liebesbeziehung kann nur funktionieren, wenn die Grundbedürfnisse beider Partner respektiert werden. Wenn das nicht der Fall ist, ist es kein Scheitern, sondern ein Entscheid zur Selbstfürsorge.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieses Problem von allein löst, ist aus meiner Sicht sehr gering. Die Zukunft Eurer Liebesbeziehung hängst entscheidend davon ab, ob Ihr Partner bereit ist, an sich zu arbeiten.

www.henri-guttmann.ch

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