Bitte weniger Selbstverwirklichung

Der Zwang zur Selbstverwirklichung macht einsam und ist ein Hauptgrund für die bedrohliche Zunahme von Depressionen. Ein Plädoyer für weniger Ichbezogenheit und mehr Investitionen in zwischenmenschliche Beziehungen.

Selbstverwirklichung
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Das Wort Selbstverwirklichung ist in aller Munde, und mit kaum einem Thema beschäftigt sich die Ratgeberliteratur mehr als damit, wie wir glücklich werden und uns selbst verwirklichen können. Allerhöchstes Ziel ist, die eigene Persönlichkeit zu entfalten, die eigenen Ziele und Bedürfnisse zu realisieren, den ureigenen Weg zu gehen und individuelle, unabhängige Entscheidungen zu treffen. Nicht mehr Unterwerfung unter Normen ist gefragt, sondern die Entwicklung einer reichen Persönlichkeit, die unablässige Arbeit an sich Selbst.

Zwang zur Individualität macht einsam

Doch kann die Aufgabe, um jeden Preis sich selbst zu verwirklichen, auf Dauer nicht auch sehr ermüdend und erschöpfend sein? Kann das Diktat der Individualität am Ende sogar depressiv machen? Könnte es sein, dass Depression gerade deswegen nicht nur zu einer Krankheit einzelner, sondern zum Sinnbild für den Zustand einer ganzen Gesellschaft geworden sind, und das in einer Zeit, in der es uns materiell so gut geht wie nie zuvor? Der Zwang zur Individualität macht einsam. Wenn die Seele diesem Anspruch nicht mehr nachkommt, reagiert sie mit Rückzug, mit Erschöpfung und innerer Leere.

Sein Ding zu machen, wie es so schön heisst, ist für sich alleine noch überhaupt keine Leistung. Es gibt keine Wirklichkeit seiner selbst, die jemand ohne anderen Menschen hätte. Ein Selbst gibt es nur in zwischenmenschlichen Beziehungen. Selbstverwirklichung ist daher ein ideologischer Begriff, der behauptet, dass es eine unabhängige personale Lebensgestaltung gebe, dass Menschen aus sich selbst heraus ihr Leben frei gestalten könnten, weil eben jeder „seines Glückes Schmied“ sei.

Ein guter Mensch für seine Umgebung sein

Selbstverwirklichung ist nicht vorrangiges Ziel und Sinn menschlicher Existenz. Viel wichtiger, als nur sich selbst sein zu wollen, ist es, ein guter Mensch für seine Umgebung zu sein. Wir werden getragen durch Beziehungen, durch Interaktion mit unserer Umwelt, nicht durch das isolierte Ich. Statt krampfhaft auf unser Inneres zu hören, sollten wir einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft suchen. Der Mensch hat ein grosses Bindungsbedürfnis. Wird dies über längere Zeit nicht befriedigt, kommt es zu körperlichen und psychischen Beschwerden.

Sich annehmen wie man ist

Lassen wir es also besser bleiben, ständig in uns selbst hinein zu starren. Wahrscheinlich gibt es nämlich dort gar nichts zu finden, schon gar kein verborgenes Selbst, das darauf wartet, sich zu verwirklichen. Das Geheimnis eines glücklichen Lebens liegt nicht darin, immer besser zu performen und das innere Selbst bis ins Letzte zu ergründen. Vielmehr geht es darum, sich so anzunehmen, wie man ist, und den Blick wieder mehr auf die Menschen um uns herum zu richten. Statt von vermeintlichen zukünftigen Potenzialen zu träumen, sollten wir viel mehr das Bestehende wertschätzen.

Wer so denkt und handelt, erteilt auch der konsumorientierten Glückseligkeits-Industrie eine Absage, die das Konzept der Selbstverwirklichung zum Geschäftsmodell gemacht hat. Diese Branche versucht nämlich, vom Irrglauben an die persönliche Erfüllung durch Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung zu leben. Wer sich ständig verändern will oder muss und nie mit sich zufrieden ist, braucht unablässig neue Produkte, um glückselig zu werden. Und kommt doch nie ans Ziel.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22.08.2019.

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